Für die Schwächsten und Ärmsten einzustehen hat eine lange christliche Tradition. Mehr noch, die Parteinahme für Verfolgte und Ausgestossene ist Dreh-und Angelpunkt der frohen Botschaft: Jesus trägt die Krone der Armen, der Verlassenen und der Geschundenen.
Auf den ersten Blick sehr stimmig scheint also der offene Brief von rund zwei Dutzend reformierten Pfarrerinnen und Pfarrern aus der Ost- und Westschweiz (zu lesen am Ende des Textes), der am 7. April Justizministerin Sommaruga erreichte. Im Schreiben wird die Politikerin aufgefordert, bei der angekündigten Aufnahme von weiteren 3000 syrischen Flüchtlingen doch die «am meisten benachteiligte Minderheit» unter den Asyl-Anwärtern zu berücksichtigen. Gemeint sind Christen.
Keine Frage: Die humanitäre Lage der Menschen christlichen Glaubens in Syrien ist besonders prekär. So zitieren die Verfasser verschiedene Quellen, die von systematischer Verfolgung, sowie von deren Benachteiligung in Flüchtlingslagern und bei der Hilfsgüterverteilung berichten. Die Forderung an Sommaruga, denjenigen bevorzugt Asyl zu gewähren, die sich laut Autoren «am untersten Ende der Leidenskette» befinden, ist trotzdem seltsam. Mehr noch: Sie ist zynisch. Die Unterzeichnenden wollen nichts weniger als eine Rangliste der Verletzlichkeit im Kriegselend erstellen. Aber wer sagt, dass nicht auch Kinder, Alte, Frauen, Kranke, Behinderte oder Homosexuelle als schutzbedürftigste Gruppe gelten könnten? Wer weiterdenkt merkt, dass Ranglisten des Leidens geradezu absurd sind – Kriegsopfer lassen sich nicht vermessen.
Der offene Brief ist aber auch ein Ausverkauf der Menschenrechte. Den Verfasserinnen und Verfassern scheint es nicht zu genügen, sich für die prioritäre Aufnahme von Christen auf der Flucht auszusprechen. Vielmehr werden letztere im Schreiben unverhohlen als für Wirtschaft und Gesellschaft lohnenswert angepriesen. So seien christliche Flüchtlinge in der Schweiz «weitaus am einfachsten und schnellsten» zu integrieren, weiter bestünde auch nicht das «Risiko, dass diese Menschen sich später radikalisieren oder gar für unser Land zu einer Terrorgefahr werden könnten». Und als wäre das nicht genug, werden im Schreiben als Beispiele einer gelungenen «Aufnahme von christlichen Glaubensflüchtlingen» die Hugenotten und Waldenser ins Feld geführt, die «nicht von unserer Wohltätigkeit abhängig blieben, sondern sich bemühten, sich so schnell wie möglich ihren Lebensunterhalt selber zu verdienen.»
Mit Verlaub, diese Argumentation ist krude und entbehrt jeglicher Reflexion. Die Asylwürdigkeit an die wirtschaftliche Verwertbarkeit und den kulturellen Mehrwert für die Schweiz zu knüpfen, steht nicht nur diametral zum christlichen Engagement für die Schwachen, sondern unterwandert auch die humanitäre Tradition der Schweiz. Von der Abwertung anderer Religionen ganz zu schweigen.
Ähnlich argumentierten unlängst rechtsbürgerliche Politiker in ihren parlamentarischen Vorstössen. Darin forderten sie eine Bevorzugung der Christen gegenüber Flüchtlingen muslimischer Herkunft. Dass ausgerechnet reformierte Pfarrpersonen sich einer Politik annähern, die den Kern der christlichen Botschaft mit Füssen tritt, ist mehr als befremdlich.
Susanne Leuenberger ist Religionswissenschafterin und Redaktorin der Reformierten Presse.
Offener Brief an Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (PDF, 2 Seiten, 13.4 KB)