Wehrpflicht
So erlebten Pfarrpersonen die Armee
Pfarrer müssen seit wenigen Wochen wieder Militärdienst leisten, so will es eine Änderung des Militärgesetzes. Bisher hatten Geistliche das Privileg, vom Wehrdienst ausgenommen zu sein, um sich im Kriegsfall um die Mitglieder ihrer Kirchgemeinde kümmern zu können.
Der Bundesrat begründete den Entscheid damit, dass die Seelsorge infolge der «zahlreichen Kirchenaustritte» nicht mehr unentbehrlich sei. Kirchliche Organisationen widersprechen dem vehement (ref.ch berichtete).
Wie beurteilen die Betroffenen die Änderung? Drei Pfarrpersonen nehmen Stellung.
Der soziale Auftrag der Armee ist aus meiner Sicht wichtiger als der Verteidigungsauftrag.
Christian Walti, Theologe und reformierter Pfarrer am Grossmünster in Zürich
Ich habe gemischte Gefühle zum Militär. Waffen mag ich grundsätzlich nicht. Aber ich finde es wichtig, dass es einen Ort gibt, wo Schweizer:innen aus allen Landesteilen und sozialen Schichten zusammen etwas erledigen müssen. Der soziale Auftrag der Armee ist aus meiner Sicht wichtiger als der Verteidigungsauftrag.
Deshalb habe ich ohne Protest die Aushebung gemacht und wurde bei den Übermittlungstruppen eingeteilt. Beim ersten WK war ich als Funker auf einen Panzer eingeteilt und wurde quer durch die Ostschweiz gefahren – ohne ein einziges Mal nach draussen zu sehen. Das war alles andere als prickelnd.
Später habe ich ein Praktikum bei der Armeeseelsorge gemacht und war während zehn Jahren Seelsorger bei den Fliegersoldaten in Payerne. Das fand ich sehr spannend, besonders die Einzelgespräche mit jungen Menschen aus allen Lebenslagen und Landesteilen.
2020 habe ich mich aus der Armeeseelsorge zurückgezogen, da ich familiär und beruflich nicht mehr so leicht Einzeltage freimachen konnte. Ich habe mich dazu tatsächlich auf den Paragraphen berufen, der jetzt abgeschafft wurde. Sechs Jahre später habe ich mich in diesem Jahr aber wieder zum freiwilligen Dienst gemeldet. Ich werde, sofern meine medizinische Abklärung gut verläuft, in einigen Monaten bei einer neuen Truppe wieder als Armeeseelsorger Dienst tun.
Die Änderung hat eine positive Seite: Sie stellt Pfarrpersonen anderen Menschen gleich. Die negative Seite liegt in der Begründung: Seelsorge entspreche keinem unabdingbaren Bedürfnis der Bevölkerung mehr. Das ist offensichtlich aus der Hüfte geschossen. Das Gegenteil ist der Fall. Für mich ist der Entscheid ein Weckruf: Wir müssen besser erklären, was Seelsorge ist.
Die meisten meiner Bekannten sind für die Wehrpflicht.
Bruno Bader, Pfarrer im Ruhestand und Präsident von église à venir
«Ich wurde seinerzeit aus medizinischen Gründen vom Militärdienst befreit. In meinem Kollegenkreis sind die meisten dafür, dass Pfarrer der allgemeinen Dienstpflicht unterstehen.
Sie schlagen vor, dass Pfarrer nach der Ordination als Armeeseelsorger Dienst leisten – von ihnen hat es aktuell zu wenig. Oder sie sollen ihren angestammten Einheiten zugewiesen werden. Alle Kollegen, die ich gefragt habe, halten die Begründung, mit der sich Pfarrer vom Dienst freistellen lassen konnten, für aus der Zeit gefallen.»
Ich würde mich heute als Pfarrer nicht mehr als «gesellschaftsrelevant» betrachten
Christian Bieri, Aargauer Kirchenrat, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Evangelischen Pfarrgemeinschaft
Ich habe die RS als Sanitätsmaterial-Soldat absolviert. Mein waffenloser Dienst war nicht ganz einfach zu erreichen. Es brauchte ein Gespräch vor der militärischen Kommission und nach einem Rekurs noch eines vor der zivilen Kommission.
Meine Erfahrungen in der RS in Moudon waren entgegen meinen offenen Erwartungen sehr schlecht. Es war ein gemeinsames Durchmogeln der Unteroffiziere mit uns Rekruten durch einen sinnlosen Sommer. Es war absurd, um 5.15 Uhr zu frühstücken, aber nachher nicht zu wissen, wie man die Zeit totschlagen sollte. Mehrere Nachmittage verbrachten wir in der Badi Moudon – leider gab es aber beim militärischen Material keine Badehosen in Tarnfarben. Selbst die Durchhalteübung («Überlebenswoche») in Muotathal bestand vor allem aus der Herausforderung, die Langeweile zu überleben. Ich nahm angesichts des Nichtstuns in diesem Sommer drei Kilogramm zu und musste mich nachher erstmal wieder körperlich in Form bringen.
Weitermachen musste ich glücklicherweise nicht. Aber auch die WKs waren verlorene Zeit. Der erste fiel in die Balkan-Krise, wir wurden kurzfristig aufgeboten und für Flüchtlingsbetreuung ins Wallis abdetachiert. Dann kamen aber viel weniger Flüchtlinge als erwartet, sodass wir schlichtweg nichts zu tun hatten. Im zweiten WK lief noch weniger.
Den dritten WK konnte ich wegen des Vikariats aufschieben. Mit gut 26 Jahren kam ich ins Pfarramt in der Ostschweiz und an einem der ersten Tage brachte ich mein Armee-Material zurück ins Zeughaus St. Gallen. Mit Unterschrift meines Kirchenvorsteherschafts-Präsidiums war ich vom weiteren Dienst befreit.
Es gab einmal noch einen Telefonanruf, ob ich nicht Armeeseelsorger werden möchte. Die Armeeseelsorge finde ich eine prima Sache. Für mich konnte ich mir das aber angesichts meiner negativen Erfahrungen nicht vorstellen. Und im Einzelpfarramt wäre es schwer zu organisieren gewesen.
Wenn ich auf die heutigen Diskussionen schaue, denke ich, dass die neue Regelung einfach ein Zeichen der Zeit und des verlorenen Stellenwerts der Kirche ist. Auch ich würde mich heute als Pfarrer nicht mehr als «gesellschaftsrelevant» betrachten, auch wenn ich damals von dieser Regelung persönlich profitiert habe. Da müssen wir den Tatsachen ehrlich ins Angesicht blicken.
Vom Militärdienst werden, denke ich, sowieso nur die allerwenigsten Pfarrer betroffen sein, da heute kaum mehr jemand unter 30-jährig ins Pfarramt kommt. Und Stellvertretungsregelungen können es sonst locker auffangen. Insofern ist die Abschaffung dieser alten Regelung wohl tatsächlich an der Zeit, wenn auch der Verzicht auf eine Stellungnahme der Kirchen meiner Ansicht nach sehr unschön war.
Uns noch als Volkskirche bezeichnen zu wollen, ist bloss romantisierend und anachronistisch.
Matthias Plattner, Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Sissach-Wintersingen (BL).
Man kann nur bedauernd unterstreichen, was Kollege Christian Bieri aus dem Aargau offen und ehrlich formuliert: Das Pfarramt (und dahinter wohl auch die Kirchen) sind im 21. Jahrhundert nicht mehr gesellschaftsrelevant!
Wir leben in einer postchristlichen oder mindestens postkirchlichen Welt und uns noch als Volkskirche bezeichnen zu wollen, ist bloss romantisierend und anachronistisch.
Es gibt die einst für die Bewältigung eines Krisen- und Kriegsfalls überragende Bedeutung: Präsenz und Autorität des Pfarramts in den Kommunen nicht mehr.
Der Entscheid des Bundesrates, uns Pfarrer im Gemeindepfarramt nicht mehr vom Militärdienst zu dispensieren, ist aus meiner Sicht korrekt.
Dass er die Kirchenleitungen darüber vorgängig weder befragt noch informiert hat, zeugt von der in bundesrätlichen Augen zunehmenden kirchlichen Irrelevanz in unserer Zeit.
Ich bin seit 33 Jahren im Pfarramt, habe zunächst als braver Soldat gedient, mich dann aber beim Berufseintritt in ein Einzelpfarramt 1993 aus der Armee verabschiedet.
Sie sind Pfarrer? Schreiben Sie uns an redaktion@ref.ch, welche Erfahrungen Sie im Militär gemacht haben, oder teilen Sie uns mit, warum Sie keinen Dienst geleistet haben.