Darbellay-Schelte: Engagiert sich Kirche zu wenig für Flüchtlinge?

Die Antwort von Christophe Darbellay auf die harte Asylpolitik der SVP: die Kirche in die Pflicht nehmen und von ihr mehr Taten statt Worte in der Flüchtlingspolitik fordern. Die Kirchen kontern, dass oft bürokratische Hindernisse privates Engagement behindern.

Kirchliche Solidarität mit syrischen Flüchtlingen: Heiliggeistkirche Bern im Dezember 2014. (Bild: Annette Bouttellier)

Angefangen hat es im Juli. Der vom Katholizismus konvertierte reformierte Theologe Josef Hochstrasser forderte im «Tagesanzeiger» von der Kirche mehr Einsatz in der Asylpolitik. Zwei bis drei Flüchtlinge sollte jede Kirchgemeinde oder Pfarrei bereit sein, aufzunehmen. Die identische Forderung wiederholte vor wenigen Tagen Darbellay in einem Interview mit der «Basler Zeitung». Sein Tenor: «Auf hehre Worte müssen von den entsprechenden Wortführern auch Taten folgen.»

Vorwärtsverteidigung der C-Partei

Der Grund, warum Darbellay den Hochstrasser-Appell als Ideenbörse nutzte, liegt auf der Hand: Nachdem die CVP mit asylpolitischen Vorstellungen wie Arbeit ohne Lohn und Bargeldverbot für Flüchtlinge eine restriktive Linie vorgeben wollte, wurde Kritik am «C» im Parteinamen laut. Oder wie es Darbellay gegenüber dem katholischen Mediendienst «kath.ch»formulierte: «Die Kirchen sind sehr kritisch mit den Rechtsparteien – insbesondere mit der CVP –, sobald diese Massnahmen vorschlagen, die das heikle Asylproblem lösen sollen».

Die Kirchen zum Tatbeweis aufzufordern, ist auf den ersten Blick eine legitime Forderung. Hier stimmt auch Andreas Nufer, Pfarrer an der Heiliggeistkirche in Bern, zu: «Völlig einverstanden», sagt er. Er zweifelt indes daran, ob statt der traumatisierten Menschen nicht mehr der Wahlkampf im Fokus stünde. Vor allem macht Nufer, der sich seit vielen Jahren für Flüchtlinge engagiert, auf eines aufmerksam: Oft seien es die kantonalen Behörden, vor allem aber das Staatssekretariat für Migration (SEM), die kirchliches Engagement verhinderten. So berichtet Nufer, dass der Versuch der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, Exilanten privat einzuquartieren, am Widerstand des SEM gescheitert sei. «Man argumentierte: Private Unterkünfte würden eine Ungleichbehandlung der Flüchtlinge bedeuten», so der Berner Pfarrer. Immerhin: Mit anerkanntem Flüchtlingsstatus oder mit der vorläufigen Aufnahme steht den Neuankömmlingen die Wohnungswahl offen.

Innerkirchliche Abwehrreflexe

Nufer räumt freimütig ein, dass es innerkirchlich ebenfalls einen Abwehrreflex gegen Flüchtlinge gebe. Dies stehe ganz im Gegensatz zur Bibel, welche dem Schutzgebot gegenüber Fremden und Flüchtlingen einen hohen Stellenwert einräume. Deshalb wird Nufer am Mittwoch, 26. August, zusammen mit der Zürcher Pfarrerin Verena Mühlethaler eine «Migrationscharta» in Bern vorstellen. Die Charta soll die theologische Argumentation in der jetzigen Flüchtlingsdebatte stärken.

Auch Gabriela Bregenzer, Migrationsverantwortliche der Zürcher Landeskirche, erinnert daran, dass in einer Volkskirche von der Basis bis zur Kirchenpflege unterschiedliche Haltungen anzutreffen seien. Wie in der Gesamtgesellschaft reiche das Spektrum hier ebenso von Ablehnung bis zur Solidarität. Dass sich indes viele in Anbetracht der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer und auf dem Balkan engagieren wollten, spürt sie an den Aktivitäten vieler Kirchgemeinden. Von der Stadtzürcher Kirchgemeinde Neumünster und Grossmünster bis ins ländliche Bubikon finden sich nun diverse Flüchtlingsunterkünfte. Auch Mittagstische und Deutschunterricht würden von manchen Gemeinden angeboten. «Natürlich wäre es ideal, wenn jede Kirchgemeinde für zwei oder drei Flüchtlinge Wohnraum bereit stellen könnte», sagt sie zu der Darbellay-Forderung. Wenn dieses Maximalziel auch bisher nicht erreicht wird, stellt sie fest: „An der Basis bewegt sich derzeit etwas.“ Und sie hofft, dass sich dies durch einen Schneeballeffekt noch verstärke.

CVP-Politiker gegen kirchliche Asylunterkunft

Die katholische Seite reagierte ebenfalls auf Darbellays Kritik. Der Genfer Bischof Charles Morerod erinnerte dabei an folgendes: Gerne wolle sein Bistum das «Château de Rosière» in Grolley FR überlassen, um dort Flüchtlinge unterzubringen. Aber die Gemeinde wehrt sich. «Es liegt auch an den Politikern dafür zu sorgen, dass man überhaupt das Recht hat, Flüchtlinge aufzunehmen», argumentiert der Bischof. In diesem Zusammenhang erinnert er an den CVP-Gemeindepräsidenten von Grolley, Christian Ducotterd, der aktuell für den Nationalrat kandidiert.

In seiner Walliser Heimat, in der Darbellay bald als Regierungsrat amten will, wurde sein Vorstoss eher sarkastisch kommentiert. So schreibt der «Walliser Bote»: «Darbellays Appell wird kaum Früchte tragen. Dies weiss der erfahrene Politiker. Doch Hauptsache, er war schlagzeilenträchtig. Ob Darbellay nun bald einmal allen Kirchenleuten dankt, die sich hierzulande für Flüchtlinge tatkräftig engagieren? Vielleicht bringt ihm auch so etwas eine Schlagzeile ein.»

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Delf Bucher/reformiert.info