Pater Rutishauser, die Jesuiten feiern dieses Jahr ihr Jubiläum mit hochrangigen Vertretern aus Kirchen und Politik. Der neue Papst ist Jesuit und so populär wie kaum einer zuvor. Trotzdem sagten Sie kürzlich, dass Sie immer noch alten Vorurteilen und Klischees begegnen. Was meinen Sie damit?
Wenn man in eine reformierte Gemeinde auf das Land hinaus geht – auch das etwas klischeehaft gesprochen –, trifft man noch auf die Meinung: Der Jesuitenorden ist eine antiprotestantische Gründung. Das ist historisch falsch. Dann heisst es auch: Die Jesuiten sind papsttreu über alles, gehorsam, nicht frei wie die Protestanten. Als Letztes kommen die negativen Stereotypen aus der historischen Polemik: Den Jesuiten kann man nicht vertrauen, sie sind schlau, hochmütig, führen einen hinters Licht und so weiter.
Woher kommt denn der Vorwurf, die Jesuiten seien die Speerspitze der Gegenreformation gewesen?
Während sich der Orden vom Ursprung her als Missionsorden versteht und sich zuerst nach Asien und Südamerika ausdehnte, wurde er in unseren Breitengraden eindeutig zu einer antireformatorischen Gruppierung. Das ist unbestreitbar. Die Jesuiten waren direkt dem Papst unterstellt, zentralistisch organisiert und kämpften für die Einheit der Christen. Sie beteiligten sich immer an der «Aussenpolitik» der Kirche. Zudem merkten sie, wie sich viele Gebildete der Reformation zuwandten. Dadurch blieb in der katholischen Bevölkerung ein Vakuum zurück. Dieses füllten die Jesuiten, indem sie sich von einem Bettelorden in einen Bildungsorden verwandelten, Schulen und Universitäten gründeten.
Das heisst, die Jesuiten haben die reformatorische Bewegung eigentlich mit ihren eigenen Waffen bekämpft.
Genau. Im Grunde waren sie Reformatoren, die sich kirchenpolitisch nicht abgespalten haben. In Rom wurden Jesuiten mehrere Male als Lutheraner verdächtigt, als «preti reformati» – «reformierte Priester». Die geistlichen Bewegungen von Luther und Ignatius sind ähnlich, wenn auch Ignatius mehr Mystiker ist und Luther mehr Theologe. Aber wo die Politik anfängt, gehen der Baske und der Deutsche andere Wege. Das hat etwas mit der Kultur zu tun.
Jesuit Christian Rutishauser: «Was die Ökumene betrifft, gibt es heute auch zu romantische Vorstellungen.»
Wird es im Rahmen des jetzigen Jubiläums auch eine kritische Aufarbeitung der Ordensgeschichte geben?
Ja, es gibt Dutzende Kongresse weltweit. Wir in der Schweiz machen zwei, einen in Brig und einen in Fribourg. Jesuitenforschung ist bei Historikern gerade sehr en vogue.
Welche Selbstkritik würden Sie als Jesuit an Ihrem Orden äussern?
Die Jesuiten haben es zur Zeit der Aufklärung teilweise verpasst, den neuen Geist in ihre Ausbildungsstätten zu lassen. Im 19. Jahrhundert wurden sie sehr konservativ. Sie fanden sich auch in diese Rolle hineingedrängt, mussten sich zwischen der Loyalität zu den Nationalstaaten und dem Papst entscheiden. Sie stützten stark das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma von 1870, das man heute nicht mehr so verteidigen würde. Mit dem jesuitischen Missionseifer des 19. Jahrhunderts ergab sich ausserdem eine gewisse Nähe zum Kolonialismus. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass es schon damals liberal-katholische Jesuiten gab.
Obwohl die Gesellschaft Jesu 1814 wiedererrichtet wurde, blieb sie in der Schweiz bis 1973 verboten. Wie konnte sie sich in der Zwischenzeit halten?
Das Jesuitenverbot wurde 1848 in die Bundesverfassung geschrieben, nachdem die Jesuitenfrage zum Auslöser des Sonderbundskriegs geworden war. Das haben die Schweizer Katholiken immer als ungerecht empfunden. Doch es gab eine Präsenz von Jesuiten, wenn auch illegal. Sie gründeten zivilrechtliche Vereine, die von Laien geleitet wurden, kauften so Liegenschaften und wirkten dort. Während des 2. Weltkriegs fanden sogar Jesuiten in der Schweiz Zuflucht, nachdem sie von den Nazis vertrieben worden waren. Doch es gab lange keine Möglichkeit, den Jesuitenartikel zu streichen, da die Protestanten im Bundesstaat immer die Mehrheit hatten und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in solchen Fragen konfessionell abgestimmt wurde. Das änderte sich erst mit dem Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Dieses Konzil wurde massgeblich vom Jesuiten Karl Rahner mitgeprägt. Doch die damit angestrebte Öffnung der katholischen Kirche scheint in vielem steckengeblieben, gerade in der Ökumene. Woran liegt das?
Im Grunde befand sich die Kirche vor dem Konzil in einer Erstarrung. Mit dem Konzil wurde diese Erstarrung aufgesprengt. Wenn so etwas passiert, ist es klar, dass das Pendel wieder einmal in die andere Richtung ausschlägt. Die Jesuiten haben dabei mitgemacht. Was die Ökumene betrifft, gibt es heute auch zu romantische Vorstellungen, im Sinne von: «Jetzt machen wir alles zusammen.» Ökumene ist ein langer Prozess. Ich glaube, es gab dann in den letzten Jahren ein zu angstvolles Suchen nach der eigenen Identität. Ich würde sagen, es fehlt der katholischen Kirche manchmal der Mut zur Komplexität. Sie traut ihren Gläubigen immer noch nicht zu, eigene Urteile zu fällen, sondern versucht, eine gerade Linie für die ganze Welt vorzugeben. Vor allem in unseren Breitengraden funktioniert das nicht.
Was kann Papst Franziskus bewirken, den viele schon als Reformator der Kirche sehen?
Die katholische Kirche ist ein grosser, weltweiter Apparat. Es werden sehr naive Hoffnungen auf den Papst projiziert durch Leute, die von ihm die «Welterlösung» erwarten – das sollten wir ja nur von Jesus Christus. Franziskus versucht, massive Reformen anzustossen, aber nicht diktatorisch, wie es sich gerade auch sonst gute Demokraten leider wünschen. Man kann nicht einen Staat, wie es der Vatikan ist, am eigenen Staat vorbei führen. Wenn Papst Franziskus sagt: «Alle meine Angestellten sind klerikal verseucht und schlecht», so ist das mutige Eigenkritik, zugleich aber auch eine Gratwanderung. Er versucht, den Apparat aufzubrechen, indem er andere Strukturen schafft, muss jedoch immer wieder mit dem Apparat zusammenarbeiten. Ob es ihm gelingt, weiss niemand.
Jesuit Christian Rutishauser: «Politische Kriterien dürfen nicht Kirchenentscheide mitbestimmen. Das war für mich übrigens auch der grosse Fehler von Zwinglis Zürich.»
Als Jesuit schwören Sie dem Papst besonderen Gehorsam. Doch gerade sein Amt stellt eines der grössten Probleme in der Ökumene dar, auch im Verhältnis zu den orthodoxen Kirchen.
Das geistliche Primat des Papstes als Bischof von Rom wird von den orthodoxen Kirchen nicht bestritten. Was das Unfehlbarkeitsdogma betrifft, sehe ich darin nicht ein solch grosses Problem, da zuletzt kein Papst mehr davon Gebrauch machte. Man kann es ruhen lassen. Wenn es um die Grenzen der päpstlichen Jurisdiktion geht, ist diese historischen Prozessen unterworfen. Ihre Form ändert sich immer wieder. Aber die Errungenschaft des Papsttums als eines von der weltlichen Macht unabhängigen Amtes wird die katholische Kirche nie aufgeben. Für sie widerspricht die nationale Gebundenheit der orthodoxen Kirchen zum Beispiel einer Wahrheit des Christseins. Politische Kriterien dürfen nicht Kirchenentscheide mitbestimmen. Das war für mich übrigens auch der grosse Fehler von Zwinglis Zürich. Nicht ein theologischer. Sondern dass ein Stadtrat anfing, die Kirche politisch zu leiten. Heute muss man dies alles wieder mühsam voneinander trennen.
Sie wurden im Februar zum neuen Berater der Vatikan-Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum ernannt. Schon Ihr Ordensgründer Ignatius vertrat für seine Zeit eine sehr judenfreundliche Politik, im Gegensatz etwa zu Martin Luther. Woher kommt diese Nähe?
Sie haben recht. Der erste Sekretär und der zweite Generalobere des Ordens waren jüdischer Abstammung, um 1580 betrug der Anteil der jüdischen Konvertiten im Orden zwanzig Prozent. Diese Offenheit hat sicher damit zu tun, dass es sich bei den Jesuiten um einen Reformorden handelte, der alles auf Christus zurückführen wollte und dabei inkarnatorisch dachte: Ignatius wollte dem Juden Jesus nicht nur dem Geiste, sondern auch dem Fleische nach verwandt sein. Ausserdem erlebte Ignatius die Behandlung der Juden im Spanien seiner Zeit als Unrecht. Er war nicht im modernen Sinn für einen religiösen Dialog, sondern wollte sie bekehren, aber ohne Zwang. Das war einmalig in seiner Epoche. Jüdisch-jesuitische Gemeinsamkeiten gibt es auch in der Bedeutung der Bildung, dem ethisch-rechtlich kasuistischen Denken und der Diskussionskultur.
Pater Christian Rutishauser leitet die Schweizer Jesuiten seit 2012.