Wahlen in Deutschland
«Parolen und Populismus verfangen, wenn Menschen sich gefährdet fühlen»
Frau Fehrs, die Kirchen hatten die Menschen explizit zur Wahl aufgerufen, tatsächlich war die Beteiligung bei der Bundestagswahl in Deutschland rekordhoch. War der 23. Februar ein guter Tag für die Demokratie?
Was die Wahlbeteiligung betrifft, schon. Sie zeigt, dass viele Menschen emotional aufgewühlt sind. Dass sich über 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die AfD und damit für eine in grossen Teilen rechtsextreme Partei entschieden haben, muss uns grosse Sorgen machen. Einige Personen aus der Partei haben sich in den letzten Monaten erneut unverhohlen rechtsextrem präsentiert.
Wie haben Sie den zuweilen gehässig geführten Wahlkampf erlebt?
Es war bedrückend, wie wenig Sachdiskussion möglich war. Zwar gab es Gesprächsrunden, in denen unterschiedliche Themen diskutiert wurden. Und doch haben meist Parolen dominiert. In der Migrationspolitik hat die AfD bewusst polarisiert, viel Stimmung gemacht und wenig Argumente vorgebracht. Parolen und Populismus verfangen, wenn Menschen sich gefährdet oder ohnmächtig fühlen. Zum Gefühl des Ausgeliefertseins trägt auch die derzeit geopolitische Situation bei, die natürlich sehr verunsichernd ist.
Hat denn Sie das Wahlresultat auch emotional aufgewühlt?
Das Resultat war ja erwartbar. Es dann aber als amtliches Wahlergebnis zu sehen, hat mich bestürzt. Es geht nicht nur um abstrakte Zahlen. Gerade erst nahm ich an einer Veranstaltung zum Jubiläum der diakonischen Einrichtung «Fluchtpunkt» teil. Ich traf eine junge Ärztin, die sich ehrenamtlich engagiert, ihre Familie stammt aus dem arabischen Raum. Die junge Frau sagte, diese Einrichtung erlebe sie als einen der wenigen sicheren Räume vor rechtsextremistischen und rassistischen Angriffen. Das muss man sich vorstellen: Menschen, die in zweiter oder dritter Generation hier leben und arbeiten, fühlen sich in unserem Land bedroht. Da werden die 20 Prozent Stimmenanteil ganz konkret. Und dem müssen wir als Kirche etwas entgegensetzen.
Seit November ist Kirsten Fehrs Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zuvor hatte sie den Rat während eines Jahres kommissarisch geleitet. Sie sass im Beauftragtenrat der EKD zum Schutz vor sexualisierter Gewalt und ist nun Mitglied im Beteiligtenforum. Fehrs ist Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. (red.)
Sie wollen mit AfD-Wählern im Gespräch bleiben, machen aber deutlich, dass deren Positionen in der Kirche eigentlich gar keinen Platz haben: Das ist doch paradox.
Der Mensch bleibt Mensch und damit ein Gegenüber. Wir müssen uns der Realität stellen, dass viele Leute rechtsextreme Positionen zumindest in Kauf nehmen. In diesen Gesprächen werden Redezeiten gewährt, in denen jeder seine Position darlegen kann, ohne unterbrochen zu werden. Hinter jeder Position verbirgt sich eine Geschichte. Wenn ich mich darauf einlasse, einfach einmal zuzuhören, erfahre ich etwas über die Menschen, zum Beispiel weshalb jemand Putin unterstützt. Deshalb teile ich diese Meinung nicht, aber ich gerate nicht in Feindschaft zu meinem Gegenüber. Eine solche Auseinandersetzung ist nicht ohne, sie kostet Kraft.
In der Politik zählen die Positionen und Parolen. Ist das die Nische, welche die Kirche ausfüllen kann: den persönlichen Geschichten hinter den Meinungen Raum geben?
Ja, da ist die Kirche gemeinsam mit vielen anderen Akteuren der Zivilgesellschaft gefordert. Aber wir sind wahrlich nicht die Einzigen, die sagen, dass etwas gegen die mittlerweile durch Studien belegte Polarisierung getan werden muss. Ich sehe keinen anderen Weg. Sie spielen auf die jüngste Studie an, in der 80 Prozent der Befragten angaben, sie nähmen eine Spaltung der Gesellschaft wahr. Selbst in Familien werden bestimmte Themen lieber gar nicht erst angesprochen. Das halte ich für höchst problematisch, weil extremistische Positionen unwidersprochen bleiben. Auch nehme ich eine grosse Verunsicherung angesichts der komplexen und multiplen Krisen wahr. Dass sich das eigene Leben für viele gut oder zumindest zufriedenstellend anfühlt, gerät in den Hintergrund. Angst und Ohnmacht gewinnen so vermehrt die Oberhand. Die biblische Botschaft setzt dagegen eine Botschaft der Hoffnung.
Die gesellschaftliche Spaltung erscheint in anderen Ländern noch dramatischer. In den USA gehen die politischen Gräben quer durch Familien. Droht auch Deutschland ein ähnlicher Kulturkampf?
In den USA hat die Polarisierung sicher eine stärkere Dynamik angenommen. Und der Blick auf die Weltlage macht vielen Menschen Angst. In den USA erodieren Grundwerte und Haltungen, auf denen unsere westliche Kultur aufbaut und auch unser Grundgesetz basiert: dass die internationale Zusammenarbeit auf Vernunft und Abkommen setzt, die Politik im Gespräch konsensfähig bleibt, verlässlich, berechenbar und transparent handelt.
Was erwarten Sie konkret von der kommenden Bundesregierung?
Ich erhoffe mir ausgesprochen, dass die Parteien, die Regierungsverantwortung übernehmen, jetzt schnell zusammenfinden, einfach um handlungsfähig zu sein. Man hat sich ja nicht geschont im Wahlkampf. Die demokratischen Parteien müssen konstruktiv und verantwortungsvoll mit dem Wahlergebnis umgehen. Daran führt kein Weg vorbei, das haben nicht zuletzt die gescheiterten Koalitionsverhandlungen unter Führung der rechtsextremen FPÖ in Österreich gezeigt. Wir brauchen in Deutschland gute Rahmenbedingungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für eine weltoffene Gesellschaft. Eine vernünftige Migrationspolitik und endlich wieder mehr Aufmerksamkeit für den Klimaschutz. Wir alle ahnen, dass dies schwierig wird. Doch vor dem Hintergrund der mangelnden Alternativen muss es gelingen.
Fällt ein Schatten auf die Kirche, wenn in Russland und USA einmal mehr Krieg und Nationalismus mit Religion verbunden scheinen?
Das ist eindeutig ein Missbrauch von Religion. Kirchen haben wirklich anderes zu tun, als Spaltung zu fördern. Seelsorge ist der Kern unserer kirchlichen Identität, sie ist die Muttersprache der Kirche. Ob an den kollektiven Verständigungsorten oder in den Einzelgesprächen: Seelsorge kann helfen, die Ohnmachtsgefühle, die viele spüren, zu bewältigen.
Auch in Deutschland schrumpft die Kirche. Verliert sie damit ihre gesellschaftliche Relevanz?
Nein. Kirchenaustritte bereiten mir Sorge, zugleich steigt die Nachfrage nach Diakonie und Seelsorge. Die Ansprüche steigen bei weniger Mitteln, das ist eine Zerreissprobe. Aber wir sind in Deutschland immerhin 18,6 Millionen evangelische Christen. Und unzählige Menschen kommen hinzu, die sich humanitär und ehrenamtlich engagieren. Die Hälfte der 40'000 Leute in der Diakonie leisten allein in Hamburg unbezahlte Arbeit. Hier wird Nächstenliebe ganz konkret, und das gibt mir Hoffnung auch über die Kirche hinaus.