Das höchstgelegene Stedtl Europas

Davos ist heute Sommermetropole orthodoxer Juden. Der jüdische Tourismus hat im Bergort eine lange Tradition. Und Zukunft, wenn es nach dem orthodoxen Wahldavoser Rafael Mosbacher geht.

Der jüdische Friedhof in Davos. Er wurde 1931 vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund eingerichtet.
Der jüdische Friedhof in Davos. Er wurde 1931 vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund eingerichtet. (Bild: Schweizer Heimatschutz)

Ein unerwartetes Bild, zumal für Nichtdavoser: In den Monaten Juli und August prägen jüdisch orthodoxe Grossfamilien mit ihrem unverkennbaren Habit – Männer und Knaben mit schwarzen Kippas, Frauen in langen Röcken und mit Perücke, Alte mit langen weissen Bärten und Kaftan – das Strassenbild des Bündner Bergorts.

«Die meisten der jüdischen Gäste kommen aus der Schweiz, aus England, Belgien, den USA oder Israel. Sie fühlen sich wohl hier, sie schätzen das angenehme Klima», erklärt Rafael Mosbacher. Seit vierzehn Jahren ist der orthodoxe Mosbacher Ansprechpartner der Gemeinde Davos, wenn es um jüdische Feriengäste geht. Ebenso wenden sich die jüdischen Gäste mit ihren Anliegen an ihn. Mosbacher selbst verbringt einen Grossteil seiner Freizeit und Ferien in Davos und vermietet seinerseits Ferienwohnungen.

Mosbacher, der in Zürich ein Cateringunternehmen führt, das Fluggesellschaften mit koscheren Mahlzeiten beliefert, ist so etwas wie ein Heimwehdavoser: Bis in die 1950er Jahre führte sein Vater in der Stadt in den Bergen eine Schreinerei. Er selbst ist aber in Zürich geboren und aufgewachsen.

Reizarme Höhenluft

Der jüdische Tourismus hat Traditon: Der jüdische Friedhof oberhalb von Davos Islen, 1931 als Teil des Waldfriedhofs vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund eingerichtet, zeugt von der langen Geschichte jüdischen Lebens in Davos. Und Sterbens: Die ersten jüdischen Gäste gelangten ab 1870 als Lungenpatienten nach Davos. Um die Jahrhundertwende entstanden orthodox geführte Pensionen, 1911 öffnete das Etania, die jüdische Heilstätte.

Alsbald erhofften sich jüdische Kurgäste am Fusse des Zauberbergs Seite an Seite mit schwindsüchtigen Nationalsozialisten Erholung von der Tuberkulose. Davos war am Vorabend des Zweiten Weltkriegs eine Hochburg der NSDAP. Die Davoser Luft war zwar keimfrei, wohl fiel aber zuweilen das Atmen in dieser bedrohlichen Stimmung schwer.

Für viele Patienten wurde es die letzte Reise: Mehrere Hundert Männer und Frauen sind hier nach jüdischem Ritus begraben. Die meisten Bestattungen erfolgten in den 1930er und 1940er Jahren. Als die Entdeckung antibiotischer Wirkstoffe Erfolge in der Behandlung der Tuberkulose erzielte, sattelten die zahlreichen Kliniken nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf die Therapie von Allergien um: Die trockene, reizarme Davoser Luft erwies sich als heilsam für Hautkrankheiten und Atemleiden.

Ab den 1980er Jahren setzte dennoch das Sanatoriensterben ein. Auch das jüdische Etania musste im Jahr 2000 seine Tore schliessen. Nicht zuletzt, weil die Krankenkassen Kuraufenthalte nicht mehr bezahlten, so Mosbacher, damals im Vorstand des gemeinnützigen Vereins Etania.

Der Berg ruft bis heute

Davos ist ein Anziehungspunkt für jüdische Gäste geblieben, auch wegen Mosbachers Initiative. Als das Etania 2000 schloss, suchte der Unternehmer den Kontakt zur Davoser Gemeinde. Er mietete das Langlaufzentrum als Synagoge, später Räumlichkeiten der ehemaligen Holländischen Klinik. Seit einigen Jahren sind nun mehrere Hotels während der Sommermonate in jüdischer Hand. Namhafte chassidische Rabbiner aus Israel, Antwerpen oder New York gastieren hier: «Diese Autoritäten sind ein Magnet für orthodoxe Gäste aus aller Welt.»

Und: Zweimal pro Sommersaison reserviert Mosbacher das öffentliche Hallenbad: «Zuerst sind die Männer dran, dann Frauen und Kinder. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr die Gäste das Baden geniessen.»

Renaissance des Zauberbergs?

Und wie steht es um die Beziehung mit den Einheimischen? Unlängst sorgte der Angriff eines Davosers auf einen orthodoxen Feriengast für Schlagzeilen. Von einer ablehnenden Haltung seitens der Davoser will Mosbacher nichts wissen. Auch bemerkt er keine Zunahme antisemitischer Äusserungen seit den jüngsten Ereignissen in Israel und Gaza: «Die Davoser sind weltoffen. Anfeindungen sind selten. Höchstens von anderen Gästen.»

Geholfen hätten die Merkblätter für Vermieter und jüdische Mieter, die er gemeinsam mit der Gemeinde erarbeitet hat. Und die Besuche an Davoser Schulen, bei denen er über das Judentum erzählte. Nach dem Vorfall vor zwei Wochen seien viele Davoser mit Solidaritätsbekundungen für das jüdische Opfer an ihn getreten: «Die jüdischen Gäste können sich hier wohlfühlen.»

Und der Wahldavoser hat Pläne: Das Etania soll wieder ein Kur-hotel werden. Jüdische Kinder, die an schmerzhaften Hautekzemen leiden, sollen in der Davoser Höhenluft Linderung erfahren: «Wir suchen Sponsoren. Das Etania braucht eine Sanierung.» Und Massnahmen seitens der Behörden. Bis heute gilt die Lage des Etania als lawinengefährdet.

Dieser Beitrag erschien am 29. August in der Reformierten Presse.