SG: Kirchenratspräsident über Kirchenaustritte und Fundamentalismus

Die reformierte Kirche im Kanton St.Gallen erlebt den grössten Mitgliederschwund ihrer Geschichte. Die politische Relevanz der Kirche sei aber ungebrochen, sagt Kirchenratspräsident Martin Schmidt im Interview mit dem «St. Galler Tagblatt».


«Wir verlieren im Kanton St. Gallen etwa 800 bis 900 Mitglieder pro Jahr», erklärte Schmidt im «St. Galler Tagblatt» vom Montag. Rund 111’000 Mitglieder hat die Kantonalkirche noch, das sind 22 Prozent der Wohnbevölkerung. St. Gallen ist die viertgrösste reformierte Kirche der Deutschschweiz nach Bern, Zürich und Aargau.

Trotz der vielen Austritte, «vor allem dann, wenn die Steuererklärung ins Haus flattert», spürt der 52-jährige Schmidt nach wie vor eine grosse Akzeptanz für die Kirchen. «Wir kümmern uns – neben der Verkündigung – um die ethisch-religiöse Bildung, den kirchlichen Sozialdienst, um die Seelsorge in Spitälern, Kliniken und Gefängnissen.» Hinzu kämen Jugendarbeit und Asylwesen.

Zu denken gibt dem Kirchenratspräsidenten, «dass es immer mehr Leute gibt, die das zwar schätzen, aber nicht mehr bereit sind, solidarisch für diese Kirche einzustehen». Manchmal wollten aber ausgetretene Mitglieder trotzdem in der Kirche heiraten oder ihre Kinder taufen lassen. «Darauf müssen wir eine Antwort finden.»

Schatten des Fundamentalismus

Durch die Debatte um den islamischen Fundamentalismus fällt derzeit laut Schmidt ein Schatten auf alle Religionen. «Wir müssen deshalb dem Islam helfen, in der Gesellschaft anzukommen und eine Religion zu werden, die respektiert wird.» Als Beispiel nennt Schmidt den islamischen Religionsunterricht, der nicht «in irgendwelchen Hinterhöfen» stattfinden soll.

Dass christliche Werte heute noch gefragt seien, zeige die Flüchtlingskrise. «Auf einmal haben alle angefangen, christlich zu argumentieren und sich mit den Christen in Syrien zu solidarisieren».

Hervorragend findet der Kirchenratspräsident – als «überzeugter Ökumeniker» – die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche und mit Bischof Markus Büchel. Viele Erfolge seien so möglich, zum Beispiel der Religions- und Ethikunterricht im Lehrplan 21 oder die Organisation der Seelsorge in den Spitälern. (sda)


Zum ganzen Interview mit Martin Schmidt im St. Galler Tagblatt