Balsam für die Evangelikalen – vom Papst höchstpersönlich

Es war eine ökumenische Premiere: Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche besucht den Pfarrer einer evangelischen Freikirche. Franziskus reiste am 28. Juli zum evangelikalen Pastor Giovanni Traettino in der süditalienischen Provinzstadt Caserta.

Papst Franziskus' Antwort auf die evangelischen Freikirchen, die insbesondere in Lateinamerika den Katholiken das Leben schwermachen: den Dialog suchen. Bild: casarosada.gob.ar/Wikimedia

Auch wenn der Besuch offiziell als «rein privat» bezeichnet wurde, weil er einem Freund des Papstes aus argentinischen Zeiten galt, konnte es nicht ausbleiben, dass er auch als ökumenische Geste gewertet wurde. Franziskus sucht das Gespräch mit jenen, die bislang aus dem ökumenischen Dialog ausgeschlossen gewesen seien, lautete der Tenor etlicher italienischer Kommentatoren. Dies umso mehr, als sich der Papst in seiner Ansprache vor der evangelikalen Gemeinde von Caserta keineswegs auf persönliche Worte beschränkte. Er wandte sich vielmehr gegen eine herablassende Behandlung der Evangelikalen durch die traditionellen Kirchen. In der Kirche habe es durch das Wirken des Teufels von Anfang an Spaltungen gegeben. Hierbei habe stets die Versuchung bestanden zu sagen, «Ich bin die Kirche und du bist die Sekte», so Franziskus. Damit diene man jedoch nur dem «Herr der Spaltungen».

Aufsehen erregende Grussbotschaft

Dass er keine Berührungsängste gegenüber evangelischen Freikirchen kennt, hat dieser Papst schon früher bewiesen. Aufsehen erregte er Anfang des Jahres mit einer Grussbotschaft für einen Kongress evangelikaler Christen in den USA sowie einer Privataudienz für den evangelikalen britischen Bischof Tony Palmer. Dieser filmte das sieben Minuten dauernde Grusswort des Papstes während seiner Audienz mit seinem Smartphone. Auch die Wortwahl von Franziskus liess aufhorchen. Er sprach in der Botschaft von «Brüdern und Schwestern» und von seinem «Bischofsbruder Tony Palmer». Ein weitere Begegnung mit Evangelikalen, die nicht offiziell mitgeteilt wurde, fand offenbar Mitte Juli im Vatikan statt.

Was Franziskus an den Freikirchen schätzt, erhellt eine Geschichte, die er katholischen Priestern jüngst in Caserta erzählte. Sie handelt von einer katholischen Frau, die in einer abgelegenen Region Argentiniens lebt und schliesslich zu einer Freikirche übertritt, weil es dort keinen katholischen Priester gibt. Mit anderen Worten: Die Freikirchen sind gerade in Lateinamerika oft schon da, wo auch die katholische Kirche nach dem Willen von Franziskus noch mehr präsent sein muss, in den Randgebieten. Als Franziskus im Juli 2013 in einer Favela in Rio de Janeiro eine Kapelle besuchte, stand einige Häuser weiter das grosse Gemeindezentrum einer Freikirche.

Grosses Aufsehen erregte in Italien vor allem die Vergebungsbitte des Papstes in Caserta. Sie wurde in einigen Medien in einem Atemzug mit dem feierlichen Schuldbekenntnis von Johannes Paul II. (1978-2005) im Jahr 2000 genannt. Die damalige Vergebungsbitte habe sich dem Wortlaut nach nur auf das Unrecht bezogen, das an Mitgliedern der traditionellen Kirchen von katholischer Seite verübt worden sei, die evangelischen Freikirchen jedoch ausgespart, schrieben einige Zeitungen. Franziskus habe diese Lücke nun geschlossen. Was hat der Papst in Caserta gesagt?

Mussolinis Rassengesetze

Unter jenen, die die faschistischen Rassengesetze in Italien abgesegnet hätten, und jenen, «die die Brüder der Pfingstgemeinden angezeigt und verfolgt hätten, weil sie diese für Schwärmer, ja Verrückte hielten, die die Rasse verderben», seien auch «einige Katholiken» gewesen, so Franziskus. Der Papst bezog sich damit auf die 1938 von Diktator Benito Mussolini nach nationalsozialistischem Vorbild erlassenen Rassengesetze, die sich auch gegen Freikirchen richteten. Franziskus fuhr fort: «Ich bin der Hirte der Katholiken und bitte euch um Vergebung für jene katholischen Brüder und Schwestern, die nicht begriffen haben, dass sie vom Teufel versucht worden sind».

Aufgehoben wurde das Verbot der Freikirchen in Italien erst 1955, neun Jahre nach der Gründung der Republik. Der informelle Rahmen der päpstlichen Äusserung sowie die Beschränkung auf die italienischen Verhältnisse lassen eine Nennung in einem Atemzug mit dem feierlichen Schuldbekenntnis von Johannes Paul II. fragwürdig erscheinen.

Kardinal Koch: Freikirchen sind wichtige Herausforderung für Zukunft

Theologisch kreiste die Rede vor den Pfingstkirchlern um den Leitbegriff der «versöhnten Verschiedenheit», der im Zentrum von Franziskus‘ ökumenischen Denken steht. Er geht auf den deutschen protestantischen Theologen und Konzilsbeobachter Oscar Cullmann zurück.

Auf die Notwendigkeit eines Dialogs mit den evangelischen Freikirchen, die in einem breiten Spektrum auftreten und insbesondere in Lateinamerika den Katholiken das Leben schwermachen, hatte einige Tage vor Franziskus‘ Besuch auch Kurienkardinal Kurt Koch hingewiesen. Als mittlerweile zweitgrösste christliche Gemeinschaft nach der katholischen Kirche seien die Freikirchen eine «wichtige Herausforderung für die Zukunft», sagte der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen in einem Interview mit dem «Osservatore Romano». Koch äusserte sich überzeugt, dass Franziskus im Verhältnis zu Pfingstkirchen und Evangelikalen «manche Tür wird öffnen können, die bislang verschlossen ist».