Sind Islam-Ängste diffus oder real?

Warum löst unter den Religionen der Islam in der Schweiz am meisten Angst aus? Gottfried Locher, Abt Urban Federer und SVP-Nationalrat Alfred Heer kreuzten zu dieser Frage an einer Podiumsdiskussion zum religiösen Pluralismus in Luzern die Klingen.

«Lassen uns von keiner noch so hässlichen Gewalt einschüchtern». Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK) und des Schweizerischen Rats der Religionen.
«Lassen uns von keiner noch so hässlichen Gewalt einschüchtern». Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK) und des Schweizerischen Rats der Religionen. (Bild: Wikimedia/sekfeps)

1970 gehörten in der Schweiz 97 Prozent der Bevölkerung einer Landeskirche an. Heute sind es noch 63 Prozent. 330’000 Personen sind muslimischen Glaubens, während die Zahl der Konfessionslosen ebenfalls stark gestiegen ist und daneben die Zahl der Juden – weniger als ein halbes Prozent der Bevölkerung – verschwindend klein erscheint. Mit diesen Angaben präsentierte Moderatorin Gabriela Amgarten am Dienstag, 1. März, vor rund hundert Personen an der Universität Luzern den religiösen Pluralismus in Zahlen.

Kriege im Nahen Osten und Flüchtlinge

Woran aber liegt es, dass vor allem das Verhältnis Christentum-Islam interessiert und nicht etwa dasjenige zum Buddhismus? Gottfried Locher, Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), machte dafür die Präsenz vieler Muslime und die Kriege im Nahen Osten verantwortlich. Der Islamwissenschaftler Abbas Poya erwähnte die grosser Anzahl muslimischer Flüchtlinge und «bestimmte Lebenspraktiken, die uns fremd scheinen», wie etwa der Verzicht auf Schweinefleisch oder Alkohol.

Lilo Roost Vischer, Koordinatorin für Religionsfragen in Basel, sagte hingegen: «Meine Arbeit besteht darin, auf Ängste einzugehen.» Die Integrationsfachfrau relativierte die Probleme mit der muslimischen Minderheit, die in Basel neun Prozent der Bevölkerung stellt. Auf 3000 muslimische Schüler gebe es sieben Fälle, in denen Bussen ausgesprochen wurden, weil Schülerinnen dem Schwimmunterricht fernblieben. «Religion ist für mich ein Bauchthema, weil es mit Emotionen verbunden ist. Es ist aber auch ein Sachthema, das man mit Argumenten angehen soll.» Seit den Attentaten in New York von 9/11 seien pauschalisierende Urteile über Muslime üblich geworden, kritisierte Roost Vischer.

Sieg über Muslime bleibt im Gedächtnis

Abt Urban Federer – er trug den rechten Arm in einer Schlaufe und war für einmal ohne Ordensgewand unterwegs – thematisierte die historische Dimension. «Wir dürfen nicht vergessen, dass das griechische Denken über den Islam nach Europa kam. Es gibt aber auch eine Kriegsgeschichte. Diese wirkt im kollektiven Gedächtnis weiter», sagte Federer und erwähnte die Niederlage der Türken vor Wien im 17. Jahrhundert. «Jetzt gelingt den Muslimen, was sie damals nicht schafften», umschrieb der Abt Ängste, die die Einwanderung von Muslimen bei Europäern auslösen kann.

Im kollektiven Gedächtnis schlummernde diffuse Ängste? Das war dem Zürcher SVP-Nationalrat Alfred Heer offensichtlich zu wenig handfest. «Die Ängste sind nicht diffus, sondern real.» Er erinnerte an die Terrorattacken in Paris und an die Stellvertreterkriege zwischen Saudi-Arabien und Iran im Nahen Osten. Die Pariser Anschläge seien zwar «unter Missbrauch des Islam» verübt worden, das ist für den Präsidenten der SVP des Kantons Zürich klar. Dennoch resultiere daraus eine reale Angst vor Muslimen.

Locher hat Angst

Der oberste Schweizer Reformierte sieht das etwas anders. «Die Ängste sind eben doch diffus», konterte Locher. Wohl gebe es «echte Ängste» vor realen Gefahren, aber auch diffuse Ängste, die ihren Grund im kollektiven Gedächtnis hätten. «Daraus ergibt sich ein diffuses Gemisch.»

Trotz dieses Einwurfs war Locher der einzige auf dem Podium, der zugab, selber Angst zu haben: «Kommen Menschen zu uns, die mein Verständnis von Vielfalt kaputt machen wollen, wenn sie nur einmal stark genug sind?» Er habe Angst, dies könnte passieren. Locher stellte auch klar, worauf es aus seiner Sicht bei der Integration von Zuwanderern ankomme: «Das Ziel kann nie sein, dass die Migranten so werden wie wir. Entscheidend ist, dass sie – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit – unseren Wertekanon übernehmen.»

Heer: Geldsegen macht Landeskirchen träge

Unterschiedliche Meinungen gab es auch in der Frage der staatlichen Anerkennung neuer Religionsgemeinschaften. Locher findet eigentlich: «Wir sollten mehr Anerkennungen ins Auge fassen.» Gleichzeitig äusserte der SEK-Ratspräsident Zweifel daran, ob die neuen Religionsgemeinschaften auch wirklich in der Lage seien, die dafür erforderlichen Voraussetzungen zu erfüllen. Diese würden von den Kantonen definiert.

Heer outete sich als Gegner der Trennung von Kirche und Staat. Dies hinderte den SVP-Politiker aber nicht daran, den Status anerkannter Religionsgemeinschaften zu hinterfragen und dabei den Landeskirchen kräftig an den Karren zu fahren. «Besteht nicht die Schwäche unserer Landeskirchen darin, zu viel Geld bekommen zu haben? Sie sind etwas träge geworden in der Verkündigung des Evangeliums. Das viele Geld kann auch schaden.» – Das Podiumsgespräch war vom Ökumenischen Institut und dem Luzerner Dogmatikprofessor Wolfgang W. Müller organisiert worden. (kath.ch/Barbara Ludwig)