Bob Dylan wird 85
Er steht noch immer jeden zweiten Tag auf der Bühne
Er ist der einzige Sänger und Songwriter, dessen Werk mit dem Literaturnobelpreis geadelt wurde. An Ehrungen und Würdigungen hat Bob Dylan fast alles irgendwann erhalten. Am 24. Mai wird er 85, und er reist nach wie vor mit einer «Never Ending Tour» durch die Welt: Von Juni bis August sind fast jeden zweiten Tag Konzerte in den USA angekündigt.
Wie gross das Interesse an Dylan noch ist, zeigt auch der Erfolg des Kinofilms «Like a Complete Unknown» im Jahr 2024. Der Hollywood-Star Timothée Chalamet begeisterte dort als cooler junger Dylan in den prägenden Jahren des Künstlers.
Experte: Im klassischen Sinn ein singender Dichter
Ohne Bob Dylan wäre die Geschichte der Popkultur schwer zu erzählen, ist der Musikwissenschaftler Michael Custodis überzeugt. «Er ist im klassischen Sinn ein singender Dichter, der bewiesen hat, dass man mit einer ungeheuer poetischen Kraft Songs schreiben kann, die cool klingen und von mehr als von Herzschmerz erzählen», sagt der Professor der Universität Münster.
«Seine Lyrik», urteilte das Magazin «Time» einmal, sei «ein kunstvolles Chaos», das klinge, «als sänge Rimbaud Rock'n'Roll». Elvis habe den Körper befreit, Bob Dylan den Geist, würdigte ihn Musikerkollege Bruce Springsteen.
Dylan selbst war immer bestrebt, sich Zuschreibungen und Lobhudeleien zu entziehen. Als er 1965 gefragt wurde, ob er sich mehr als Dichter oder als Sänger sehe, antwortete er, er sei ein «Song and Dance Man». Die Anwesenden lachten über die Pointe und übersahen wohl die Referenz: Dylan verwies damit auf die vielseitigen Entertainer der Vaudeville-Theater. Wie sehr ihm diese Künstler am Herz liegen mögen, zeigt er nun im Alter: Seit seinem Comeback-Album «Time out of Mind» von 1997 tritt er mit Anzug, Hut und feinem Oberlippenbart auf – und ähnelt damit optisch den Vaudeville-Künstlern.
Die Biographie Dylans ist von Brüchen, Abschieden und Neuanfängen geprägt – im Privatleben ebenso wie in der Kunst. Im Jahr 2020 trennte er sich gar von seinem Werk und trat die Rechte an seinen rund 600 Songs ab, nach unbestätigten Gerüchten soll der Kaufpreis mehrere Hundert Millionen Dollar betragen haben. Bereits vor Jahren sagte er, er habe mehr als genug Songs geschrieben, «um bis in alle Ewigkeit spielen zu können».
Dylan-Songs von Elvis und Guns n' Roses
Viele berühmte Kollegen spielten seine Lieder, darunter Elvis Presley («Tomorrow Is A Long Time»), Jimi Hendrix («All Along the Watchtower»), Van Morrison («It's all over now, Baby Blue») oder Guns’n' Roses («Knockin' on Heavens Door»). Bryan Ferry veröffentlichte ein ganzes Album mit Dylan-Songs, BAP-Gründer Wolfgang Niedecken widmete ihm das hörenswerte Album «Leopardefell» und Polo Hofer übersetzte etliche Songs ins Berndeutsche, zum Beispiel «Schlangelädergurt».
Auch die Beatles waren Dylan-Fans, George Harrison war mit Dylan befreundet und spielte mit ihm in der Supergroup «Traveling Wilburys», zu der auch Roy Orbison, Jeff Lynne und Tom Petty gehörten.
In einer jüdischen Familie aufgewachsen
Bob Dylan wurde 1941 im US-Bundesstaat Minnesota in eine Familie deutsch-ukrainischer Einwanderer jüdischen Glaubens geboren. Neben seinem Geburtsnamen Robert Allen Zimmerman erhielt er auch den hebräischen Namen «Shabtai Zisel ben Avraham».
Entgegen den von ihm selbst verbreiteten Mythen war Dylan allerdings kein fahrender Sänger, sondern wuchs in einer Mittelschichtfamilie in Hibbing/Minnesota auf. Sein Künstlername ist wohl eine Verneigung vor dem walisischen Dichter Dylan Thomas (1914-1953).
Hymen der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung
In den 1960er Jahren wurden Dylan-Songs wie «Blowin' in the Wind» oder «The Times They are A-Changin'» zu Hymnen der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Doch er entzog sich bald den Erwartungen. Dylan wollte nicht der Retter der amerikanischen Folkmusik sein, der für immer Protestlieder auf der akustischen Gitarre spielt.
Vielmehr präsentierte er sich als Rockstar mit E-Gitarre und stiess mit surrealistischen Rock-Epen wie «Like A Rolling Stone» seine früheren Folk-Fans vor den Kopf. Als Dylan 1966 auf Tournee ging, spielte er in einem ersten Set seine akustischen Folksongs. Nach einer Pause trat er mit seiner Band auf und spielte das neue, rockige Material. Reihenweise verliessen damals empörte Fans während des Konzerts die Halle. Auf einem Live-Mitschnitt eines Auftritts im englischen Manchester ist ein Fan zu hören, der «Judas» ruft, während die Band die ersten Takte von «Like a Rolling Stone» spielt. Dylan tritt ans Mikrofon und sagt: «Ich glaube dir nicht, du bist ein Lügner». Dann wendet er sich ab und undeutlich hört man, wie er der Band aufträgt: «Spielt verdammt laut».
In den 80er Jahren thematisierte er mit Gospel-Rock seine Hinwendung zum christlichen Glauben. Viele sehen es als seine schwächste Phase. Anstatt wie früher über die Bigotterie der US-Regierung zu singen, wie sie «With God on our Side» ihre Kriege rechtfertigt, erzählt er nun in «Man Gave Names to All the Animals» von der Schöpfung der Welt.
Jedes Konzert ist ein Tanz auf dem Hochseil
Berühmt und berüchtigt ist Bob Dylan dafür, seine Songs nie auf die gleiche Art zu spielen. Jedes Konzert ist ein Wagnis, seine Band muss immer wachsam sein. Kurzfristig entscheidet er sich, das Lied in einer anderen Tonart zu spielen und statt im Vier-Viertel- im Walzertakt. Den Text zerdehnt oder beschleunigt er manchmal bis zur Unkenntlichkeit und häufig wissen Band und Publikum erst beim Refrain, um welchen Song es sich handelt. Manchmal führt das zu einem Moment der Schönheit, wenn ein altbekanntes Stück in einer neuen Version zu glänzen beginnt. Manchmal ist es nur ein totaler Reinfall.
Deshalb dürsten viele Fans nach unveröffentlichtem Material. Bis heute werden regelmässig umfangreiche Zusammenstellungen älterer Aufnahmen veröffentlicht, die jahrzehntelang nur als inoffizielle, heiss begehrte Bootlegs zu haben waren.
Seit einigen Jahren widmet sich Dylan den Songs des «Great American Songbook». Wenn er einmal wieder ein eigenes Album wie «Rough and Rowdy Ways» (2020) veröffentlicht, würdigen die Kritiker noch immer die vielschichtigen Texte. Künstler, die noch im hohen Alter auf der Bühne stünden, repräsentierten immer auch ihr Lebenswerk, sagt Musikwissenschaftler Custodis: «Diese Gesamtleistung ist bei Dylan fulminant.»
Gastgeber einer Radioshow und Schauspieler
Der als äusserst zugeknöpft und schüchtern geltende Musiker überraschte als Gastgeber einer eigenen Radioshow, «Theme Time Radio Hour», in der er von 2006 bis 2009 jede Woche mit Witz und einem enormen Fachwissen durch die Musikgeschichte führte. Zudem malt er. Auch als Schauspieler war Dylan zuweilen zu sehen: etwa in dem Western «Pat Garrett and Billy the Kid» (1973) oder in «Masked and Anonymous» (2003).
«Er ist der Tramp, der einfach weiterziehen muss. Zu lange an einem Ort zu sein, ist nicht seine Art», sagt Custodis. Dylan ist auch ein spiritueller Wanderer, der angesichts einer aus den Fugen geratenen Welt auf der Suche nach Erlösung ist. «Trying to get to Heaven before They close the Door» – auf Deutsch etwa: Versuchen, in den Himmel kommen, bevor die Tür zugemacht wird – heisst einer seiner Songs.
Dabei geht er konsequent seinen eigenen Weg. Als er 2016 den Literaturnobelpreis erhielt, sollte er an der Verleihungsfeier teilnehmen und ein Lied spielen. Doch er liess sich entschuldigen und bat wegen seiner Schüchternheit die Dichterin und Punk-Ikone Patti Smith, ihn in Stockholm zu vertreten. Sie sang also an seiner Statt «A Hard Rain’s A-Gonna Fall» aus Dylans Frühwerk. Ihr gelang damit die wahrscheinlich bewegendste Interpretation des Liedes.