Für seine Partei ist Jost in den letzten Jahren in zahlreiche Wahlkämpfe gestiegen, etwa für den Ständerat, den Nationalrat oder den Regierungsrat. Die Erfolgsaussichten waren meist moderat – das Rennen machten jeweils Vertreter der grossen Parteiblöcke.
Doch die beharrliche Präsenz in den Wahlkämpfen sollte sich auszahlen. Jost etablierte sich in der Berner Politszene und die EVP hielt sich als Mittekraft im Gespräch. So erstaunte es nicht, dass die EVP Jost für das turnusgemäss zu besetzende Amt des bernischen Grossratspräsidenten auserkor. Doch auch hier musste der Berner Oberländer Geduld aufbringen und zunächst einer grossen Partei den Vorrang lassen.
«Nach uns kommt nicht die Sintflut»
Nun wird der Thuner im eidgenössischen Wahljahr 2015 das Grossratspräsidium innehaben. Jost kandidiert für den Nationalrat, wo die EVP gerne eine zweiten
Sitz erobern würde. In seiner Funktion als Grossratspräsident leitet Jost die Sessionen des Kantonsparlaments. Er wolle das Parlament fair, ruhig und klar führen, sagte Jost. In die Debatten einbringen darf sich der Präsident nicht.
Als «höchster Berner» wird Jost hingegen dem Kanton Bern nach aussen vertreten und an zahlreichen Anlässen Gelegenheit haben den Kontakt zur Bevölkerung zu
pflegen. Etwas, das dem ehemaligen Lehrer und Pfarrer nicht schwer fallen dürfte. Nach seiner Lehrerausbildung sattelte der bekennende Christ um und liess sich
am Theologischen Seminar St. Chrischona zum Pfarrer ausbilden. Mehrere Jahre arbeitete er anschliessend als Seelsorger beim Evangelischen Gemeinschaftswerk
in Thun.
Seit 2012 ist der vierfache Familienvater Generalsekretär der Evangelischen Allianz und Geschäftsführer bei einem Verband christlicher Hilfswerke. Während
seines Präsidialjahres reduziert Jost sein Pensum etwas.
Christliche Werte sind Jost ein zentrales Anliegen in seinem politischen Handeln, wie der Thuner auf seiner Homepage schreibt. Sein politisches Engagement richtet der Thuner nach eigenem Bekunden auf die Zukunft aus. «Es ist mir nicht genug, dass meine Generation überlebt, denn nach uns kommt nicht
die Sintflut.»
Wertkonservativ aber weltoffen
Im bernischen Grossen Rat, dem Jost seit 2006 angehört, hat der EVP-ler verschiedene Vorstösse eingereicht, die Themenpalette reicht vom Verbot sexistischer Werbung, über Entwicklungshilfe, Biodiversität, und Familie bis hin zu lokal gefärbten Anliegen, wie Umstrukturierungen bei den Thuner Gymnasien. Jost gilt als wertkonservativ, aber weltoffen. Ein Blick auf das Smartvote-Profil des Thuners zeigt, dass er einer liberalen Gesellschaft wenig Priorität einräumt, dafür eine offene Aussenpolitik und einen ausgebauten Umweltschutz befürwortet. Bei Themen wir restriktiver Migrationspolitik, restriktiver Finanzpolitik oder Ausbau des Sozialstaates bewegt sich Jost etwa in der Mitte.
Fest in Oberländer Hand
Nach seiner Wahl zum «höchsten Berner» wird Jost am 1. Juni in seiner Heimatstadt Thun gefeiert. Dabei kann ein weiterer Thuner Grossrat schon mal Mass nehmen: der freisinnige Carlos Reinhard, aktuell erster Vizepräsident des Grossen Rates, wird voraussichtlich 2016 das Berner Kantonsparlament präsidieren.
Auf Reinhard folgt 2017 aller Voraussicht nach eine weitere Berner Oberländerin: die Spiezer SP-Grossrätin Ursula Zybach. Sie wurde am Donnerstag von ihrer Partei als zweite Vizepräsidentin vorgeschlagen.
Käser zum zweiten Mal an der Spitze der Regierung
Zum Beginn der Junisesson wählt das Berner Kantonsparlament auch den neuen Regierungspräsidenten. Turnusgeämss fällt das Amt dem freisinnigen Polizei- und Militärdirektor Hans-Jürg Käser zu, zum zweiten Mal nach 2010. Käsers Bilanz der letzten Jahre fällt durchzogen aus. Als Vorsteher der kantonalen Polizeidirektorenkonferenz ist er schweizweit in den Medien präsent.
Auf kantonalem Parkett hingegen lief es alles andere als rund: ein Durcheinander im Migrationsdienst, die Thorberg-Affäre und Filzverdacht im Beschaffungswesen der Polizei brachten Käser in die Bredouille. Bei den Regierungsratswahlen 2014 schnitt der 65-jährige trotz allem nicht schlecht ab. (sda)