Posthumanismus

Auferstehung aus der Tiefkühltruhe

Im zürcherischen Rafz sollen sich Menschen nach ihrem Tod einfrieren lassen können, um dereinst zu neuem Leben erweckt zu werden. Im Interview spricht der Religionswissenschaftler Oliver Krüger über die Entstehung der Kryonik, Frostschäden und unser Begehren nach dem ewigen Leben.

In solchen Kühltanks, im Bild eine Anlage des Cyronics Institute in den USA, werden die Leichen aufbewahrt. (Bild: Wikipedia Commons)

Herr Krüger, die Kryonik – also die Konservierung von Leichen mittels Kälte – war bislang vor allem in den USA verbreitet. Hat es Sie überrascht, dass nun auch in der Schweiz eine solche Anlage entstehen soll?
Das hat mich sehr erstaunt. Das Einfrieren von Toten ist mit europäischem Bestattungsrecht eigentlich unvereinbar. In der Schweiz gibt es in fast allen Kantonen eine sogenannte Bestattungspflicht. Der Grossvater kann nicht einfach im Garten begraben werden. Im Kanton Zürich beispielsweise sind einzig die Erd- und die Feuerbestattung vorgesehen. Es gibt keine rechtliche Grundlage, um Menschen nach ihrem Tod einzufrieren.

Rechtliche Situation unklar

Als Gründervater der Kryonik gilt der amerikanische Physiker Robert Ettinger, dessen Buch «The Prospect of Immortality» (1962) in über fünfzehn Sprachen übersetzt wurde. Heute gibt es zwei grössere Kryonik-Anbieter in den USA, eine weitere Organisation hat ihren Sitz in Moskau.

Bald sollen sich Menschen auch in der Schweiz einfrieren lassen können, wie der Beobachter in einem Artikel vom 18. November berichtet hat. Demnach hat die  Basler Stiftung European Biostatis Foundation in Rafz ZH mit dem Bau einer Kühlanlage zur Aufbewahrung von Leichnamen begonnen. Unklar ist derzeit noch, ob die eine solche Konservierung von Toten rechtlich erlaubt ist. Die Stiftung beruft sich laut dem Artikel auf zwei Rechtsguthaben.

Kryonik-Organisationen bieten neben der Ganzkörperkonservierung auch eine kostengünstigere Aufbewahrung des Kopfes oder der Gehirns an. Die Preise für die Lagerung variieren stark und können bis zu 200’000 Dollar betragen. (no)

Kryonik-Institute versprechen die Chance auf Unsterblichkeit oder zumindest ein stark verlängertes Leben. Wie soll das funktionieren?
Die Idee ist, den menschlichen Körper nach dem Tod so lange zu konservieren, bis eine Wiederbelebung technisch möglich ist. Dazu werden die Leichen bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff aufbewahrt. Eines der Hauptprobleme dabei ist, dass Wasser beim Einfrieren kristallisiert und zu Gewebeschäden führt. Um das zu verhindern, wird das Blut durch Frostschutzmittel ersetzt. Der erste Mensch, der sich kryonisieren liess, war übrigens 1967 der amerikanische Professor James Bedford. Als man ihn rund 25 Jahre später umbettete, wies sie seine Leiche bereits starke Schäden auf.

Ist die Technik heute weiter?
Es ist heute möglich, einzelne Organe über eine kürzeren Zeitraum zu konservieren. Wir kennen auch Tiere, die sich einfrieren und wiederbeleben lassen, zum Beispiel bestimmte Froscharten. Beim Menschen ist dies im Jahr 2021 aber noch genau so utopisch wie in den Anfangszeiten der Kryonik.

« Die Kryoniker wollen die Evolution mit den Mitteln der Technik selbst in die Hand nehmen. Das Ziel ist der unsterbliche und perfekte Mensch. »

Warum lassen sich Menschen trotzdem einfrieren?
Oft ist die Kryonik ein letzter Rettungsanker. Zum Beispiel für Menschen, die an Krebs erkrankt sind und darauf hoffen, dass man in zwanzig oder dreissig Jahren etwas dagegen tun kann. Unter den Anhängern sind auch auffallend viele sogenannte Prepper. Also Menschen, die alles unternehmen, um der Katastrophe zu entkommen und ihr Leben zu verlängern. Ein ähnliches Milieu finden wir bei den Silicon Valley-Milliardären, die riesige Geldsummen in Anti-Aging-Technologien stecken. Sie alle verbindet ein extremes Begehren, das Leben zu verlängern.

Zur Person

Oliver Krüger ist Professor für Religionswissenschaft an der Universität Fribourg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören der Post- und Transhumanismus, Religionssoziologie, Religion und Neue Medien sowie das Verhältnis von Naturwissenschaften und Religion. Von 2011 bis 2014 war Krüger Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Religionswissenschaft. Zuletzt erschien von ihm das Buch «Virtualität und Unsterblichkeit. Gott, Evolution und die Singularität im Post- und Transhumanismus». (no)

Der Traum von einem ewigen Leben ist so alt wie die Menschheit. Was unterscheidet die Kryonik davon?
Die Hoffnung auf eine Fortsetzung des Lebens oder eine Auferstehung ist tatsächlich nicht neu. Das kennen wir aus verschiedenen Kulturen und Religionen. Im Alten Ägypten zum Beispiel wurden Leichname konserviert, man hat sie einbalsamiert. Da ging es um eine dauerhafte Aufbewahrung für die Ewigkeit. Der Anhänger der Kryonik will hingegen sein irdisches Leben verlängern. Sein Menschenbild ist rein materialistisch, die Seele spielt darin keine Rolle. Auch braucht es keine moralische Qualifikation wie in den Religionen, um so etwas wie Auferstehung oder ein zweites Leben zu erlangen.

Mit Religion können die Anhänger der Kryonik also wenig anfangen?
Aus Umfragen wissen wir, dass die Anhänger meist atheistisch und religionskritisch eingestellt sind. In ihren Augen haben die Religionen nur verhindert, dass die Menschheit das Todesproblem in Angriff genommen hat. Es sei deshalb an der Zeit, die weitere Evolution des Lebens mit den Mitteln der Technik selbst in die Hand zu nehmen. Und das Ziel ist eben der unsterbliche und perfekte Mensch.

Warum fiel dieses Denken ausgerechnet in einem religiös konservativen Land wie den USA auf fruchtbaren Boden?
Das muss man etwas relativieren. Vergessen wir nicht, dass weltweit bislang weniger als 500 Personen auf diese Weise bestattet wurden. Es ist also ein extrem marginales Phänomen. Dass es in den USA erfunden wurde, hat mit einem bestimmten kulturgeschichtlichen Hintergrund zu tun.

Was heisst das?
Die Kyronik ist aus der amerikanischen Bestattungskultur heraus entstanden. Der Zerfall des Körpers ist in den USA stark tabuisiert. Noch vor zwei Jahrzehnten sind 90 Prozent der Verstorbenen einbalsamiert worden. Dabei werden alle inneren Organe entnommen, die Leiche mit Formaldeyd haltbar gemacht, ausgestopft und geschminkt. Es gibt auch eine ganze Modeindustrie, die sich darauf spezialisiert hat, Leichen einzukleiden. Diese Praxis hat sich am Ende des amerikanischen Bürgerkrieges 1861 bis 1865 herausgebildet, weil die Familien der Offiziere wünschten, dass die Verstorbenen zuhause bestattet werden konnten. Ein Grund dafür war aber auch das Gewerbe der «Body Snatcher».

« Die Kryonik führt immer wieder zu Rechtsstreitigkeiten, weil Familien den Leichnam des Verstorbenen nicht herausgeben wollen. »

Was hatte es damit auf sich?
Im 19. Jahrhundert durften lediglich Leichen von Kriminellen und Prostituierten für medizinische Zwecke verwendet werden. Weil die medizinischen Institute aber viel mehr Leichen brauchten, florierte das Geschäft der Grabräuber. Einen Verstorbenen einzubalsamieren, war ein Schutz dagegen, weil ja vor allem die inneren Organe benötigt wurden. Dieser Wunsch nach Integrität des Leichnams spiegelt sich in der Kryonik.

Inwiefern?
Für den Kryoniker ist es eine abstossende Vorstellung, dass ein Leichnam fault und schliesslich zerfällt. Dementsprechend werden die tiefgekühlten Leichen weder als tot angesehen noch so bezeichnet – man nennt sie vielmehr «suspendierte Mitglieder» oder einfach «Kryopatienten».

Verändert die Kryonik auch die Trauerarbeit?
Eine normale Trauerarbeit ist bei dieser Bestattungsform nicht möglich. Nach dem Tod muss der Leichnam möglichst schnell mit Eis gekühlt werden, um Schäden zu vermeiden. Danach wird er an einen der Standorte der Kryonik-Institute überführt. Es gibt also weder einen Ort noch die Zeit, um die Trauerarbeit rituell zu begleiten. Das führt immer wieder zu Rechtsstreitigkeiten, weil Familien den Leichnam nicht herausgeben wollen. Wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, weshalb sich so wenige Menschen für dieses Angebot entscheiden.