Die Digitalisierung als Religion und das Internet als Gott

Neue Technologien prägen unseren Alltag. An einer Veranstaltung suchten Wirtschaftsexperten Parallelen zu etwas Urmenschlichem: zur Religion.

Die digitale Vernetzung verändert die Gesellschaft. Das Netz habe damit eine göttliche Macht über uns, sagt ein digitaler Vordenker. (Bild: Keystone/Manfred Bail)

Alles ist heutzutage irgendwie digital. Aus Münzen werden Bitcoins, künstliche Intelligenzen lösen Telefonisten ab und Roboter werden die Soldaten der Zukunft. Manche munkeln gar, dass Google uns besser kennt als unsere eigene Mutter. Die Digitalisierung scheint omnipräsent und ihre Abstraktheit grenzt an Metaphysik. Kein Wunder kommt da die Frage auf: «Und was, wenn das Internet Gott wäre?»

Diese Frage stellte das «Forum Wirtschaft und Kirche» am 29. Mai an einer Veranstaltung im Kloster Kappel. Aus den Antworten der eingeladenen Wirtschaftsexperten wird klar: Es gibt viele Parallelen zwischen Gott und dem Internet – und noch mehr Projektionsflächen. Doch je genauer man hinschaut, desto mehr Fragen tun sich auf.

Digitalisierung verändert – auch die Vorstellung von Gott

Einer, der in der Digitalisierung und speziell im Internet eine Religion aus dem Silicon Valley erkennt, ist Joël Luc Cachelin. Er nennt sich selbst einen digitalen Vordenker und hat über die Digitalisierung mehrere Bücher, zuletzt «Internetgott», geschrieben. In Kappel sprach er von der Transformation, von den Veränderungen, welche die Digitalisierung mit sich bringt.

Die transformative Kraft erkennt er in der Vernetzung der Menschen, aber auch in jener der Geräte, die vermehrt ans Internet angeschlossen werden. Diese tauschen untereinander immer mehr Daten über uns aus. Kontrolle haben wir längst keine mehr darüber. «Die Könige des Silicon Valley, deren Glaubensgrundsätze und Algorithmen bleiben häufig unsichtbar. Wir wissen nicht genau, wer dahinter steckt», sagt Cachelin.

Das allmächtige Internet

Cachelin sieht in dieser Vernetzung eine Allmacht des Netzes. Das Internet übernehme so Funktionen, die einst Gott erfüllte. Was daraus in Zukunft wird und an welche Werte die Maschinen glauben werden, liegt laut Cachelin in unserer Hand: «Darin liegt die moralische Pflicht der Menschen von heute.»

Die Vernetzung biete viele Möglichkeiten, je nachdem wie die Prioritäten gesetzt würden. Sie könne für ein friedliches Zusammenleben auf dem Planeten genutzt werden, oder dafür, dass Technologieunternehmen ihre Gewinne mit unseren Daten steigern. «Deshalb müssen die Kriterien der Vernetzung diskutiert werden», fordert Cachelin.

Das Internet hat unsere Daten und kennt unsere Verhaltensmuster. Das verleiht jenen Macht, die im Internet die Geschicke lenken. (Bild: Keystone/Christian Ohde)

Die dunkle Seite der Datenwolke

Eine andere Perspektive auf die Digitalisierung und ihre göttlichen Attribute nahm Peter Seele ein, Professor für Wirtschaftsethik. In seinem Vortrag verglich er die Allwissenheit Gottes mit der Speicherung unserer Daten in sogenannten Clouds – vor allem auf der «Rückseite der Cloud».

Dort, sagt Seele, seien jene Daten gespeichert, die wir nicht bewusst preisgeben. Dies könnten Informationen über unser Leben sein, die wir zwar nicht kommunizieren, auf die man aber anhand unserer Daten schliessen könne. Zum Beispiel könnten Algorithmen die Schwangerschaft einer Frau anhand ihres Verhaltensmusters erkennen, bevor sie selbst davon weiss.

Früher sah Gott alles

Das Problem mit diesen Daten sei, dass wir darauf so gut wie keinen Zugriff hätten und dass jene, die Zugriff haben, zu allwissenden Göttern würden. Regierungen, Geheimdienste und Technologieunternehmen sind laut Seele die Akteure auf der  Rückseite der Cloud. Sie werten die Daten aus und können sie kapitalisieren.

«Sie wissen mehr über uns als wir selbst», sagt Seele. Das habe Auswirkungen auf die Freiheit unserer Gedanken und unseres Verhaltens. Schon früher habe der Mensch sein Verhalten angepasst, weil er glaubte, Gott sehe alles. Heute würden wir unser Verhalten ob der ständigen Überwachung anpassen und damit einschränken.

Eine enorme Macht

Wenn Cachelin und Seele über ihre Ideen sprechen, wird klar: Die Digitalisierung ist so komplex wie das Leben selbst. Sie besteht aus Daten, Beziehungen und Technik-Gadgets, die sich nicht aufzuzählen lohnen, weil sie schneller wieder obsolet sind, als Gott eine neue Welt erschaffen könnte.

Für die beiden ist die Digitalisierung aber nicht nur schlecht. Sie bedeutet auch Fortschritt, der uns das Leben erleichtert. Da sie zugleich einen enormen Einfluss auf uns als Gesellschaft und als Individuen ausübt, bieten sich die Analogien zu Gott und Religion an.

Grenzen der Analogie

Den Analogien sind jedoch auch Grenzen gesetzt. So betonte Seele in der anschliessenden Fragerunde: «Es gibt Grundmerkmale der Religion, die ich in der Digitalisierung nicht sehe. Ich sehe keine Schöpfungsgeschichten. Die grossen Fragen, woher wir kommen und wohin wir gehen werden nicht beantwortet.» In dieser Hinsicht sei die Monopolstellung von Gott und Theologie nicht gefährdet.