Abendmahl: Mehr als ein religiöses Picknick

Das Verhältnis Deutschschweizer Reformierter zum Abendmahl ist, vorsichtig gesagt, ambivalent. Deshalb beschloss das reformierte Landeskirchenforum, sich des Themas auf einer Tagung am 5. März in Basel anzunehmen.

Bei den Reformierten vernachlässigt: das Abendmahl. (Bild: ref.ch/Weymann)

Peinlich, steif, unbehaglich – so empfinden Deutschschweizer Reformierte das Abendmahl. Zumindest wenn man der kleinen Umfrage von Silvianne Bürki Glauben schenkt. Die junge Theologin, Doktorandin in Cambridge, gehörte zu den Vortragenden der Tagung des Landeskirchenforums zum Thema Abendmahl. Es gelte darum, den «Abendmahlshunger» zu fördern, so Bürki. Denn die Handlung des Brotbrechens ermögliche Gotteserkenntnis. Wie bei den Emmausjüngern, denen das Brotbrechen die Augen öffnet, nicht die «jesuanische Superpredigt».

Noch mehr zum Thema Abendmahlshunger kam von Ralph Kunz, dem praktischen Theologen aus Zürich. Sein Vortrag war ein leidenschaftliches, provokatives und witziges Plädoyer für eine Pflege dieser bei den Reformierten vernachlässigten Handlung. Zunächst auf biblischer Basis: Der Fülle eines Gottes, der alles, was lebt, mit Wohlgefallen sättigt (Ps 145) steht dem Hunger des «gierigen Menschen» gegenüber, der nach Gott lechzt «wie der Hirsch nach frischem Wasser (Ps 42). Das Abendmahl sei das Symbol der«Erfüllung dieses Begehrens». Hier werde «Speise zur Beziehung», hier gehe buchstäblich «Liebe durch den Magen», hier sei der Ort, an dem die menschliche Ursehnsucht nach Liebe immer wieder gestillt werden könne.

Woher kommt das Unbehagen?

Was also hindert die Reformierten daran, «Gott zu geniessen»? Was macht aus dem Wohlgefallen Verlegenheit? Was führt zur reformierten Mehrheitsmeinung «vier Mal im Jahr reicht»?

Ein Grund sei vielleicht, dass hierzulande das Sakrament, wenn es denn stattfindet, mehr wie ein «religiöses Picknick» daherkomme. Und daran ändere auch die gekonnteste liturgische Inszenierung nichts. «Es geht nicht darum, ästhetisch korrekt ein Brötchen in die Luft zu halten», so Kunz. «Es geht darum, dass wir uns freuen, am Tisch des Herrn zu sitzen.»

Der Reformator Ulrich Zwingli ist nicht ganz unschuldig, dass sich die Reformierten mit dem Abendmahl so schwer tun. Wobei es auch bei ihm laut Kunz in dieser Hinsicht einiges Bewahrenswerte gebe. Zwingli habe eine sehr gelungene neue Abendmahlsliturgie entwickelt. Hier feierte die Gemeinde, nicht mehr der Priester mit dem Rücken zum Volk, hier kamen Gedächtnis und Danksagung und Gemeinschaft zusammen.

Ein grosses Missverständnis

Und doch habe, so Kunz, Zwingli uns «das grosse Missverständnis eingebrockt», das uns den «Genuss des Sakraments» erschwere. Das daran schuld sei, dass wir statt der Nahrung die Speisekarte zu uns nähmen und uns wunderten, «dass sie nach Papier schmeckt».

Das Zwinglische Missverständnis liegt im Wörtchen «nur».Wenn das Abendmahl «nur» ein Zeichen sei, wenn es sich «nur» um Brot handele, dann werde dem Heiligen das Gewicht genommen und mit dem Mysterium des Glaubens tabula rasa gemacht. Auch wenn es sich tatsächlich um Brot handele, gebe es keinen Anlass, dies gering zu schätzen. Denn das Brot ist auch als Brot «mein Leib für euch» – das Eigentliche passiere auf der Beziehungsebene.

Appetit durch Leibesübung

Zu einer neuen Wertschätzung des Abendmahls brauche es zum einen geistliche Übung. «Leibesübung fördert den Appetit», so Kunz, und unser Leib Christi sei «schlaff und untrainiert». Es brauche Vorbereitung, Exerzitien als Ergänzung zum Alphalive-Kurs. Und es brauche eine Gemeinde, die zum Teilen von Leben und Glauben bereit sei.

Zum anderen brauche es eine neue Wertschätzung des Ritus. Den Reformierten ist ja nicht nur der allsonntägliche Rhythmus der Eucharistie abhanden gekommen, es fehlten auch «Worte, die nicht nur die Leitenden können», liturgische Bausteine, auf die zurückgegriffen werden könne wie das «Christe du Lamm Gottes». Dem kompetenten Liturgen müsse eine «kompetente Gemeinde» gegenüberstehen. Denn: «Erst die Gemeinde, die den einen oder anderen Psalm kennt, feiert mündig.» Es brauche ein «Book of Common Prayer» wie in der anglikanischen Kirche. Es brauche «ein Nein zum Wortdurchfall und ein Ja zur Form».

Improvisation und Tradition

Wenn die Grundform klar sei, dann könne es Raum für die «kleine Form» geben, für das Abendmahl in Kleingruppen, auf Retraiten, am Krankenbett. Dann seien Abwandlungen möglich und nötig. Für das Abendmahl gelte das gleiche wie für Jazzmusik: Improvisation wird grossgeschrieben, aber kein improvisierender Musiker würde von sich behaupten, dass er nicht in der Tradition stehe.

Wie ein besserer Zugang zum Abendmahl praktisch aussehen könnte, wurde in verschiedenen Workshops diskutiert. Und da gibt es tatsächlich jede Menge Spielraum zwischen Tradition und Improvisation. Das Abendmahl kann hochkirchlich begangen werden wie im Basler Münster oder fröhlich-intim wie bei dem Hausbesuch, von dem ein Bündner Pfarrer berichtete. Mit oder ohne Friedensgruss. Nicht einmal die Einsetzungsworte sind obligatorisch, wie Kunz erläuterte. Sie kämen in vielen altkirchlichen und östlichen Liturgien nicht vor. Was zähle, dass ein Abendmahl als solches erkennbar sei, seien Erinnerung an die Tat von Jesus, Gebet um den heiligen Geist und füreinander und anbetender Lobpreis.