«Wie geht’s dir?»: Jeder 2. Schweizer erkrankt psychisch

«Wie geht's Dir?» Diese Frage steht im Mittelpunkt einer schweizweiten Kampagne, die das Schweigen über psychische Erkrankungen brechen will. Die Kampagne gibt Informationen zu den Krankheiten und ermuntert zum Reden darüber - denn insbesondere die Toleranz der Arbeitgeber habe abgenommen.

«Hagel. Jass. Depression. - Wir reden über alles, auch über psychische Gesundheit», heisst es in der Kampagne von der Stiftung Pro Mente Sana und mehreren Kantonen. Bild: zVg/wie-gehts-dir.ch

Am Freitag, 10. Oktober, dem internationalen Tag der psychischen Gesundheit, wurde sie gemäss Nachrichtenagentur SDA in Zürich an einer Medienkonferenz lanciert. Jeder zweite Mensch in der Schweiz erkrankt im Durchschnitt einmal im Leben psychisch so schwer, dass eine Behandlung notwendig ist, sagen die Initianten der Kampagne. Und weil «man» darüber nicht spreche, werde die Erkrankung häufig zu spät erkannt, was wiederum die Heilungschancen verringere.

Plakate, Broschüre, Internetseite

Hier setzt die Kampagne «Wie geht’s dir?» ein, die sich mit Plakaten, Broschüren und einer Internetseite an die Öffentlichkeit wendet. Verantwortet wird sie von der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich, der Schweizerischen Stiftung Pro Mente Sana, den Kantonen Schwyz, Luzern und Bern sowie mehreren Gesundheitsorganisationen. Die Plakate zeigen vier Sujets von alltäglichen Situationen, dazu mögliche Gesprächsthemen: «Hagel, Jass, Depression» sind das etwa für zwei ältere Männer, die sich vor einem Apfelgarten unterhalten. «Flirt, Schuhe, Magersucht» für zwei junge Frauen, die es sich in einer Hängematte gemütlich gemacht haben – ein Signal, dass die psychische Krankheit ganz natürlich angesprochen werden kann.

Sensibilisiertes Umfeld

Zwar sei das Verhindern durch Prävention – etwa Suchtprävention – immer der beste Weg, sagte der Zürcher Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger vor den Medien. Gleich danach komme die Früherkennung. Dazu sei jedoch ein sensibilisiertes Umfeld nötig. Wichtig seien neben Fachleuten die Familie, Freunde, Arbeitgeber, Trainer oder andere Bezugspersonen. Ziel sei es, psychische Erkrankungen als «normale» Krankheiten zu akzeptieren, als «etwas, worüber man auch sprechen darf, sprechen soll», sagte Heiniger. Er verschwieg auch nicht die Kosten, die psychische Krankheiten verursachen. Nach Annahmen von «Gesundheitsförderung Schweiz» seien dies jedes Jahr – einschliesslich volkswirtschaftliche Kosten – 19 Milliarden Franken.

Toleranz der Arbeitgeber hat abgenommen

Laut Pro-Mente-Sana-Stiftungspräsident Thomas Ihde hat sich die soziale Integration in den letzten Jahren verschlechtert, und hat die Toleranz der Arbeitgeber gegenüber Arbeitnehmenden mit psychischen Erkrankungen abgenommen. Die Kosten für die Invaliden-Versicherung stiegen enorm an. Sie haben sich gemäss Ihde zwischen 1995 und 2012 verdreifacht. Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen seien weit verbreitet. Der depressive Nachbar oder die Kollegin mit den Panikattacken bräuchten sich bloss «ein wenig zusammenreissen», dann ginge es schon. Auch viele Betroffene selbst hätten diese Vorurteile verinnerlicht und quälten sich mit den entsprechenden Schuldgefühlen.

Verbreitet sei auch die Annahme, Menschen mit psychischen Krankheiten seien gefährlich und solche Krankheiten nicht heilbar. Dies stimme jedoch in sehr vielen Fällen nicht, sagte Ihde. Anders als viele körperliche seien psychische Krankheiten aber häufig «diffus und schwer greifbar». (kipa)


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