Wittenberger «Judensau» darf hängen bleiben

Ein Bürger der jüdischen Gemeinde fühlte sich durch die «Judensau» in der Stadtkirche von Wittenberg in seiner Ehre verletzt. Nun hat das Landgericht seine Klage abgewiesen.


Die Spottplastik «Judensau» muss nicht von der Fassade der Wittenberger Stadtkirche entfernt werden. Das Landgericht Dessau-Rosslau im Bundesland Sachsen-Anhalt wies eine entsprechende Klage am 24. Mai ab. Eine Berufung zum Oberlandesgericht ist laut Gericht möglich. Geklagt hatte ein Mitglied der jüdischen Gemeinde in Berlin, das sich durch die Skulptur in seiner Ehre verletzt sieht. Vertreter der Prozessbeteiligten waren zur Urteilsverkündung nicht erschienen.

Der Richter erklärte, es bestehe kein Beseitigungsanspruch seitens des Klägers. Auch liege keine von der evangelischen Gemeinde ausgehende Beleidigung im Sinne des Strafgesetzbuches vor. Das Vorhandensein der Plastik könne nicht als Kundgabe der Nichtachtung oder Missachtung gegenüber in Deutschland lebenden Juden verstanden werden.

Spottplastiken zur Abschreckung

Das Sandsteinrelief wurde um das Jahr 1300 an der Südfassade der Stadtkirche Wittenberg angebracht. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt dem Tier unter den Schwanz und in den After. Schweine gelten im Judentum als unrein. Mit solchen Darstellungen sollten Juden im Mittelalter unter anderem davon abgeschreckt werden, sich in der jeweiligen Stadt niederzulassen. Ähnliche Spottplastiken finden sich an mehreren Dutzend weiteren Kirchen in Deutschland.

Die Stadtkirchengemeinde Wittenberg liess 1988 eine Bodenplatte unterhalb des Reliefs anbringen. Ihre Inschrift nimmt Bezug auf den Völkermord an den Juden im Dritten Reich, die Plastik selbst findet jedoch keine Erwähnung. Der Wittenberger Stadtrat sprach sich Mitte 2017 für einen Erhalt der Plastik aus. Er wertete die Bodenplatte als Mahnmal und liess in Absprache mit der Gemeinde eine Stele mit Erklärtexten auf Deutsch und Englisch errichten.

Zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation 2017 hatte die Debatte um die Spottplastik an der Wirkungsstätte von Reformator Martin Luther erneut an Fahrt aufgenommen. Luther hetzte insbesondere in seinem Spätwerk gegen Juden. (epd/no)