«Liebe Katholiken, wir müssen reden»

In Norddeutschland startet in den kommenden Wochen ein ökumenisches Experiment: Drei katholische Bischöfe und vier evangelische Bischöfe und Kirchenpräsidenten tauschen die Kanzeln. ref.ch hat sechs reformierte Pfarrpersonen gefragt, was sie auf einer katholischen Kanzel predigen würden. Provokation und Freundschaft reichen sich dabei die Hand.

Von links nach rechts, oben: Caroline Schröder Field, Ella de Groot, Pascale Rondez; unten: Frank Lorenz, Niklaus Peter, Lukas Stuck (Bild: zVg)

Caroline Schröder Field, Pfarrerin am Basler Münster

Ich würde auf einer katholischen Kanzel gerne einmal über Maria predigen. Die Haltung der Reformatoren zu Maria war wesentlich wertschätzender als oft angenommen, und im Basler Münster sind Spuren der Marienverehrung noch deutlich sichtbar. Auch wenn uns Protestantinnen und Protestanten der Sinn für Marienverehrung fast völlig fehlt: die ersten drei Lieder in unserem reformierten Gesangbuch sind Dichtungen zum Magnifikat! Wann immer ich im Münster die Vesperliturgie gestalte, lese ich meistens auch Marias Lobgesang aus dem Lukasevangelium. Dadurch hat Maria in meiner Spiritualität längst «einen Fuss in der Tür».

 

Ella de Groot, Pfarrerin in Muri-Gümligen BE

Ich würde zu Gen.22,1-13, die Opferung des Isaak aus der Perspektive seiner Mutter Sara, predigen. Für mich stellt sich die Frage wer, oder was ist das wirkliche Opfer. Denn aus blinder Gehorsamkeit und dogmatischer Frömmigkeit wird die Liebe geopfert.

 

Niklaus Peter, Pfarrer am Fraumünster in Zürich

Konfessionalistische Reden gehören nicht auf römisch-katholische und auch nicht auf evangelisch-reformierte Kanzeln. Und doch wäre es schön, wenn ich Matthäus 16.18-19 auszulegen hätte, und in evangelischer Freiheit etwas über dieses Wortspiel vom Felsen des ja nicht immer so felsenfest überzeugten Petrus und von den Schlüsseln des Himmelreiches sagen könnte. Und dabei deutlich würde, dass diese zum Aufschliessen und nicht zum Verschliessen verwendet werden sollten. Das würde, da bin ich mir ziemlich sicher, bei vielen katholischen Mitchristen auf freudige Zustimmung stossen.

 

Pascale Rondez, Pfarrerin auf der Forch/Kirchgemeinde Maur ZH

Ich würde zum Thema «Was würde wohl unser Herr Heiland dazu sagen, wenn er uns so sähe?» predigen. Predigttext: Mk 3,31-35  – Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter. Die Kollekte ginge ans Brot für alle und an das Fastenopfer. Die Musik würde von den versammelten Chören der Gemeinde stammen. Und danach: Ab zu einem ökumenischen Brunch, der bis in den Mittag und darüber hinaus dauert.

 

Lukas Stuck, Pfarrer in Zofingen AG

Ich würde auf einer katholischen Kanzel nichts anderes als auf einer reformierten predigen, und zwar zum Thema «7 Wochen ohne grosse Worte». In der Fastenzeit lohnt es sich für alle Kirchen, einmal auf grosse Worte wie «Barmherzigkeit» und «Gnade» zu verzichten. Solche grossen Worte verlieren die Kraft, wenn sie zu häufig gebraucht werden. Statt mit grossen Worten zu beeindrucken, würde ich erzählen, wo ich im Kleinen manchmal Grosses erlebe.

 

Frank Lorenz, Pfarrer an der Offenen Kirche Elisabethen in Basel

Liebe römisch- und auch sonst-katholischen Geschwister:

Schön, dass es euch gibt. Schon oft durfte ich mit dem Gemeindeleiter der römisch-katholischen Nachbarpfarrei gemeinsam Gottesdienst feiern, als ich noch Gemeindepfarrer war. Ich habe mich jeweils besonders wohl gefühlt beim achtsamen Umgang mit dem Abendmahl, auf seiner und meiner Seite. Ja, Christus ist beim Abendmahl wirklich und wahrhaftig anwesend in Brot und Wein und in der feiernden Gemeinde. Alle Ernährungberater sagen uns immer, wir sind, was wir essen, wir werden, wie wir uns ernähren. Das würde heissen, wir würden Christus immer ähnlicher, mit jedem Abendmahl. Neben dem reformierten Erinnerungsmahl finde ich so auch noch ein nicht-intellektuelles Verständnis des Abendmahls: Gott sinnlich erfahren, ohne zu denken, Gott einfach in mir aufnehmen. Wie unser Liederdichter Teerstegen schreibt im Lied «Gott ist gegenwärtig»: «Ich in dir, du in mir!». Irgendwie wie bei einem Liebesakt. Diese Gedanken gefallen mir!
Heute arbeite ich im «Pfarrteam» mit einer römisch-katholischen Theologin zusammen. Wir leiten zusammen eine ökumenische Citykirche, die Offenen Kirche in Basel. Ein solches Paar wie wir – und eine solche Kirche – ist immer noch die Ausnahme. Die Kollegin predigt genauso frei und bibelkundig wie ich salbe und segne. Unsere Zusammenarbeit ist entspannt, fröhlich, geistreich und vertrauensvoll.
In unserer Kirche steht am Eingang ein Weihwasserbecken und vorne ein Ständer mit Kerzchen, die jeder Besucher und jede Besucherin für sich entzünden kann, für ein besonderes Anliegen. Die Kirche wurde von einem reformierten Basler Patrizier vor 150 Jahren als gotische Kathedrale erbaut und die Besuchenden wissen durch die Koexistenz der verschiedenen Symbole in einem sehr traditionellen Gebäude jeweils nicht genau, welcher christlichen Konfession sie angehört. So fühlen sich alle zuhause und nehmen ihre eigenen religiösen Haltungen ein: Bekreuzigen, Händefalten, Knien. Das freut mich.
Liebe römisch-katholischen Geschwister: 
Mit euch gemeinsam leide ich unter der Rückwärtsgewandheit und dem Dominanzgehabe mancher religiöser Funktionäre. Wenn zeitgebundene Traditionen oder Lebensformen als sakrosankt erklärt werden und Widerspruch dagegen zu Sanktionen führen kann, dann hat da jemand etwas falsch verstanden. Es gibt keine gottgewollten oder gar biblischen Zusammenlebensformen. Alle – also auch Zweierpartnerschaft, Monogamie, Polygamie, Magdehe, Zölibat, Gruppenbund, Grossfamilie etc. – sind – wie die Bibel zeigt – sehr situativ und zeitgebunden. Entscheidend ist der Geist, der sie belebt: Liebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Vergebung in Aktion. So ist es auch unsere ureigene Aufgabe und Pflicht als Kirche, Liebe und Liebende zu segnen, Gerechtigkeit zu leben, Barmherzige und Vergebende zu stärken. 
Angesichts der Situation unser beider Kirchen, sage ich euch, liebe KatholikInnen: 
Da ist noch «Asche unter der Glut», ein Zitat von Martin Werlen. Habt keine Angst vor der Reformation! Und mit Reformation meine ich ausnahmsweise eure eigenen Veränderungsprozesse. Habt Vertrauen in sie, habt Vertrauen in die Geistkraft, die in ihnen weht. Lasst euch verändern. Genauso wie wir das auch müssen.
In zehn Jahren werden wir in Basel in beiden Konfessionen vielleicht je 5 hauptamtlich Mitarbeitende für die gegen zwanzig Tausend Kirchenmitglieder. Dann seid ihr Gläubige dran: Kraft eurer Taufe werdet ihr dann Brot und Wein reichen, werdet ihr euch für Gerechtigkeit einsetzen, werdet ihr die alten Geschichten erzählen und Benedictiones, gute Worte sprechen. Und wir werden das gemeinsam tun. «Die Kirche» geht dadurch nicht kaputt und ihre Traditionen werden in euren Haltungen weiterleben: Die reformierte wird weiter verändern und Gerechtigkeit fordern, die katholische wird weiter an die ganze Welt glauben und sinnlich sein und die Orthodoxe Gottes Gottheit in der Welt feiern.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Einsicht, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.