Gleichstellung von Frau und Mann – ist das in den Schweizer reformierten Kirchen überhaupt noch ein Thema? Schliesslich haben die letzten Jahrzehnte hier gewaltige Veränderungen gebracht: Frauenordination, aktives und passives Wahlrecht, gleicher Lohn für gleiche Arbeit sind heute selbstverständlich. Geschlechtergerechte Sprache hat Einzug in Liturgie und Predigt gefunden. Und in den letzten zwei Jahren wurden sogar der Kirchenbund sowie die reformierten Landeskirchen von St. Gallen und Bern-Jura-Solothurn mit dem Prädikat «Familie und Beruf» als besonders familienfreundliche Unternehmen ausgezeichnet.
Auch einige Mitglieder der Frauenkonferenz fanden anscheinend, dass das Thema ein alter Zopf sei: Nur knapp dreissig von ihnen hatten den Weg nach Bern gefunden, davon gerade einmal zwei aus der Westschweiz. «Die Frauen, mit denen ich geredet habe, sagten mit, sie hätten dringendere Probleme», so die Waadtländerin Colette Dufour bedauernd.
«Braucht’s das noch?»
Das abnehmende Interesse zeigt sich auch im institutionellen Bereich: In den letzten Jahren wurden mehrere kirchliche Frauen- und Genderstellen in den Kirchen aufgelöst, weil die Einnahmen weniger und die Probleme nicht mehr als dringlich betrachtet wurden, wie die Genderverantwortliche der aargauischen Landeskirche Sabine Brändlin ausführte. An den theologischen Fakultäten sei feministische Theologie kaum noch ein Thema, so die Zürcher Theologiestudentin Laura Klingenberg. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen fragten: «Braucht’s das überhaupt noch?»
Dass schon einiges erreicht ist, stellten auch die Referentinnen nicht in Frage. Andererseits zeigten die «Zahlen und Fakten», die Sabine Scheuter, Präsidentin der Frauenkonferenz, vortrug, ein nicht ganz so rosiges Bild. In der Zürcher Landeskirche, so Scheuter, liegt der Anteil von Frauen im Pfarramt inzwischen bei 37 Prozent, Tendenz leicht steigend. Allerdings arbeiten die meisten von ihnen Teilzeit, so dass der Arbeitsanteil eher bei 25 Prozent liegt. Und nur zwei Frauen stehen einem der zwölf Dekanate vor. Im Zürcher Kirchenrat (Exekutive) amten zwei Frauen und fünf Männer. In der Abgeordnetenversammlung des SEK ist nur rund eines von vier Mitgliedern weiblichen Geschlechts. Schweizweit ist die Zahl der Kirchenpräsidentinnen seit 2006 von acht auf zwei zurückgegangen.
Kirche als Spiegel der Gesellschaft
Woran liegt dieser immer noch nicht überwundene Gender-Gap? Zum einen, hiess es, seien die Kirchen auch hier ein Spiegel der Gesellschaft. So seien in Politik und Wirtschaft die Frauenanteile in Leitungspositionen nicht höher als in den Kirchen, in der Wirtschaft sogar deutlich niedriger. Dazu komme, dass viele Frauen sich neben Familie und Beruf nicht noch die zeitintensive Arbeit in kirchlichen Leitungsfunktionen aufhalsen wollten oder könnten. Ebenfalls ins Spiel gebracht wurde die «Token-Theorie»: In Kirchen gebe es wie in anderen Institutionen das Gefühl, nach Einstellung einer weiblichen Führungskraft «seine Pflicht getan zu haben», so dass bei Neubesetzungen dieser Aspekt nicht mehr berücksichtigt werde.
Die Zürcher Kirchenrätin Esther Straub warnte in diesem Zusammenhang vor der «Teilzeitfalle», in die viele Frauen in ihrem Umfeld gerieten, weil sie in der Familienphase ihr Arbeitspensum zu stark reduzierten. Dies könnten sie später schwer wieder rückgängig machen. Immer noch gingen so Frauen in der «Pipeline» vom Studium zur Leitungsfunktion verloren. So seien inzwischen mehr als die Hälfte der Theologiestudierenden Frauen, aber im Pfarramt seien sie immer noch unterrepräsentiert. «Vielleicht sollten die Kirchen erst einmal fragen, wohin die aufwändig ausgebildeten Theologiestudentinnen verschwinden, statt teure Quereinsteigerkurse zu bezahlen?», so Straub.
Und wie wäre es mit «Quotenfrauen»?
Auch über allfällige Mittel zur Gegensteuerung wurde nachgedacht. Genderstellen hätten dabei weiterhin eine wichtige Aufgabe, so Brändlin. Sie müssten allerdings in der Institution verankert sein und angehört werden. Vielversprechend seien auch Mentoring-Programme wie das 2015 von den Genderstellen der Zürcher, Aargauer und Baselbieter Kirchen durchgeführte. Hier betreuen in Leitungspositionen erfahrene Frauen solche, die ein Leitungsamt für sich vorsehen oder gerade damit angefangen haben.
Und dann wäre da noch die – vielfach umstrittene – Frauenquote. Skandinavische Länder hätten sehr gute Erfahrungen damit gemacht, so die Bündner Kirchenrätin Miriam Neubert. Inzwischen sei ein angemessener Frauenanteil in Leitungsgremien dort selbstverständlich, die herablassende Rede über «Quotenfrauen» gebe es nicht mehr. Auch in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat eine schon 1989 gefasste Zielvorgabe zur Frauenquote gute Wirkung gezeigt: Inzwischen sind 48 Prozent der EKD-Synodalen Frauen.
Ausserdem ist die Schweiz, wie einige Anwesende bemerkten, bei vielen anderen Aspekten schon ein ausgeprägtes «Quotenland». Wegen ihrer geographischen und sprachlichen Heterogenität werde wo immer möglich darauf geachtet, dass in den Gremien alle Regionen und Sprachgemeinschaften berücksichtigt werden. Und da stellt sich dann doch die Frage, warum ein Quotentessiner auf seine Position stolz sein soll und eine Quotenfrau nicht.