Ein Grabstein mit blinkenden Sternen und Glitzerengeln, digitalen Bildern, Videos und Musik, dazu ein Gästebuch mit Kondolenzgedichten: Ein virtueller Friedhof gleicht einem richtigen Friedhof, nur persönlicher gestaltet. Er ist eine Art virtueller Gedenkaltar, der allen offensteht – etwa weit entfernt lebenden Verwandten und Freunden.
So blieben die Verstorbenen präsent und seien für viele Hinterbliebene oft noch Jahre nach ihrem Tod wichtige Ansprechpartner, sagte die Soziologin Nina Jakoby von der Universität Zürich der Nachrichtenagentur sda. «Sie nehmen auf diese Weise weiterhin am aktuellen Leben teil.»
Damit steht der Trend im Gegensatz zum medizinisch-psychiatrischen Ansatz, der Trauer eher «als eine Krankheit, die es zu überwinden gilt» sehe, sagte Jakoby, die für ihre Habilitation verschiedene Ausdrucksformen von Trauer untersucht hat. Dabei steht am Ende eines Trauerprozesses das Loslassen, der Abschied vom Toten.
Krank nach 2 Wochen Trauer
Neuere Studien definierten Trauerreaktionen nach 13 oder 14 Monaten als chronisch, die neue Ausgabe des US-Psychiatrie-Handbuchs DSM-5 sogar noch früher: Demnach gilt ein Trauernder schon als krankhaft depressiv, wenn er zwei Wochen nach dem Tod eines Angehörigen unter Schuldgefühlen leidet oder zutiefst niedergeschlagen und antriebslos ist.
Doch offenbar betrachten es viele Menschen als ihr gutes Recht, auch längerfristig traurig zu sein. Vor allem jüngere Menschen und Frauen nutzten das Internet für diese Art von «Nach-Tod-Ritualen», erklärte Jakoby, die zwei deutschsprachige Dienste, «Memorta» und «Strasse der Besten», näher untersucht hat.
Toten- und Ahnenkult
Diese Art der Trauer gleicht somit eher dem mexikanischen Brauch der «Dias de los muertos» (Tage der Toten), an denen die Verstorbenen fröhlich mit Musik, Tanz und Essen willkommen geheissen werden. Auch asiatische Kulturen kennen den Ahnenkult: Keine Familie fällt wichtige Entscheidungen, ohne zuerst die Ahnen dazu zu befragen.
«Mit den virtuellen Friedhöfen wurde ein Ritual geschaffen, das in der westlichen Gesellschaft bisher fehlte», sagt Jakoby. Eine andere Studie der Soziologin zeigte auf, dass viele Menschen in unseren Breiten Mühe haben, über Trauer zu sprechen. Niemandem zur Last fallen und im Alltag rasch wieder funktionieren, heisst das Credo.
Aushaltbare Trauer
«Vor diesem Hintergrund bieten Trauerportale im Internet eine neue Plattform für den individuellen Ausdruck von Trauer», sagt Jakoby. Vor allem für Jüngere sei das Internet ein selbstverständliches Medium, um ihre Gefühle auszudrücken. Ob diese fortbestehenden Bindungen an den Toten die Anpassung an den Verlust fördern oder eher behindern, sei nicht untersucht.
Doch für Jakoby «zeigt sich in diesen virtuellen Friedhöfen vor allem eine <aushaltbare Trauer> – gefüllt mit Dankbarkeit, Liebe und Erinnerungen, aber auch traurigen Momenten.» Viele erhielten auf diesen Webseiten auch Mitgefühl und Verständnis von Personen, die einen ähnlichen Todesfall erlebt haben. «In unserer Studie haben die Betroffenen eine tiefe Dankbarkeit dafür gezeigt», sagte Jakoby.
Kaum zufällig entstanden die virtuellen Memorials zunächst für gesellschaftlich stigmatisierte Verluste – für Haustiere, aber als sogenannte «Baby Gardens» auch für Babys, die noch vor oder während der Geburt gestorben sind. Ausser den Eltern konnte niemand eine Beziehung zu ihnen aufbauen und somit deren Schmerz richtig teilen, erklärte Jakoby.
Onlineshop für Trostgeschenke
Inzwischen hätten sogar renommierte Medien wie die «Süddeutsche Zeitung» solche Online-Portale eingerichtet. Seit ihrer Studie im Jahr 2011/12 stellt Jakoby indes eine zunehmende Kommerzialisierung der Angebote fest. «Die Trauerportale werden zunehmend über Werbung finanziert.»
Manche bieten heute Onlineshops für Trostgeschenke an, bei anderen sind Einstellungen für grösseren Schutz der Privatsphäre kostenpflichtig. Die Offenlegung des Privaten werfe zudem neue Probleme auf, etwa zum Datenschutz oder den Persönlichkeitsrechten der Verstorbenen.