«Die Leute nehmen die katholische Kirche als moralische Instanz nicht mehr ernst. Wir verlieren die Menschen in Scharen», so Farley. Stattdessen solle die Kirche die Erkenntnisse von Biologen und Psychologen im Lichte der katholischen Tradition prüfen. «Was wir nicht tun sollten, ist auf eine Stimme von oben zu warten, die sagt: Lasset euch nicht scheiden! Seid nicht schwul!»
Farley sagte im Interview mit «Spiegel online», sie habe Normen erarbeitet, die «Voraussetzung für gerechte Liebe» seien: Sex solle einvernehmlich sein und auf Gegenseitigkeit beruhen. Die Partner müssten sich auf Augenhöhe begegnen und dürften sich nicht verletzen. Die Gesellschaft dürfe niemanden wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminieren. Sex sollte verbindlich sein und die Beziehung fruchtbar.
Den Begriff «fruchtbar» meine sie metaphorisch: «Aus jeder Beziehung kann eine Frucht, kann ein Gewinn erwachsen, der kein leibliches Kind der Partner sein muss. In manchen Regionen der Welt ist es auch nicht sinnvoll, dauernd Kinder zu zeugen, die dann hungers sterben.»
Farley ist Ordensfrau der «Religious Sisters of Mercy», bekleidete als erste Frau eine Professur an der Yale Divinity School und stand mehrere Jahre der Catholic Theological Society of America vor. In ihrem 2006 erschienenen Buch «Just Love. A Framework for Christian Sexual Ethics» fordert sie ein radikales Umdenken beim Umgang mit Homosexualität, Verhütung, Zölibat und Ehescheidung. Unter dem Titel «Verdammter Sex. Für eine neue christliche Sexualmoral» erschien das Buch Anfang des Monats im Darmstädter Theiss-Verlag auf Deutsch.
Die Glaubenskongregation im Vatikan rügte 2012 die Positionen Farleys, «die in direktem Widerspruch zur katholischen Lehre auf dem Gebiet der Sexualmoral» stünden. Das Buch dürfe «weder in der Beratung und Ausbildung noch im ökumenischen und interreligiösen Dialog als zulässige Darlegung der katholischen Lehre» verwendet werden.