Wem gehört Bruder Klaus?

Zwei Reizfiguren – alt Bundesrat Christoph Blocher (SVP) und der Churer Bischof Vitus Huonder – konkurrenzieren mit einer alternativen Gedenkfeier im August den offiziellen Obwaldner Staatsakt zum 600. Geburtstag von Bruder Klaus.

Bruder Klaus in der Stanser Pfarrkirche.
Bruder Klaus in der Stanser Pfarrkirche. (Bild: Delf Bucher)

Bruder Klaus, der Friedensheilige, stand sein Leben für das Miteinander-Reden ein. Trotzdem polarisierte die Deutung der geschichtsträchtigen Leitfigur die helvetische Nachwelt bis heute. So auch jetzt wieder. Die Nachricht, dass die beiden Reizfiguren, alt Bundesrat Christoph Blocher (SVP) und der Churer Bischof Vitus Huonder, im August in Flüeli-Ranft, Obwalden, eine alternative Gedenkfeier für Niklaus von Flüe ausrichten wollen, provozierte. Der Heilige würde «missbraucht und zurechtgebogen», las man in den Kommentarspalten der Online-Berichte. «Bruder Klaus würde sich im Grab umdrehen».

Huonder unpopulär

Eigentlich erhielt Bischof Huonder zum offiziell vom Kanton Obwalden ausgerichteten Staatsakt am 30. April 2017 eine Einladung. Nur war der Bischof, in dessen Diözese der Eremit aus dem Ranft wirkte, nicht als Gastredner aufgeboten worden. Das irritierte den Gottesmann aus Chur – er sagte ab. Auf der anderen Seite ist die Obwaldner Entscheidung verständlich, ihn vom Rednerpult fern zu halten. Immerhin läuft derzeit auf vielen Smartphones der Mitarbeitenden der katholischen Kirche in der Innerschweiz eine App, die die Minuten zählt, bis der Bischof die Altersguillotine von 75 Jahren erreicht hat – am 21. April 2017. Der Bischof ist bei den Innerschweizer Katholiken weithin wenig beliebt.

Wird also Huonder am 19. August 2017 als Privatperson im Schulterschluss mit Christoph Blocher in den Ranft gehen? Hier klärt die Homepage des Bistums auf, die diesen Akt offiziell ankündigt. Bischofssprecher Giuseppe Gracia betont aber, Vitus Huonder werde sich bei seinem Auftritt «auf den geistlichen, religiösen Bereich beschränken». Die Gedenkfeier im Ranft sei keineswegs eine parteipolitische Veranstaltung, «sondern wie alle anderen Anlässe eine legitime Weise, Bruder Klaus zu ehren.»

«Macht den Zaun nicht zu weit»

Pikant am Gespann Blocher-Huonder: Hier finden sich im Geiste des Nationalkonservatismus der protestantische Pfarrerssohn und der erzkatholische Bischof zu einer ökumenischen Begegnung zusammen. Blochers Faible für Bruder Klaus ist nicht neu. Bereits 2014 trat er in Luzern zu einer Neujahrsansprache auf. Damals stellte er den Eremiten vom Ranft ins Schaufenster. Wenig verwunderlich: Zentral war dabei für den alt Bundesrat die Maxime des Mystikers «Machet den Zaun nit zu wit». Ob im Verhältnis zur EU oder zur Migration – für die nationale Rechte von James Schwarzenbach bis heute zur SVP ist Bruder Klaus aufgrund dieses Appells der Schutzpatron.

Natürlich weiss Blocher, dass dem Eremiten dieser Satz erst 50 Jahre nach seinem Ableben von seinem Luzerner Biographen Hans Salat untergeschoben wurde. Dessen ist sich auch der Historiker Peter Keller, SVP-Nationalrat und früherer Blocher-Redenschreiber, bewusst. Aber der SVP-Parlamentarier gibt zu bedenken: «Von Bruder Klaus direkt ist nichts Schriftliches überliefert, aus einem einfachen Grund: Er war Analphabet.» Wirkungsgeschichtlich sei nun dieses Zitat mit dem Initiator des Stanser Verkommnis verschmolzen.

Dieser historischen Sicht widerspricht nun Josef Lang, alt Nationalrat der Grünen und Historiker. Er befragt das Zitat des Luzerner Chronisten machtpolitisch: «Der Zaun-Satz aus dem Jahre 1537 richtete sich gegen die Ausweitung der Eidgenossenschaft in Richtung Westschweiz.» Ironisch fragt er sich: «Kann sich die SVP eine Schweiz ohne Romandie vorstellen?»

Weltoffen statt nationalkonservativ

Dass die SVP oder der ihr verbundene Verein «Die Schweiz mit Bruder Klaus» diesen Alternativanlass organisiert, stört Lang nicht. «Das ist ein Kompliment für die Organisatoren von dem Trägerverein «Mehr Ranft».  Mit ihrem weltoffenen Programm hat der Verein die nationalkonservative Enge, die häufig die Bruder-Klaus-Verehrung prägte, gesprengt.»

Thomas Wallimann-Sasaki, Theologe und Leiter von ethik22, einem Institut für Sozialethik, ist wenig amüsiert über das Alternativ-Gedenken. Der Mitherausgeber des Jubiläumsbuchs «Mystiker – Mittler – Mensch» betont, dass das Vorhaben von Huonder und Blocher provoziere und Spannungen erzeuge. «Das passt schlecht zur Gestalt des Heiligen.» Beim Stanser Verkommnis von 1481 hätte Niklaus von Flüe für das Gespräch mit allen geworben, für einen gerechten Kompromiss, der nicht Spannungen verschärfe, sondern das Eigeninteresse hinter das Wohl aller zurücktreten lasse. Insofern vermisst Wallimann-Sasaki ein klärendes Wort der Schweizer Bischofskonferenz zum Engagement von Bischof Huonder, der sich nun in den Dienst jener stelle, die Bruder Klaus für ihre ausgrenzende Politik instrumentalisieren. Der Sozialethiker, der vor allem das Streben von Niklaus von Flüe für den «Gemeinnutz» ins Zentrum stellt, fügt noch hinzu: «Gerade Bruder Klaus taugt für eine echte christliche Wertedebatte, aber nicht im ausgrenzenden Stil, wie sie leider auch von Teilen der CVP betrieben wird.»

Pfister, der neue Parteipräsident der CVP, der wieder das «hohe C» der CVP aufpolieren will, greift den alleinigen Anspruch auf die politische Deutungshoheit der SVP des Obwaldner Heiligen an. Beim politischen Aschermittwoch im Entlebuch wird er am 1. März 2017 zusammen mit dem renommierten Bruder-Klaus-Biografen Pirmin Meier auftreten. Der Schriftsteller und Historiker Meier sagt denn auch, dass es ihm keinesfalls um die politische Vereinnahmung von Bruder Klaus gehe, sondern um eine moderne Vermittlung des Mystikers.

«Das radikal ganz Andere»

Für Meier gilt der Satz seines Schriftstellerkollegen und Theologen Walter Nigg: «Der Gottesfreund darf nicht zum Sonderbesitz einer Partei werden. Alle Konfessionen werden von diesem Mann sagen müssen: Da wäre noch ein reiches Erbe anzutreten.» Er macht zugleich klar, dass bei der vorreformatorischen Gestalt von Bruder Klaus sowohl seine katholische Seite wie auch seine protestantische Seite radikal herausgestellt werden sollten. Jedenfalls sollte der Mystiker nicht zu einer blassen ökumenischen Kompromissfigur eingeebnet werden. «Ich will aber niemanden bevormunden. Jeder soll seinen ganz eigenen Zugang zu Bruder Klaus finden. Ich verweise dennoch auf das radikale ganz Andere von ihm.»

 

Delf Bucher / reformiert.
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».