Warum Zeitungen in die digitale Trauer investieren

Sind Zeitungen Spezialisten für Trauer? Nein, aber ihre Todesanzeigen wollen sie künftig auch im Web verkaufen. Die NZZ, die AZ Medien und die «Südostschweiz» haben deshalb eigene Trauerportale gegründet. Bald steigt auch die Tamedia ein.

«Gedenkhimmel» des NZZ-Trauerportals.
Virtueller Abschied: der «Gedenkhimmel» des NZZ-Trauerportals. (Bild: NZZ-Trauerportal)

Die neue Website der «Neuen Zürcher Zeitung» heisst http://trauer.nzz.ch und ist seit Juni aufgeschaltet. Man findet dort nicht nur klassische Todesanzeigen, sondern auch Tipps und Checklisten rund um den Todesfall. Zum Beispiel wie man einen Nachruf schreibt, wie man den Verlust eines Angehörigen bewältigt oder wie man eine Beerdigung organisiert. Es gibt auch eine «Gedenkhalle», in der man für Verstorbene virtuelle Kerzen oder sogar ein «ewiges Leuchten am Sternenhimmel» anzünden kann.

«Wir publizieren auf unserem Trauerportal die Print-Todesanzeigen und ermöglichen den Inserenten einfache Zusatzangebote», erläutert Maurizio Mancinone, Projektleiter des NZZ-Portals, gegenüber ref.ch. Die Todesanzeigen lägen sowieso in digitaler Form vor, da sei die Webpublikation naheliegend. Auf dem Trauerportal erhalten Angehörige, die eine Todesanzeige in der NZZ aufgegeben haben, eine Art eigene kleine Website: Sie können Texte, Bilder und Musik zu Verstorbenen hochladen.

Markt im Web sichern

Die AZ Medien («Aargauer Zeitung») haben seit April mit www.gedenkzeit.ch ein ganz ähnliches Portal geschaffen, das Pendant der «Südostschweiz» heisst www.abschied-nehmen.ch, das im Juni aufgeschaltet worden ist. In der Romandie gibt es mit www.hommages.ch der Zeitungen «Le Matin», «24heures» und «Tribune de Genève» (seit 2010 alle Tamedia) bereits seit 2007 ein Trauerportal, vermutlich war es das erste Angebot dieser Art in der Schweiz. Haben die Verleger die Trauer entdeckt?

Ja, durchaus, sie machen das allerdings nicht aus Altruismus. Sie wollen in erster Linie den Markt für Todesanzeigen im Web sichern, wie sie das schon bei anderen Rubrikeninseraten wie zum Beispiel den Stellen gemacht haben. Die Inserateeinnahmen in den Zeitungen nehmen immer mehr ab, und man versucht nun, online zu retten, was zu retten ist. Andere Anbieter, zum Beispiel Betreiber von virtuellen Friedhöfen, haben sich allerdings schon ein Stück des virtuellen Trauer-Kuchens weggeschnappt, zum Beispiel die Online-Friedhöfe www.strassederbesten.de oder www.onlinefriedhof.net.

«Das Trauerportal soll Orientierung und Unterstützung in schwerer Zeit bieten. Aber wir haben schon auch ein kommerzielles Ziel», sagt Mancinone. «Wir verdienen einerseits an den Todesanzeigen, andererseits kann man bei uns einen Adressenplatz kaufen.» Dies können zum Beispiel Bestattungsunternehmen, Bildhauer, Floristen tun, aber es sind weitere Akteure denkbar, die mit Todesfällen zu tun haben, etwa Religionsgemeinschaften, Hilfswerke oder auch Treuhänder. Vorerst seien aber erst die Bestattungsämter gelistet, denen man natürlich keine Rechnung schicke.

Wo sind die Kirchen?

Interessant ist, welche Rolle die Kirchen auf diesen Portalen spielen – nämlich so gut wir gar keine. Zwar heisst es bei NZZ und AZ Medien immerhin, dass die Abdankungsfeier in einer Kirche oder einer Trauerhalle beginne – wie man zum Pfarrer oder zum Kirchengebäude kommt, ist allerdings unklar. Etwas besser schneidet hier das Portal der «Südostschweiz» ab, das Links zu den Kantonalkirchen in St. Gallen und Graubünden aufführt. Das NZZ-Portal werde nun aber bald auch die reformierten und die römisch-katholischen Kirchgemeinden auflisten, wie NZZ-Mann Mancinone ankündigte.

Alles in allem sehen die Portale alle recht ähnlich aus, bei www.gedenkzeit.ch und dem NZZ-Portal ist der Text über die Bestattung sogar identisch. Auch ist dieselbe Software dahinter, jene der deutschen Firma VRS-Media. Sie betreibt in Deutschland über 150 solcher Portale, die Firma «iannounce» aus England sogar über 600. «Die Funktionen sind sehr vergleichbar», so Mancinone.

Ein Grosser der Branche will nächstens ebenfalls einsteigen: Christoph Zimmer, Unternehmenssprecher der Tamedia, bestätigte, dass die Tamedia in der Deutschschweiz «in den nächsten Monaten» ebenfalls ein Trauerportal in Betrieb nehmen werde. Im Vordergrund stehe der Zusatznutzen und das Bedürfnis, auch im Internet Todesanzeigen zu platzieren. Kein Trauerportal hat dagegen die «Basler Zeitung» im Sinn, wie David Thommen, stellvertretender Chefredaktor, auf Anfrage sagte.