Aufarbeitung möglicher Missbrauchsfälle in Deutschland
Kurschus könnte mehr gewusst haben
Annette Kurschus trat im November 2023 als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sowie als Präses der Evangelischen Landeskirche von Westfalen (EKvW) zurück. Sie wurde im Zusammenhang eines möglichen Missbrauchsfalls in der deutschen Stadt Siegen kritisiert: Dort arbeitete sie in den 1990er-Jahren als Pfarrerin (ref.ch berichtete). Kurschus wurde vorgeworfen, nicht transparent mit dem Fall umgegangen zu sein.
In ihrer Rücktrittserklärung hielt sie fest, sie habe sich für ihre Ämter «mit Leidenschaft und Herzblut eingesetzt – und mit Redlichkeit, die sie sich von niemandem absprechen lasse». Sie räumte aber auch ein, den Kirchenmusiker sehr gut gekannt zu haben, dem mehrfacher und jahrelanger Missbrauch von Orgelschülern vorgeworfen wird. Allerdings habe sie zu ihm nie in einem Dienstverhältnis gestanden.
Bericht liegt vor
Der Rücktritt warf hohe Wellen. Der evangelisch-lutherische Bischof Ralf Meister griff die EKD an, weil sie Kurschus nicht den Rücken gestärkt habe (ref.ch berichtete). Die Ratsvorsitzende sei im Stich gelassen worden und man befinde sich «auf dem Weg zu einer gnadenlosen Kirche».
Die Westfälische Landessynode verlangte anschliessend eine Untersuchung der mutmasslichen Missbrauchsfälle (ref.ch berichtete). Diese Aufgabe übernahm die international tätige Unternehmensberatung Deloitte. Die hat nun ihren Bericht vorgelegt.
Aufwendige Untersuchung
Darin steht unter anderem, dass die Evangelische Landeskirche von Westfalen seit den 1990er-Jahren von den Missbrauchsfällen gewusst habe. Die Deloitte-Mitarbeitenden haben Kenntnis von sieben Betroffenen, können jedoch nicht ausschliessen, dass es noch mehr gibt. Die Untersuchung hat ausserdem ergeben, dass Annette Kurschus schon früh vom Missbrauchsverdacht Kenntnis gehabt haben könnte. Deloitte empfiehlt deshalb eine juristische Untersuchung.
Eine komprimierte und anonymisierte Form des Berichts liegt ref.ch vor. Es ist darin ersichtlich, wie gross der Aufwand der Untersuchung war. Die Deloitte-Mitarbeitenden sprachen mit 19 Personen aus der EKD, der westfälischen Landeskirche sowie des betreffenden Kirchenkreises. Sie interviewten die Betroffenen, den mutmasslichen Täter, dessen Ehefrau sowie weitere Personen aus seinem Umfeld.
Über den mutmasslichen Täter erfährt man unter anderem, dass er als Kirchenmusiker im Kirchenkreis gearbeitet hat. Darüber hinaus war er zuständig für den Orgelunterricht, nach dessen Abschluss die Schülerinnen und Schüler nebenamtliche Kirchenmusiker sein konnten. Manchen von ihnen gab der Beschuldigte auch privat Unterricht. Die Betroffenen waren zu Beginn der Ausbildung zwischen 13 und 15 Jahre alt.
Der Beschuldigte arbeitete rund 40 Jahre in der Kirchgemeinde. Im Bericht heisst es, er habe versucht, den Zeitpunkt der Übergabe der Chorleitung hinauszuzögern. Auch im Ruhestand blieb er als Musiker aktiv.
Frühe Verdachtsmeldungen
Der Deloitte-Bericht beschreibt, wie der Kirchenmusiker zu einzelnen Schülern ein enges Verhältnis aufgebaut habe. Er führte lange Gespräche ausserhalb des Unterrichts und lud die Schüler zum Essen oder zu privaten Feiern ein. Einer der Betroffenen habe wiederholt im Gästezimmer des Beschuldigten übernachtet und sei mit der Familie in die Ferien verreist.
Bereits 1997 sollen sich zwei Jugendliche an die Frau des Kirchenmusikers gewendet und ihr mitgeteilt haben, dessen Kontakt zu jungen männlichen Orgelschülern und Mitgliedern des Kirchenchors sei «zu eng» und «besorgniserregend».
Später teilten sie ihre Bedenken mit anderen Angestellten der Kirchgemeinde. Dabei sei auch Annette Kurschus informiert worden, heisst es im Bericht. Sie habe die Frau des Beschuldigten auf dessen Homosexualität angesprochen. Kurschus war mit ihr eng befreundet, sie ist Patentante eines der Kinder des Paares. Die Frau soll ihr laut Bericht gesagt haben, das Thema «gehe sie nichts an».
Missbrauch erst nach 25 Jahren gemeldet
Die Missbrauchsfälle kamen erst ans Licht, als sich ein Betroffener im Herbst 2022 an die damalige Pfarrerin der Kirchgemeinde wandte. Diese soll Kurschus ins Bild gesetzt haben – was die Pfarrerin aber bestreitet. Die damalige EKD-Ratspräsidentin hat sich laut Bericht im Oktober 2022 an die Missbrauchsbeauftragte gewandt. Sie habe nach Rat gefragt und gesagt, sie sei mit der Frau des Beschuldigten gut befreundet. Die Missbrauchsbeauftragte habe den Fall so eingeschätzt, dass er ein Fall für die Meldestellte der Landeskirche von Westfalen sei. Eine offizielle Meldung sei jedoch nicht erfolgt, heisst es im Bericht.
Später soll Kurschus mit der damals stellvertretenden EKD-Ratsvorsitzenden Kirsten Fehrs über die Vorwürfe gesprochen haben. Laut Bericht hat diese ihr geraten, Ruhe zu bewahren und abzuwarten. Im Bericht heisst es: «Auch habe die damalige stellvertretende Vorsitzende zu diesem Zeitpunkt keinen Grund gesehen, den Rat der EKD zu informieren, da sie den Sachverhalt als ein Problem auf EKvW-Ebene bewertet habe.» Kurschus könne sich nicht erinnern, zu welchem Zeitpunkt dieses Gespräch mit der heutigen EKD-Ratsvorsitzenden Fehrs stattgefunden habe.
Es war schliesslich die EKD-Missbrauchsbeauftragte, die eine offizielle Meldung machte. Damit begann die Aufarbeitung des Falles innerhalb der Landeskirche.
Die Medien hätten von den Missbrauchsvorwürfen durch einen anonymen Brief erfahren. Der erste einer Reihe von Artikeln erschien am 13. November in der «Siegener Zeitung», eine Woche später trat Annette Kurschus zurück.