Debatte über die Ehe für alle wird nicht vertagt

Am ersten Tag ihrer Versammlung in Bern stellten die Abgeordneten des Kirchenbundes die letzten Weichen für die neue Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz. Zudem wiesen sie einen Antrag, die Debatte über die Ehe für alle zu vertagen, zurück.


Die Delegierten der Kantonalkirchen trafen sich am 4. November unter historischen Vorzeichen im Berner Rathaus: Zum letzten Mal kam die Abgeordnetenversammlung (AV) des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes in den alten Strukturen zusammen. Per 1. Januar 2020 wird der Kirchenbund zur Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Eine nationale Synode soll dann die Aufgaben der Legislative übernehmen.

Ungewohnt gross war das Interesse der Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen aber vor allem wegen eines Traktandums: der angekündigten Debatte über die Ehe für alle. Ende August hatte der Rat des Kirchenbundes die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare befürwortet. Ob sie dem Rat folgen wollen, sollen die Delegierten an Tag zwei der AV entscheiden.

Klares Votum für Debatte

Zum Thema wurde die Ehe für alle indes schon am ersten Sitzungstag. Der Zürcher Abgeordnete Willi Honegger beantragte die Streichung von der Traktandenliste. In den vergangenen Wochen habe sich in der reformierten Kirche ein Graben aufgetan, der durch einen vorschnellen Entscheid noch vergrössert werde, so Honegger. Zudem sei es unmöglich, in den geplanten knapp zwei Stunden grundlegende Differenzen wie zum Beispiel das unterschiedliche Bibelverständnis von Befürwortern und Gegnern zu klären.

Anders sah dies der Kirchenratspräsident der Reformierten Kirche Aargau, Christoph Weber-Berg. Er bedauere zwar, dass das Thema auf der Traktandenliste so weit nach hinten gesetzt wurde. Trotzdem bringe ein weiterer Aufschub nichts. «Die Argumente liegen hüben wie drüben auf dem Tisch», sagte Weber-Berg.

Dem pflichtete auch Ratsmitglied Sabine Brändlin bei. Der Rat sei zur Überzeugung gelangt, dass die Meinungsbildung weit genug vorangeschritten sei. «Wir riskieren, dass die Polarisierung in unserer Kirche zunimmt, wenn wir weiter warten», sagte Brändlin. Dies sahen dann auch die meisten Delegierten so. Mit 53 Nein- zu 8-Ja-Stimmen votierten sie deutlich gegen eine Streichung der Ehe für alle von der Traktandenliste.

Kirchenbund soll demokratischer werden

Danach konnte die AV zum offiziellen Programm zurückkehren. In seinem Wort des Ratspräsidenten sagte Gottfried Locher, der Kirchenbund stehe vor einer neuen Ära. Die Exekutive wolle in der neuen EKS nicht über die Köpfe hinweg entscheiden. Locher griff damit die Kritik an den Legislaturzielen in der letzten AV auf. Dort war dem Rat vorgeworfen worden, ein «hierarchisches Kirchenverständnis» zu vertreten. Demgegenüber hielt Locher nun fest, dass Partizipation in der neuen EKS einen grösseren Stellenwert haben müsse. «Die Zeit ist gekommen, dass sich etwas ändert.»

Locher schlug unter anderem sechs Handlungsfelder für die EKS vor. Diese könnten in strategischen Ausschüssen von Fachleuten bearbeitet und anschliessend der Synode zur Debatte vorgelegt werden. Dadurch sollen sowohl der Zusammenhalt wie auch die Partizipation in der reformierten Kirche sichergestellt werden, so Locher.

Internetauftritt aus Budget gestrichen

Weiter beriet die Versammlung über das erste Budget der neuen EKS. Für Diskussionen sorgte dabei insbesondere der Posten «Internetauftritt und Hub». Dieser war im Budget mit 259’000 Franken veranschlagt. Mehrere Delegierte störten sich an der Höhe des Betrags. Beanstandet wurde zudem, dass noch kein Projektbeschrieb für den neuen Internetauftritt der EKS vorliegt. Die Mehrheit der Delegierten sprach sich schliesslich für die Streichung aus dem Budget aus.

Fast einstimmig angenommen wurde ein Antrag der Kirche Basel-Stadt. Aufgrund ihrer finanziellen Situation beantragte sie eine Reduktion ihres Mitgliederbeitrags um rund 16’000 Franken. Mit der Zustimmung zu diesem Antrag genehmigte die Versammlung gleichzeitig das Budget 2020. Es sieht bei Mitgliederbeiträgen von rund 6 Millionen Franken einen kleinen Verlust von knapp 7000 Franken vor.

Diskussionslos genehmigt wurde zudem ein Beitrag von 420’000 Franken an die Seelsorge für Asylsuchende in Bundesasylzentren. Ebenfalls keinen Widerspruch fand ein Postulat des Appenzeller Delegierten Koni Bruderer. Demnach soll die EKS das Fachportal Diakonie.ch ab 2020 aus eigenen Mitteln finanzieren. (no)