Social-Media-Seelsorge: Entwicklungsland Schweiz

Seelsorgende in der Schweiz nutzen bei ihrer Arbeit Whatsapp oder Facebook kaum. Eine Meinungsumfrage unter Seelsorgerinnen und Seelsorgern zeigt die Vor- und Nachteile dieser Art von Seelsorge auf. Uneinigkeit herrscht, ob die Kirchen spezifische Schulungen anbieten sollten.

Online: Wo die Jugend ist, fehlt noch weitgehend die Seelsorge. (Foto: iStockphoto/Graham Oliver)

Jugendliche kommunizieren elektronisch. Vor allem Snapchat, Whatsapp und Instagram sind beliebt, Facebook ist nach wie vor weit verbreitet. Für die Seelsorge hingegen werden Social Media-Kanäle in der Schweiz noch kaum genutzt, in der Aus- und Weiterbildung für Pfarrpersonen sind sie praktisch kein Thema.

Aus Sicht der Pfarrerin Mirja Zimmermann ein Nachteil: «Was sind wir für eine Kirche, wenn wir nicht bei den Leuten sind?» Dabei entspräche gerade das Diskutieren auf Augenhöhe dem Sinn der Kirche, findet sie. Telefoniert werde immer weniger. Und die Hemmschwelle, die Pfarrerin persönlich zu treffen, sei eher gross.

Niedere Schwelle

Die Dreissigjährige ist Pfarrerin im bernischen Sumiswald. «Soziale Medien wären eine Riesenchance, sie hätten viel Potenzial», sagt sie. Im Kurznachrichtendienst Twitter hat sie über tausend «Follower». Diesen Dienst nutze sie aber kaum, «um meine Klientel zu erreichen», sondern als News-Plattform, differenziert die Pfarrerin die Kanäle. Direkte Kontakte zu Gemeindemitgliedern kämen eher über Facebook zustande. Doch am meisten «Gespräche» liefen über Whatsapp. Gerade weil sich die verschiedenen Möglichkeiten teils deutlich unterscheiden, sieht Zimmermann dringenden Bedarf, das Thema vor allem in der Jugendseelsorge aufzunehmen: «Das Verhalten in den sozialen Medien ist nicht ganz ohne.» Man müsse die Gepflogenheiten kennen und ein Auge auf mögliche Missverständnisse haben. Als grossen Vorteil sieht sie die Niederschwelligkeit.

Zeit sparen

Diese nennt auch Corinne Dobler. Sie ist Pfarrerin im aargauischen Bremgarten, Bloggerin bei der Landeskirche und kümmert sich zudem als Gastroseelsorgerin um Anliegen des Personals in der Gastronomie. Auch die Zeitersparnis schätzt sie bei Whatsapp und Facebook: «Man muss nicht irgendwo hingehen.» Trotzdem kenne sie alle Menschen, mit denen sie über Whatsapp verbunden sei, auch persönlich: «Ich weiss nicht, ob sich Menschen auf eine Nummer melden und einer Person anvertrauen würden, die sie nicht kennen», gibt sie zu bedenken. Nicht ideal sei es, dass Whatsapp-Nachrichten in der Informationsflut einfach untergehen können – oder auch als zu starker Eingriff ins Leben empfunden werden und Stress auslösen können.

Knacknuss Verfügbarkeit

Der Leiter der Fabrikkirche Winterthur, Nik Gugger, nennt zudem – worin er Dobler beipflichtet – die Verfügbarkeit als Herausforderung für die Seelsorgenden. Gugger pflegt die Seelsorge mittels Whatsapp, Facebook und dem Messenger-Dienst Telegram intensiv. Zu intensiv dürfe es aber nicht werden: «Die Erreichbarkeit muss man klar eingrenzen und kommunizieren. Man darf sich nicht einnehmen und fertig machen lassen vom Anspruch, immer verfügbar zu sein.» Aus Sicht der Kundschaft sei das nicht zwingend ein Nachteil, findet Gugger: Vielen helfe es schon zu wissen, dass sie ihr Anliegen einfach posten können und dass es eine Reaktion geben wird.

Diese unmittelbare Möglichkeit, abladen zu können, sieht der Wettinger Pfarrer und Politiker Lutz Fischer-Lamprecht als positiv bei den neuen Kommunikationsformen. Er schätzt ausserdem die mögliche Anonymität. Trotzdem zieht er das persönliche Gespräch vor: Schliesslich passiere in der nonverbalen Kommunikation auch viel. «Im schriftlichen Austausch ist daher das Risiko höher, missverstanden zu werden», sagt Fischer-Lamprecht.

Schweiz im Hintertreffen

Nicht nötig findet der Pfarrer, das Thema in der Aus- oder Weiterbildung aufzunehmen. Aus seiner Sicht braucht es keine besonderen Fähigkeiten, die über die «normale» Seelsorgeausbildung hinausgehen. Aber: «Natürlich ist es notwendig, das jeweilige soziale Medium zu kennen und die Funktionsweise zu beherrschen.»

Etwas anders sieht es Isabelle Noth, Direktorin des Instituts für Praktische Theologie an der Uni Bern. Für sie ist es dringlich, Social Media ind die Aus- und Weiterbildung aufzunehmen. In der Schweiz sei man in diesem Bereich «weit im Hintertreffen», sagt sie; der fehlende Einbezug sozialer Medien sei hier ein «Riesenmanko».

Der Grund seien fehlende Ressourcen – ein Problem, das auch Manuela Liechti betont, die Leiterin des Lernvikariats der Konkordatskirchen. «Für das ganze Thema Seelsorge haben wir acht Tage zur Verfügung – da kann man ohnehin schon nur die Basics der Basics behandeln.» Isabelle Noth weist zudem darauf hin, dass in anderen Bereichen und Ländern die Möglichkeiten längst genutzt würden: In der Psychologie beispielsweise oder in der Seelsorge in den USA und auch in Deutschland.

 

Marius Schären / reformiert.info
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».