Die letzten Überlebenden des Holocaust

Es leben nur noch wenige Zeitzeugen, die den Holocaust selber erfahren haben. Eine Wanderausstellung zeigt zurzeit in Bern die letzten Schweizer Überlebenden in eindrücklichen Porträts und erzählt ihre Geschichten.

Grossformatige Porträts und Videos der letzten Holocaust-Überlebenden in der Schweiz stehen im Zentrum der Ausstellung. (Bild: Renate Wernli)

«Wir wurden in einem Viehwaggon deportiert. Drei Tagen waren wir unterwegs, als der Zug stoppte. Da hörte ich plötzlich ein Gebrüll auf Deutsch: ‹Aussteigen!› Ich schaute aus dem Viehwaggon, sah, wie die SS die Menschen prügelten, damit sie schnell ausstiegen. Eine Mutter kümmerte sich um ihre Kinder, ging zu langsam, da nahmen die SS ihren Säugling und warfen ihn auf einen Lastwagen, auch Alte und Kranke wurden auf den Lastwagen geworfen. Sie wurden sogleich vergast.»

So schildert Eduard Kornfeld seine Ankunft 1943 im Konzentrationslager Auschwitz. Der 1929 in Bratislava geborene Jude überlebte auch den Todesmarsch ins KZ Dachau, wo er 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde. Da wog er nur noch 27 Kilogramm. Seine Eltern und seine vier Geschwister wurden in den Gaskammern ermordet. Kornfeld kam 1949 in die Schweiz, kurierte in Davos eine schwere Lungentuberkulose und machte eine Lehre als Juwelenfasser. Heute lebt er in Zürich.

Erinnerung wachhalten

Eduard Kornfeld ist einer von vierzehn Überlebenden, denen die Ausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors» gewidmet ist. Die Schwarz-Weiss-Porträts in Grossformat zeigen Menschen, welche den Holocaust am eigenen Leib erlebt haben. Ihre Gesichter sind von dieser Erfahrung gezeichnet. In filmischen Kurzporträts erzählen die Überlebenden davon, wie sie die Zeit in den Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkriegs erlebt und wie sie nach dem Holocaust weitergelebt haben.

Die Ausstellung wurde von der Gamaraal Foundation konzipiert, die sich für bedürftige Holocaustüberlebende engagiert. Für Präsidentin Anita Winter ist es wichtig, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten, heute, da nur noch wenige Zeitzeugen aus eigenen Erfahrungen über den Genozid berichten können. Gregor Spuhler, Leiter des Archivs für Zeitgeschichte, betont, die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands seien zwar vor über siebzig Jahren passiert, doch Völkermord, Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit existiere auch heute noch. «Die Ausstellung ruft ins Bewusstsein, welche Gefahren drohen, wenn sich Nationalismus, Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung religiöser Minderheiten mit der Infragestellung von grundlegenden Prinzipien des demokratischen Rechtsstaates verbinden, auch in der Gegenwart.»

Alles hinterfragen

Eduard Kornfeld erzählte an der Ausstellung vor den Medien, er werde oft gefragt, wie er es geschafft habe, nach den Erlebnissen weiterzuleben. Er habe im KZ einen riesigen Überlebenswillen entwickelt, so Kornfeld, habe sich danach eine Familie aufbauen und einen Beruf erlernen wollen, um unabhängig zu bleiben. Denn er habe gelernt, dass man sich nicht auf andere verlassen könne. Die Erinnerungen aber werde man nie los, im Alter würden sie noch stärker.

Kornfeld hält viele Vorträge an Schulen. Seine Botschaft an die junge Generation: «Kein Mitläufer sein. Alles, wirklich alles hinterfragen. Fünfzig Millionen Menschen sind im Zweiten Weltkrieg umgekommen, weil man die Entwicklung nicht hinterfragt hat.»

 

Stefan Schneiter/reformiert.info
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch». Er erschien erstmals im Mai 2017 zur Ausstellung an der ETH Zürich.