«Hürden für den Eintritt sind höher als für den Austritt»

In vielen reformierten Landeskirchen kann man heute Mitglied werden, ohne getauft zu sein. Man muss auch keinen Kurs über den reformierten Glauben besuchen. Der Theologe Francesco Cattani kritisiert diese Praxis, der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller findet sie plausibel.

Die Taufe steht - theoretisch - am Anfang der Mitgliedschaft bei den reformierten Kirchen.
Die Taufe steht - theoretisch - am Anfang der Mitgliedschaft bei den reformierten Kirchen. (Bild: Reformierte Medien)

«Taufe und Mitgliedschaft in der Kirche gehören zusammen – das ist reformierter Konsens rund um den Globus», sagt Gottfried Locher, Kirchenbundspräsident, gegenüber ref.ch. Doch gehören diese beiden im gelebten Protestantismus wirklich zusammen? Bei vielen reformierten Landeskirchen müssen sich Eintrittswillige nämlich nicht taufen lassen, und vertiefte Kenntnisse über die Bedeutung des Reformiertseins sind ebenfalls nicht nötig.

Zum Beispiel in Basel-Stadt: Gemäss Kirchenratssekretär Peter Breisinger «kann jeder mit Wohnsitz im Kanton Mitglied werden. Es braucht keine Taufe, keine Unterweisung und keine Gewissensprüfung.» Oder auch in Bern-Jura-Solothurn: Die Taufe bildet keine juristische Voraussetzung für die Aufnahme, und ein Kurs oder das Nachholen der Kirchlichen Unterweisung (KUW) sind nicht vorgesehen, wie der Kommunikationsleiter Hans Martin Schär bestätigt. Interessiert also nur noch, dass die Kirchensteuer bezahlt wird? Und die Inhalte sind egal?

Formlos

Schär verneint: «Man wird nicht mit ein paar Mausklicks Mitglied, sondern nach einem einfachen, aber ernsthaften Aufnahmeverfahren, in dessen Zentrum ein Gespräch mit der Pfarrperson steht. Diese hat mit dem Kirchgemeinderat zu entscheiden, ob eine Taufe zu vollziehen oder ob aus seelsorgerlichen Überlegungen zurzeit darauf zu verzichten ist.»

Bei der Aargauer und der Zürcher Kirche ist ebenfalls weder eine Taufe noch eine Unterweisung vorgesehen. Auf der Website der Zürcher Reformierten wurde der Eintritt bis vor kurzem recht formlos beschrieben: «Senden Sie uns das ausgefüllte Aufnahmeformular zu. Wir leiten es weiter an die zuständigen Stellen (Pfarramt, Kirchenrat, Einwohnerkontrolle). Der Pfarrer, die Pfarrerin Ihres Wohnortes wird sich daraufhin bei Ihnen melden und die Aufnahme bestätigen.» *

So einfach ist das?

So einfach ist das? Francesco Cattani ist kritisch. Er hat in Zürich und Kanada Theologie studiert und beginnt im Herbst das Vikariat in Oberrieden ZH. «Bei der Konfirmation müssen sich die Konfirmanden auch mit dem Glauben auseinandersetzen, ohne dass man ihnen etwas überstülpt», so Cattani. «Gerade die verantwortungsvolle und kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben wäre ja essenziell reformiert. Davon sollte man als Mitglied eine Ahnung haben», findet er. Zwar bieten manche Kirchgemeinden solche Kurse an, aber sie sind freiwillig.

Von einer eintrittswilligen Person könne man zum Beispiel verlangen, zwölfmal im Jahr einen Theologiekurs zu besuchen, so Cattani. Wenn jemand Mitglied werden wolle, weil er schätze, was die Kirche sozial leiste, dann könne er ihr auch Geld spenden. «Die volle Zugehörigkeit zur Kirche hat aber mit dem Glauben zu tun und erschöpft sich nicht mit dem Bezahlen von Kirchensteuern.»

Kein Eintritt auf Knopfdruck

Der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller sieht es ein bisschen anders. Den – unterdessen geänderten – Text auf der Zürcher Website bezeichnet er als «etwas abgekürzt». Es sei nicht so, dass man einfach per Formular eintreten könne, quasi auf Knopfdruck. «Eine eintrittswillige Person muss zuerst ein Gespräch mit einer Pfarrperson führen. Diese wird dann den Eintritt empfehlen.» Die Hürden für einen Eintritt seien somit wesentlich höher als jene für einen Austritt. Man solle vom Nicht-vorhanden-Sein eines Zwangs nicht auf völlige Voraussetzungslosigkeit schliessen.

Müller hat selbst schon mehrere solche Eintrittsgespräche geführt: «Da wird nicht einfach durchgewinkt, sondern das sind Gespräche mit Tiefenqualität und einem seelsorgerlichen Aspekt. Die meisten Menschen, die eintreten wollen, haben sich das sehr gut überlegt.»

Ein Minusgeschäft

Laut Müller ist das Eintrittsgespräch weder eine Inquisition noch ein rein formaler Akt, bei dem man nur auf die Kirchensteuern schielt: «Vor allem Wiedereintritte können rein finanziell betrachtet für die Kirche sogar ein Minusgeschäft sein, weil jemand jahrelang die Steuern gespart hat und dann vielleicht nach dem Wiedereintritt eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, zum Beispiel eine Beerdigung.»

Was hält Müller von Cattanis Vorschlag, eintrittswilligen Leuten einen Kurs zu verordnen? «Das wäre unevangelisch. Die Kirche stellt keine Forderungen, sondern lädt ein. Zudem wäre ein solcher Kurs auch nicht umsetzbar. Wollen sie einem 10-jährigen Mädchen und einem 60-jährigen Mann den gleichen Kurs vorgeben?»

Es könne sein, räumt Müller ein, dass bei einem «Liebeseintritt», also wegen einer Heirat, jemand vielleicht zu wenig über die Reformierten wisse. Dann könne man einen Kurs empfehlen. Aber zwingen müsse man niemanden dazu.

 

* Der Text auf der Website wurde nach den Recherchen von ref.ch geändert: Es heisst nun: «Der Pfarrer, die Pfarrerin Ihres Wohnortes wird sich bei Ihnen für ein Gespräch melden, um anschliessend Ihre Aufnahme zu empfehlen. Aufgrund dieser Empfehlung wird die Landeskirche die Aufnahme bestätigen. Der Pfarrer, die Pfarrerin Ihres Wohnortes wird daraufhin die Aufnahme vollziehen.»

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Matthias Böhni / ref.ch