Die 40 Thesen für eine «zweite Reformation»

Mit seinen Thesen brachte Martin Luther die Reformation ins Rollen. Rund 500 Jahre später ruft der Kirchenbund die Reformierten der Schweiz auf, neue Thesen zu Kirche und Glaube zu formulieren: Über den Versuch einer zweiten Reformation.

«Gibt es mehr als einen Gott?» oder «Ist Unglück eine Strafe Gottes?»: Anregung zur Diskussion aus der Kirchenbund-Broschüre «Mit 40 Themen auf dem Weg». (Bild: zVg/kb)

2017 feiert die evangelische Welt das Jubiläum der Reformation: Vor 500 Jahren schlug der deutsche Reformator Martin Luther seine 95 Thesen an der Kirchentüre in Wittenberg an. Für die westliche Welt war dies das Fanal zum Aufbruch. Luthers Thesen erschütterten Europa zutiefst, veränderten die Gesellschaft und spalteten die Kirche.

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK schlägt seine Thesen in Form einer Broschüre dezenter an. Die Broschüre «Mit 40 Themen auf dem Weg» lädt Kirchgemeinden, Hauskreise, Synoden und Kirchenleitungen ein, Glaubensthemen zu diskutieren. Aufgefordert ist nicht nur die akademische Welt, sondern auch die Bahrfusstheologen. Theologie sei nicht nur die Angelegenheit der Pfarrschaft. Jeder und jede soll sich beteiligen und seine Impulse setzen, meint Bettina Beer-Aebi, Mitarbeiterin beim SEK. Es braucht jedoch Mut zu sagen, was man glaubt, räumt Beer-Aebi ein.

In der Deutschschweiz 4500 Exemplare verteilt

Die Fragen, welche die Broschüre stellt, sollen zu Thesen führen, die den Glauben und Überzeugungen zum Ausdruck bringen. «Solche Aussagen kann man nicht verifizieren und beweisen», so Beer-Aebi. «Das sind eben Glaubenssätze.» Zurzeit reist die Pfarrerin aus dem Freiburgischen zu Kirchenleitungen, Synoden und Pfarrkapiteln, um das Projekt vorzustellen. Der Kirchenbund hat inzwischen 3000 Exemplare der Broschüre in der Welschschweiz und 4500 in der Deutschschweiz verteilt.

Obwohl «Mit 40 Themen auf dem Weg» bunt und modern auftritt, präsentiert die Broschüre kirchliche Evergreens: Wie etwa «Ist die evangelische Kirche auch katholisch?» oder «Frei sein? Ja – aber wie?» Die Sprache, die vom «Christenmenschen als freier Herr, Herrlichkeit und Herrschaft» spricht, ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Trotzdem ist Daniel de Roche, SEK-Delegierter für das Reformations-Jubiliäum, überzeugt, dass die Thesen nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Etwa, dass die Liebe Gottes nicht von unseren Leistungen abhänge. «Dieses Angenommensein von Gott verleiht uns einen tieferen Lebenssinn und befreit zu Hilfe an anderen.» Heute sei der Kapitalismus allgegenwärtig. Der Glaube an den Mammon führe die Leistungsgesellschaft nicht ins Paradies, sondern zu gesellschaftlicher Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit, erklärt Daniel de Roche.

Die Thesen bilden den roten Faden für die Feierlichkeiten des Kirchenbundes zu 500 Jahren Reformation. Entsprechend eng ist der Fahrplan des Projekts: Im Juni des nächsten Jahres reichen die Kantonalkirchen die Resultate der Diskussion ein, die dann an der folgenden SEK-Abgeordneten-Versammlung im Herbst vorgestellt und diskutiert werden. Der Kirchenbund präsentiert die Thesen ab 2017 als «Essenz des schweizerischen reformierten Glaubens» auf internationalen Veranstaltungen.

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Tilmann Zuber, Interkantonaler Kirchenbote