Auf der Suche nach dem Superpfarrer?

Ein neues Ausbildungsmodell für das Pfarramt gibt zu reden. Zu wenig theologisch orientiert und überzogene Forderungen an die Pfarrpersonen, lautet die Kritik. Hier zwei Reaktionen von Pfarrern.

Ordinationsfeier im Zürcher Grossmünster: Kirchenratspräsident Michel Müller setzt einen neuen Pfarrer in sein Amt ein (August 2015).
Ordinationsfeier im Zürcher Grossmünster: Kirchenratspräsident Michel Müller setzt einen neuen Pfarrer in sein Amt ein (August 2015). (Bild: Gion Pfander)

Weil sich Gesellschaft und Kirche verändern, müsse sich auch die Ausbildung für das Pfarramt verändern. So argumentieren Thomas Schaufelberger und Juliane Hartmann, Herausgeber des kürzlich erschienenen Buchs «Perspektiven für das Pfarramt». Sie stellen darin das so genannte Kompetenzstrukturmodell vor, Orientierungslinien für ein neues Ausbildungsmodell für das reformierte Pfarramt (www.bildungkirche.ch).

Achtzehn Deutschweizer Landeskirchen stehen dahinter und waren am langjährigen Entstehungsprozess des Modells beteiligt. Dieses definiert zwölf Kompetenzen, über die eine Pfarrperson verfügen sollte. Sie reichen von «Glaubwürdig leben» über «Beziehung gestalten» bis zu «Ergebnisse einbringen». Beschrieben ist ein ganzes Set an Fähigkeit, Fertigkeiten und Fachwissen, immer unter Einbezug von Erkenntnissen aus der kirchlichen Praxis, der Psychologie und der modernen Organisationsentwicklung.

Theologische Kompetenz kommt zu kurz

Corsin Baumann, Präsident des Zürcher Pfarrvereins, würdigt am Modell eines: Der Pfarrberuf werde als etwas Lernbares dargestellt. Das sei zur Zeit seines eigenen Theologiestudiums in den Siebzigerjahren noch nicht so gewesen, sagt der Pfarrer aus Illnau-Effretikon, der in wenigen Monaten pensioniert wird. «Damals hiess es, Pfarrer sein sei einem gegeben – oder eben nicht.» Dies widerlege das neue Modell zum Glück.

Ansonsten bewertet Baumann den darin beschriebenen Kompetenzen-Katalog kritisch. Die geistig-theologische Kompetenz komme darin zu kurz, sagt er. «Das Pfarramt ist ein theologischer Beruf». Baumann räumt ein, dass er und seine Kolleginnen und Kollegen vom Pfarrverein unter dem Eindruck des laufenden Reformprozesses in der Zürcher Kirche stünden, bei dem Kirchgemeinden zusammengelegt werden sollen. «Wir haben den Eindruck, dass Pfarrerinnen und Pfarrer immer mehr als ausführende Angestellte gesehen werden, die vor allem Verwaltung und Eventmanagement beherrschen sollen.» Die Anerkennung der geistigen Arbeit und theologischen Kompetenz käme dadurch zu kurz – dies spiegle sich im neuen Modell wieder.

Wirtschaftlicher Jargon

Dem widerspricht Thomas Schaufelberger, Leiter der Aus- und Weiterbildung der reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer. «Bei allen zwölf Kompetenzen im Kompetenzstrukturmodell kristallisieren sich theologische Grundwerte der reformierten Kirche heraus.» Etwa die Fähigkeit zum Pluralismus oder dazu, sich mit den eigenen Urteilen kritisch auseinanderzusetzen und Menschen vorurteilslos zu begegnen. Aber auch die Verwurzelung in einer spirituellen Praxis. Schaufelberger räumt aber ein, dass bezüglich des neuen Modells noch eine «grosse Kommunikationsaufgabe» bevorstehe. Einige Pfarrer oder Kirchenpflegerinnen seien im ersten Moment skeptisch. «Doch fast alle, die es erklärt bekommen, reagieren positiv.»

Standortbestimmung

Die kritischen Reaktionen mögen mit dem teils psychologischen und wirtschaftlichen Jargon des Modells zu tun haben. Auch Peter Leuenberger, Pfarrer in Frenkendorf-Füllinsdorf (BL), musste sich zunächst daran gewöhnen, wie er sagt. «Ich empfand es etwas als Anbiederung an die Wirtschaftswelt.»

Heute hält er den Ansatz  für «spannend und hilfreich». Leuenberger nahm mithilfe des Modells eine von der Landeskirche angebotene Standortbestimmung vor und liess ein persönliches Profil erstellen. Im Rahmen eines Pilotversuchs musste er dazu online (www.bildungkirche.ch/step) einen Fragebogen zu seinen Fähigkeiten ausfüllen und eine Fremdeinschätzung einholen.

Darauf folgte ein persönliches Gespräch mit dem zuständigen Beauftragten. Dieses sei für ihn «eine Bestätigung und Ermutigung» gewesen, sagt Leuenberger. «Ich war erstaunt, wie viel mir dieses neue Tool über mich zeigte.» Es habe seine ihm bewussten Schwächen beim Thema Organisation, aber auch Stärken wie Fachwissen und Kommunikation aufgezeigt.

Niemand ist perfekt

Leuenberger weiss von Pfarrkolleginnen und Kollegen, die den Anforderungskatalog des Kompetenzstrukturmodells «unbarmherzig» finden. So weit wolle er nicht gehen, betont er, aber happig komme es ihm schon vor. Thomas Schaufelberger entgegnet: Das Modell sei nicht als Norm gedacht, die eine Superpfarrerin oder ein Superpfarrer erfüllen müsse. Niemand könne in allen Standards die höchste Ausprägung erreichen.

Vielmehr solle es Orientierung für persönliche Entwicklungen geben, damit die Pfarrerinnen und Pfarrer gut auf die Zukunft vorbereitet seien. Das Ziel sei, eine vielfältige Pfarrschaft zu haben: «starke Pfarrerinnen und Pfarrer mit individuellen Stärken und Begabungen».

In einem nächsten Schritt wird jetzt das Programm des Vikariats, des praktischen Ausbildungsjahrs fürs Pfarramt, aufgrund des neuen Modells grundlegend überarbeitet und angepasst.

 

Sabine Schüpbach/reformiert.
Dieser Text stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».