Die Bänke in Taizé stehen im Dreieck. Ein kleines Detail, das aber viel über diesen ungewöhnlichen Ort im Burgund verrät: In der ökumenischen Gemeinschaft sitzt niemand am Rand. «Ich konnte nie verstehen, wieso Christen so viel Energie für die Rechtfertigung ihrer Differenzen verschwendeten», sagte der Gründer und Prior Roger Schutz einmal. In Taizé machte der Schweizer aus seiner Utopie einer vereinten und weltoffenen christlichen Kirche ein Stück Wirklichkeit – und schuf einen Sehnsuchtsort, der jedes Jahr Zehntausende Jugendliche anzieht. Am Sonntag (16. August) jährt sich sein gewaltsamer Tod zum zehnten Mal. Alles begann im Kriegssommer 1940: Der junge evangelische Theologe stieg aufs Velo und reiste in die französische Heimat seiner Mutter. Im Dorf Taizé nahe der Demarkationslinie zur deutschen Besatzungszone kaufte der 25-Jährige ein Haus, half Juden und anderen Verfolgten bei der Flucht. Bald musste Schutz selbst vor der Gestapo zurück in die Schweiz fliehen. Doch nach der Befreiung kam er zurück, kümmerte sich mit ersten Mitstreitern um Kriegswaisen und deutsche Gefangene.
Am Anfang waren sieben Männer
Aus dieser Keimzelle entstand die ökumenische Bruderschaft: 1949 verpflichteten sich sieben Männer zu einem einfachen und ehelosen Leben. Aus Schutz wurde Frère Roger. Heute umfasst die Gemeinschaft um die 100 Männer unterschiedlichster Konfessionen. Die Brüder verdienen ihren Lebensunterhalt selbst, mit Handwerk, Druck und dem Vertrieb ihrer Bücher. Seit den 1960er Jahren wurde Taizé zu seinem Pilgerort der Jugend. Die Besucher beten, singen und diskutieren über den Sinn des Lebens – eine Art permanentes religiöses Festival. Ohne Murren nehmen sie die spartanischen Baracken- oder Zeltlager und die einfache Kost in Kauf und schwärmen teilweise noch Jahre später von der einzigartigen Atmosphäre. «Wenn du mit dreitausend Menschen singst, fühlst du dich als Teil einer Gemeinschaft; und du kannst im stillen Gebet einen inneren Frieden finden», notierte Ernest aus Litauen nach seinem Besuch im vergangenen Jahr. «Taizé ist wie ein Traum», sagte der frühere badische Landesbischof Ulrich Fischer einmal.
Raum für die Zukunft der Kirche
Die Liturgie in Taizé ist entschlackt, Gesang spielt eine grosse Rolle in den Gottesdiensten, die Sprache ist ungestelzt. Für den katholischen Seelsorger Klaus Hamburger hat die Gemeinschaft damit Vorbildfunktion: «Taizé gibt der Zukunft der Kirche im 21. Jahrhundert Raum, auch der katholischen», schrieb er in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung «Christ und Welt». Eine eigene Theologie stellte Roger, der die Gemeinschaft bis an sein Lebensende als Prior leitete und im Mai 100 Jahre alt geworden wäre, nie auf. Für ihn ging es vor allem um Versöhnung, Vertrauen und Gemeinschaft. Er sagte einmal, er ertrage es nicht, wenn Leute zu systematisch vorgingen – auch in Glaubensfragen. Der Protestant genoss auch in der katholischen Kirche hohe Wertschätzung und war regelmässig zu Privataudienzen beim Papst in Rom. Spekulationen, er sei zum Katholizismus übergetreten, wies die Gemeinschaft stets zurück. «Ich habe meine Identität als Christ darin gefunden, in mir selbst den Glauben meiner Herkunft mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgendjemand die Gemeinschaft abzubrechen», sagte Frère Roger selbst.
Während Gottesdienst erstochen
Sein Ende kam plötzlich und brutal: Am 16. August 2005 erstach eine psychisch kranke Frau den 90-Jährigen während des Abendgottesdienstes in der Versöhnungskirche von Taizé. Manche argwöhnten damals, dass die Gemeinschaft mit dem Tod des unbestrittenen geistigen Vaters ihre Dynamik verlieren würde. Doch die Brüder in ihren hellen Kutten setzten das Werk fort. Auch heute strömen Jugendliche weiter nach Taizé und zu den europäischen Treffen, die jedes Jahr um Silvester in einer anderen Stadt Station machen. «Wir haben eine ganz erstaunliche Erfahrung gemacht», sagte Prior Alois dem Deutschlandfunk: «Dass der Tod von Frère Roger, so grausam er war, uns noch näher zusammengebracht hat in unserer Communauté, unter uns Brüdern.» (sda/dpa)
Kurz erklärt: Taizé
Der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé gehören etwa 100 Männer aus mehr als 25 Ländern an. Sie folgen einer Ordensregel aus dem Jahr 1953, die Freude, Barmherzigkeit und Einfachheit in den Mittelpunkt stellt und eine umfassende Gütergemeinschaft festlegt. Etwa ein Drittel der Männer lebt in Aussenposten der Bruderschaft in Elendsvierteln in Entwicklungsländern. Die Wurzeln der Gemeinschaft liegen in einem Haus in dem kleinen burgundischen Ort Taizé, das der Schweizer Theologe Roger Schutz 1940 erwarb. 1949 entschlossen sieben Männer sich dort zu einem religiösen Leben in Ehelosigkeit. Erster Prior wurde Schutz, Frère Roger genannt. Die besondere Spiritualität des Ordens zog in der Folgezeit viele Jugendliche an. Seit 1966 organisiert die Gemeinschaft regelmässige Jugendtreffen. Der zweite und zurzeit amtierende Prior ist Frère Alois Löser aus Deutschland.