Westschweizer streiten über die Rolle der reformierten Presse

Zwei Artikel der Nachrichtenagentur «Protestinfo» erhitzten Ende letzten Jahres die Gemüter. Nun hat die Konferenz der reformierten Kirchen der Westschweiz (CER) an ihrer Generalversammlung am 2. Juni darüber diskutiert. Zurzeit stellt allerdings niemand die Existenz dieses Organs in Frage.

Kritiker betonen, dass die Aufgabe der Presseagentur «Protestinfo» darin bestehen soll, die Westschweizer Medien über die Arbeit der Kirche zu informieren. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Zwei Artikel von Protestinfo hatten im vergangenen November bei den Genfer Protestanten für heftige Verärgerung gesorgt. Ein Anfall von schlechter Laune oder Anzeichen einer tiefer gehenden Veränderung? «Beides», antwortet Joël Burri, Chefredaktor von Protestinfo, gegenüber cath.ch. «Diese Affäre bringt die Frage nach der Rolle der Presse in den reformierten Kirchen und darüber hinaus die Rolle der Kirchen in der Gesellschaft wieder aufs Tapet.» Die Reformierte Kirche Genfs (EPG) wolle sich vor allem auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und keine Aufgaben mehr finanzieren, die sie nicht für notwendig erachte.

Kirchenpräsident stellt Loyalitätsfrage

Ein Brief von Emmanuel Fuchs, dem Präsidenten der EPG, hatte die Diskussion angestossen. Darin verlangte Fuchs, die Ziele für Protestinfo und die Mittel, die von den Kirchen zur Verfügung gestellt werden, neu zu diskutieren. Zurzeit betreibe Protestinfo mehr eigenständigen Journalismus als Informationsservice für die Medien, wie es seiner Aufgabe als Presseagentur entspreche.

Als Beispiel nannte Fuchs zum einen das Interview mit zwei Genfer Grossratsabgeordneten, die sich für eine strikte Trennung von Kirche und Staat aussprachen. «Mitten in der Diskussion um das neue Gesetz zum Verhältnis von Kirche und Staat hatten wir den Eindruck von unserer eigenen Presseagentur verraten zu werden», sagte damals Joëlle Walther, Co-Präsidentin des Genfer Consistoire (Legislative). «Wem gilt hier die Loyalität? Den Kirchen? Oder der Leserschaft?» Für Protestinfo ist die Antwort klar: dem Leser.

Zu journalistisch?

Neben dem Interview kritisierte Fuchs ausserdem die Berichterstattung über eine Veranstaltung, die im Rahmen des Jugendfestivals «Reformaction» abgehalten worden war. Darin wies Protestinfo deutlich auf die Worte eines Workshop-Leiters hin, der behauptet hatte, dass «Homosexuelle eine Bedrohung für unsere Gesellschaft darstellen».

Fuchs kritisierte in seinem Brief, dass die beiden Artikel mehr auf eine journalistische Auswahl hinwiesen als auf die Arbeit einer Presseagentur, deren Aufgabe es sei, die Westschweizer Medien über die Arbeit der Kirchen zu informieren.

Sprache der Gesellschaft

Gemäss Protestinfo erhielt die Agentur auf der Generalversammlung aber auch grosse Unterstützung. Für Line Dépraz, Synodalrätin der Waadtländer Reformierten Kirche (EERV), besteht der Vorteil von Protestinfo darin, dass «wir uns in einer Sprache an die Gesellschaft wenden können, die wir selbst nicht mehr beherrschen».

Auch Pia Grossholz-Fahrni, Vize-Präsidentin der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, ist überzeugt: «Der journalistische Blick von aussen ermöglicht es uns, unsere eigenen Worte und Taten mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Das ist wichtig für uns.» Michel Kocher, Direktor vom Mediendienst Médias-pro, zu dem Protestinfo gehört, erinnerte daran, dass «unsere Loyalität der Informationspflicht gilt». Er versicherte aber gleichzeitig, dass die Reaktionen intern keinesfalls auf Gleichgültigkeit gestossen seien.

Weltliches Interesse an Protestinfo

Nach einer Stunde Diskussion sagte Xavier Paillard, Präsident des Exekutivrates der CER und der EERV, dass es notwendig sei, sich den Bedarf an Kommunikation und Information noch einmal genau anzuschauen. Die einzelnen Mitgliedkirchen hätten nicht die gleichen Mittel und Vorgehensweisen.

Es sei «eine gute Diskussion» gewesen, sagte Emmanuel Fuchs zu Protestinfo. «Wir konnten Fragen stellen, nun müssen wir weitersehen. Ohne Druck und ohne Zeitplan. Jetzt ist der Exekutivrat der CER gefordert.»

Die Diskussion über die Rolle von Protestinfo stiess auch in den weltlichen Medien auf grosses Interesse. Am 4. Juni erschienen unter anderem Berichte in den Tageszeitungen «Le Temps» und «20 minutes» sowie im LGBT-Magazin «360°».

cath.ch/protestinfo/mp (Übersetzung: Marianne Weymann)