Über das Gelächter in Islam und Christentum

Ist Lachen in Religionen gesund oder verletzt es religiöse Gefühle? Wo liegen die Grenzen des Humors, wenn es um die «letzten Dinge» wie den Glauben geht? Solche Fragen diskutierte ein interreligiöses Podium in Schlieren im Rahmen des Events «Schliere lacht».

«Ceci n'est pas une religion», frei nach René Magritte.
«Ceci n'est pas une religion», frei nach René Magritte. (Illustration: Christoph Biedermann)

Eigentlich ist es ungehörig, über Gottes Worte zu lachen. Aber Sarah, die Frau des Erzvaters Abraham, scherte das wenig. Sie belauschte hinter der Türe die göttlichen Boten, wie sie Unglaubliches prophezeiten. Die ihr Leben lang unfruchtbar gebliebene Frau sollte noch mit ihren 90 Jahren ein Kind gebären.

Sarah schüttelte sich vor Lachen. Für die Pfarrerin Esther Straub aus Schwamendingen ist dies einer der wenigen biblischen Belegstellen, in der einem aus der Heiligen Schrift einem das Gelächter entgegenschallt. Die Bibel sei eben, so Straub, «kein Witzbuch». Trotzdem vertrat sie auf dem Podium beharrlich die Position, dass eine Prise Humor der religiösen Vermittlung nicht schade.

Da stimmt ihr sowohl der katholische Pastoralassistent Matthias Merdan zu wie auch der Schlierener Iman Muris Begovic. Der Imam erwähnte die populäre muslimische Tradition der humorvollen Geschichten von Nasreddin Hodscha, die mit Pointen gewürzte, kleine belehrende Weisheitsgeschichten seien.

 

Interreligiöse Unterschiede
Moderator und Redaktionsleiter von «reformiert.», Felix Reich, wollte die Diskussion nicht zu einem trockenen akademischen Diskurs
verkommen lassen. Immer wieder ermunterte er die drei Diskutanten, Witze einzustreuen. Und das war nicht nur dem Leitmotto «Schliere lacht» geschuldet, sondern durchaus eine sinnvolle Gesprächsanlage, um die interreligiösen Unterschiede herauszustellen.

Denn als der Katholik Merdan den Witz erzählte, wie Moses vom Berg Sinai herabstieg und sagte: «Die gute Nachricht: Gott hat sich auf zehn Gebote herunterhandeln lassen. Die schlechte Nachricht: Ehebruch bleibt als Gebot drin», da lachte das Publikum herzhaft. Begovic aber nicht.

Der Imam begründete das so: «Gott auf eine menschliche Ebene herunterzuziehen», sei eine Grenzüberschreitung, die auch eingekleidet in einen Witz für Muslime unstatthaft sei. Merdan erwiderte darauf, dass bei dem Witz doch gar nicht Gott im Zentrum stehe, sondern vielmehr die menschliche Schwäche thematisiert werde.

Als später die Diskussion zum Publikum geöffnet wurde, unterstützte ein Besucher die Position von Begovic: «Es ist eine wichtige Anfrage an unsere säkulare Gesellschaft, wie viel Respektlosigkeit gegenüber Gott noch statthaft ist.» Zuvor hatte Merdan von entwürdigenden und grenzwertigen Jesus-Darstellungen im deutschen Satire-Magazin «Titanic» erzählt: «Hier geht es nicht mehr um Humor, sondern um reine Provokation.»

 

Tiefgründiges dank Grenzüberschreitung

 

Esther Straub wiederum machte auf eines aufmerksam: «Erst in der Grenzüberschreitung eines Witzes scheint etwas Tiefgründiges auf.» Das illustrierte sie mit einem Witz, den manche auf den ersten Blick als verletzend ansehen könnten. Als die Jünger dem auferstandenen Jesus begegneten, glaubten sie ein Gespenst zu sehen. Jesus solle übers Wasser laufen und damit seine Auferstehung beweisen. Jesus mühte sich. Aber bald gab er auf und sagte: «Mit Löchern in den Füssen geht es nicht.»

Straub verteidigt den angeblich blasphemischen Witz mit theologischen Argumenten: Hier werde exemplarisch das zentrale Thema des Neuen Testaments «zwischen göttlicher Allmacht und Ohnmacht» entfaltet. «Der Gekreuzigte ist nicht mehr der Wundermann, sondern steht als Gottes Sohn für die gedemütigte Kreatur.»

 

Jüdischer Humor

 

Der jüdische Humor ist sprichwörtlich. Und so bedauerten es alle auf dem Podium, dass kein jüdischer Vertreter in der interreligiösen Runde mitdiskutierte. Der Grund: Der jüdische Festkalender und das Schlierenfest verlaufen parallel. Dafür erzählte Felix Reich einen Witz, den ihm einmal ein Rabbiner erzählte.

Ein katholischer Vikar und ein junger jüdischer Schriftgelehrter unterhalten sich über ihre Aufstiegsmöglichkeiten. Über das Pfarramt könnte er Bischof, später Kardinal und dann vielleicht Papst werden, erklärt der Katholik. «Und das ist dann das Höchste, was du werden kann?» fragt der Rabbiner weiter. «Was könnte ich noch mehr werden? Etwa Gott?» entgegnet der Karrierist. «Warum denn nicht!» sagt der Jude. «Einer von uns hat es bei euch geschafft!» Auch in diesem Witz steckt eine tiefere Sinndimension. Er erinnert an die unselige Tradition des europäischen Christentums, das jahrhundertelang die jüdische Identität von Jesus ausblendete.

 

Delf Bucher/reformiert.info

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch.