«Die Kirche soll auch in schwierigen Situationen präsent sein»

Der Zürcher Pfarrer Andrea Marco Bianca setzt sich dafür ein, dass die reformierte Kirche vermehrt Scheidungsrituale anbietet. Diese können helfen, eine Ehe auch auf der emotionalen Ebene zu beenden, sagt er im Interview. Sein neues Buch feiert am 25. September Vernissage.

«Je nach Situation kann es ratsam sein, getrennte Wege zu gehen»: Andrea Marco Bianca (Bild: zvg)

Andrea Bianca, was ist ein Scheidungsritual?       

Die meisten Menschen, die eine Scheidung erleben, werden dadurch aus ihrem vertrauten Lebensumfeld geworfen. Ein Scheidungsritual ist ein bewusstes Begehen einer solchen Lebenswende mittels Worten und Symbolen. Im kirchlichen Rahmen kann es in der Seelsorge stattfinden, oder, wenn von den Scheidenden gewünscht, auch in einem speziellen Gottesdienst.

 

Wie läuft so ein Ritual ab?

Es wird immer individuell angepasst, denn jede Scheidung ist einzigartig. Grundsätzlich gibt es zwei Formen. Entweder vollziehen die Scheidenden das Ritual gemeinsam oder eine Person tut dies alleine.

 

Man kann als Einzelperson an einem Scheidungsritual teilnehmen?

Oft will ja nur ein Partner die Scheidung und der andere nicht. Oder die gerichtliche Scheidung verläuft zu konfliktreich. Darum sind in vielen Fällen nicht beide Partner gleichzeitig bereit für ein Ritual. Für manche Scheidenden ist es dennoch heilsam, diese einschneidende Lebenswende für sich alleine abzuschliessen.

 

Und wie nimmt man Abschied?

In drei Schritten. In einem ersten gilt es, sich bewusst von der Ehe zu verabschieden. Dazu gehört auch der Dank für das Schöne in der Ehe. In einem zweiten werden die Trauer oder die Schuldgefühle in Vergebung verwandelt, das Eheversprechen wird aufgelöst. An dritter Stelle steht die Ausrichtung auf den Neuanfang. Scheidende, die christlich geheiratet haben, erhalten hier einen Segen für ihre künftig getrennten Wege.

 

Was bewirkt dies alles?

Eine Ehe muss nicht nur juristisch, sondern auch auf der emotionalen und spirituellen Ebene geschieden werden. Ein Ritual kann helfen, sich wirklich zu trennen und sich nicht weiterhin – zum Beispiel durch Trauer- oder Schuldgefühle – verbunden zu fühlen. Es kann auch bewirken, dass man die zerbrochene Ehe nicht nur negativ sieht, sondern ihr den Wert und die Würde zugesteht, die sie lebensgeschichtlich trotz allem Schwierigen hatte. Und schliesslich kann das Ritual ein Stück persönlicher Verarbeitung sein, wenn es in Seelsorgegesprächen vor- und nachbereitet wird.

 

Sie sagen, eine Ehe müsse auch auf der spirituellen Ebene geschieden werden. Was meinen Sie damit?

Die spirituelle Ebene ist entscheidend und betrifft alle Ehepaare, egal ob sie kirchlich, religiös oder humanistisch eingestellt sind. Jedes Paar gibt sich am Anfang einer Ehe ein Jawort zu höheren Werten, sei es zur Liebe oder Familie. Man verliert mit der Scheidung somit nicht nur den Partner, sondern auch einen Lebensentwurf. Wenn der Pfarrer bei einer Scheidung diesen Transzendenzbezug in einem Ritual aufnimmt – und zwar genau so, wie ihn das Paar selbst formuliert – kann dies den Scheidenden helfen, den Glauben an Gott respektive an diese Werte nicht zu verlieren und diesen trotz gescheiterter Ehe aufrechtzuerhalten.

 

Sie setzten sich als Pfarrer für Scheidungsgottesdienste ein. Wie argumentieren Sie theologisch?

Die Kirche soll ihre Botschaft vom Evangelium, also von dem, was für die Menschen und ihr Leben grundsätzlich und umfassend gut ist, genau an den Ort bringen, wo sie es nötig haben. Bei einer Hochzeit kann es die Freude vergrössern, das Versprechen vertiefen und dem Paar den Segen geben. Doch eigentlich wäre es bei einer Scheidung noch viel wichtiger, dass die Kirche präsent ist. Denn hier geht es um schwierige Fragen: Was bedeutet es wenn man aneinander schuldig wird? Was ist der Sinn meines Lebens, wenn ich an der Ehe scheitere?

 

Die Kirche bietet bereits jetzt seelsorgerliche Begleitung an.

Ja, aber das Liturgische zeichnet die Kirche besonders aus. Ich verstehe Gottesdienste als Rituale. Rituale bewirken mehr als nur ein Gespräch. Zudem sollte die Ehe, die rituell begonnen wurde, auch rituell beendet werden. Bevor bei einer weiteren Heirat ein neuer kirchlicher Segen erteilt wird, sollte zudem das alte Eheversprechen aufgelöst werden.

 

Was sagt die Bibel zur Scheidung?

Viele denken zuerst an die alte Trauformel «Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden» (Markus 10,9). Die Kirche hat dies lange als absolutes Scheidungsverbot verstanden. Dabei wird übersehen, dass sich bereits in der Bibel Ausnahmen finden. Laut Matthäus ist die Scheidung bei sexuellem Fehlverhalten und laut Paulus bei unterschiedlichem Glauben erlaubt. Letzteres bedeutet heute, dass zwei Menschen in der Frage nach Ziel und Sinn ihres Ehelebens keinen gemeinsamen Weg mehr finden.

 

Verstehe ich Sie richtig, dass Sie eine Scheidung in einem solchen Moment sinnvoll finden?

Ich glaube, dass Gott am lebenslangen emotionalen und spirituellen Wachstum von Menschen interessiert ist. Wenn dieses Wachstum im Zusammenleben zweier Personen nicht mehr möglich ist, eine Ehe also auf diesen Ebenen tot ist, dann kann es ratsam sein, getrennte Wege zu gehen.

 

In den meisten reformierten Kantonalkirchen ist es inzwischen möglich, dass Pfarrerinnen und Pfarrer Scheidungsrituale durchführen. Auch in der Zürcher Landeskirche. Doch besteht die Nachfrage überhaupt?

Die Nachfrage ist sehr gering. Aber man soll hier nicht nur mit Zahlen operieren, sondern auch mit Theologie und individuellen Lebensgeschichten. Auch in Zukunft wird nicht jedes Paar ein Scheidungsritual machen wollen. Ich bin aber überzeugt, dass solche Rituale von der gesellschaftlichen Entwicklung her künftig eine grössere Bedeutung haben werden. Schliesslich geht der gesellschaftliche Trend dahin, dass man nach der Scheidung nicht ewigen Streit will, sondern eine gelöste, aber freundschaftlich geprägte Verbundenheit.

 

Nach der Lektüre Ihres Buches hat man den Eindruck, vor allem Frauen würden an Scheidungsritualen teilnehmen.

Bei den individuellen Einzelritualen sind es praktisch ausschliesslich Frauen. Offenbar haben diese einen anderen Bezug zu Spiritualität und zu Beziehungsthemen. In meiner Untersuchung gibt es aber auch Männer, die an Paarritualen teilgenommen haben, ohne zuvor vollends überzeugt gewesen zu sein. Sie waren im Nachhinein überrascht, wie viel das Ritual ihnen gebracht hat. Deshalb ist es entscheiden, dass die Pfarrerin oder der Pfarrer bezüglich der Gestaltung des Rituals nicht nur die Frau, sondern auch den Mann genau fragt, welche Worte und Symbole für ihn stimmig sind.

 

 


Scheidungsrituale: ein globales Phänomen

Scheidungsrituale gibt es seit alttestamentarischer Zeit auf der ganzen Welt in unterschiedlichen Religionen und Kulturen. Das zeigt die eben erschienene Doktorarbeit von Andrea Marco Bianca, die rund 300 konkrete Beispiele solcher Rituale beschreibt. Seit den Sechzigerjahren werden sie im Rahmen von Therapie und Mediation wiederentdeckt. Ebenfalls seit dann wurde in den USA über kirchliche Scheidungsrituale nachgedacht. In den 1980er Jahren folgt dieselbe Entwicklung in Kontinentaleuropa. In der Schweiz hat der Zürcher Pfarrer Anselm Burr 1993 das erste Scheidungsritual für eine Frau durchgeführt.

Das Buch bietet ausserdem Ritualtheorien, praktisch-theologische Ansätze und Kriterien für kirchliche Scheidungsrituale. Der reiche Fundus an Material ist auch für Laien und auszugsweise gut lesbar. Am Ende jedes Kapitels findet sich eine praktische Zusammenfassung.

 

Andrea Marco Bianca: Scheidungsrituale. Globale Bestandsaufnahme und Perspektiven für eine glaubwürdige Praxis in Kirche und Gesellschaft. TVZ, 2015, 968 Seiten, Paperback mit DVD

 

Vernissage: 25. September, 19 Uhr, reformierte Kirche Küsnacht. Der Autor Andrea Marco Bianca im Gespräch mit Christine Maier, Chefredaktorin Sonntagsblick, ehemalige Moderatorin SRF. Musikalische Umrahmung: Larissa Baumann, Jazz- und Soulsängerin

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Sabine Schüpbach/reformiert.info