Ungarn
«Die Kirche sollte zu einem kritischen Partner werden»
Für Ungarn soll eine «neue Ära» anbrechen, so kündigt es Wahlsieger Péter Magyar an. Der Vorsitzende der Tisza-Partei und neue Ministerpräsident errang bei den Parlamentswahlen vom 12. April die Zweidrittelmehrheit und beendete damit die 16-jährige Herrschaft Viktor Orbáns (ref.ch berichtete).
Doch was bedeutet der politische Umbruch für die Kirchen und Religionsgemeinschaften im Land? Unter Orbán profitierten die Kirchen von grosszügigen staatlichen Zuwendungen. Gleichzeitig drohten sie, in Abhängigkeit vom Staat zu geraten und ihre kritische Distanz zur Politik zu verlieren.
Der reformierte Theologe Sándor Fazakas nimmt in den Kirchen nach den Wahlen viel Verunsicherung wahr. Denn noch ist unklar, welchen kirchenpolitischen Kurs die neue Regierung einschlagen wird. Im Gespräch mit ref.ch sagt Fazakas, welche Rolle die Kirchen künftig spielen könnten und was sich dafür verändern müsste.
Herr Fazakas, die Ära Orbán ist zu Ende gegangen. Wie wurde der Regierungswechsel in der reformierten Kirche aufgenommen?
Ich nehme eine grosse Ambivalenz wahr. Viele erinnern sich in diesen Tagen an ein Wort Karl Barths. Bei seinem Besuch in Budapest 1948 sprach Barth über den Wechsel von Staatsordnungen und betonte, die Kirche dürfe sich von keiner alten oder neuen Ordnung von ihrem Auftrag abbringen lassen. Das war im Zusammenhang mit dem Übergang zum Kommunismus. Eine ähnliche Spannung erleben wir heute. Ein Teil der Kirche blickt mit Sorge auf den Machtwechsel, ein anderer mit Hoffnung.
Was sind das für Hoffnungen und Sorgen?
Viele wünschen sich transparentere Verhältnisse. Besonders in strukturschwächeren Regionen erhofft man sich von der neuen Regierung bessere Lebensbedingungen. Gleichzeitig gibt es innerhalb der Kirche die Sorge, den Staat als verlässlichen Partner zu verlieren. Viele kirchliche Projekte in Diakonie, Bildung und Kultur sind auf staatliche Subventionen angewiesen. Diese Ambivalenz zeigt sich auch in Untersuchungen, wonach rund die Hälfte der reformierten Kirchenmitglieder für die neue Regierung gestimmt hat.
Der reformierte Pfarrer Sándor Fazakas lehrt Systematische Theologie und Sozialethik an der Reformierten Theologischen Universität Debrecen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft in posttotalitären Systemen, Ethik des Politischen und die Rezeption von Karl Barth in der ungarischen reformierten Kirche.
Fazakas ist Mitglied zahlreicher internationaler wissenschaftlicher Fachorganisationen. Für sein Lebenswerk wurde er 2024 von der Union Evangelischer Kirchen in Deutschland mit dem Karl-Barth-Preis ausgezeichnet. (no)
Beobachter warfen den ungarischen Kirchen unter Victor Orbán immer wieder eine zu grosse Nähe zum Staat vor. Ist dieser Vorwurf berechtigt?
Man muss differenzieren. Während des Kommunismus haben die ungarischen Kirchen eine lange Zeit der Repression erlebt. Mit staatlicher Unterstützung ist es gelungen, die kirchliche Infrastruktur nach der Wende wieder aufzubauen. Viele verstanden das als eine Art von Entschädigung oder Wiedergutmachung. Problematisch wird es allerdings, wenn daraus Abhängigkeiten entstehen und die Kirche auf ihre kritische Stimme verzichtet.
Wie könnte ein neues Verhältnis zwischen Kirche und Staat aussehen?
Historisch kennen die Kirchen in Ungarn nur zwei Modelle: Kooperation oder Konfrontation. Es ist nie dazu gekommen, dass die Kirche gegenüber dem Staat die Rolle eines kritischen und konstruktiven Partners eingenommen hat. Die Kirche sollte mit dem Staat zusammenarbeiten können, ohne von ihm abhängig zu werden. Diese Rolle müssen wir erst lernen.
Kann man bereits erkennen, welchen Kurs die neue Regierung einschlagen wird?
Im Programm der Regierungspartei Tisza ist festgehalten, dass die gesellschaftlichen Leistungen der Kirche geschützt und weiter subventioniert werden sollen. Allerdings strebt die Regierung dabei mehr Transparenz an. Auch Ministerpräsident Magyar betonte gegenüber Kirchenvertretern diese Absicht. Wie das dann in der Praxis aussehen wird, bleibt abzuwarten.
Die frühere Regierung betonte oft die christliche Identität Ungarns. Dennoch schrumpfen die Kirchen. Wie passt das zusammen?
Das ist vielleicht die wichtigste Entwicklung überhaupt. Ungarn ist heute eine hochsäkularisierte Gesellschaft. Die letzte Volkszählung hat gezeigt, dass sich weniger als die Hälfte der Bevölkerung zu einer Konfession bekennt. Auch in der Kirche haben wir das lange nicht wahrnehmen wollen. Sicher gehört das zu unseren grossen Herausforderungen.
Was wünschen Sie für die Zukunft der reformierten Kirche in Ungarn?
Ich hoffe, dass sie ihre wichtigen Aufgaben in Bildung und Diakonie weiterführen kann. Zugleich wünsche ich mir mehr Dialog innerhalb der Kirche und auf ökumenischer Ebene mit anderen Kirchen. Die ungarische Gesellschaft ist stark polarisiert, denn die Tagespolitik hat Familien und Freunde auseinandergerissen. Hier kann die Kirche einen Beitrag zur Versöhnung leisten. Das gelingt aber nur, wenn sie auch ihre eigenen Versäumnisse ehrlich aufarbeitet.