Finanzen

«Verschuldete sind wie gelähmt»

Jeder sechste Schweizer zahlt seine Rechnungen nicht rechtzeitig. Bei Menschen mit wenig Geld kann dies zu einer Verschuldung führen. Andrea Steiger, Sozialarbeiterin bei der Streetchurch in Zürich, erklärt, wie man die Schuldenfalle vermeiden kann.

Die Streetchurch in Zürich bietet Beratungen an für Personen mit begrenztem Budget. (Bild: Keystone)

Andrea Steiger*, verschuldete Menschen erhalten oft dutzende Mahnungen gleichzeitig. Welches Gefühl kann das auslösen?
Viele Betroffene haben Panik. Sie bekommen eine Betreibung nach der anderen und haben keinen Überblick mehr. In diesem Chaos schaffen sie es nicht, zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht. Einige haben Angst, dass ihr Fernseher gepfändet wird oder dass sie Bussen im Gefängnis absitzen müssen. Schulden zu haben, ist ein Teufelskreis. Viele begleichen alte Rechnungen, bekommen aber immer wieder neue, die sie nicht bezahlen können. Es nimmt kein Ende.

Wie kommt es so weit?
Es gibt Menschen, die bei ihren Eltern den Umgang mit Geld nicht gelernt haben. Für sie ist es normal, dass am Achtzehnten des Monats das Konto leer ist. Meistens sind die Fixkosten zu hoch, und man leistet sich Sachen, die zu teuer sind, wie zum Beispiel ein neues Handy. Heutzutage kann man alles online mit einem Klick kaufen, das führt zu Fehlentscheiden. Häufig sind die Leute auch mit der Administration überfordert. 

« Viele Junge unterschätzen, welche Kosten mit einem Leben als Erwachsene einhergehen. »
Andrea Steiger, Sozialarbeiterin Streetchurch

Das Problem scheint vor allem bei Jungen verbreitet zu sein. Laut dem Bundesamt für Statistik ist jede zehnte Person zwischen 18 und 24 Jahren verschuldet.
Viele Junge kaufen sich Statussymbole, um dazu zu gehören. Doch oft können sie sich diese nicht leisten. Meistens verschulden sie sich nach einem Lebensübergang. Sie schliessen ihre Lehre ab und denken, dass sie als Berufseinsteiger viel Geld haben. Doch sie unterschätzen, welche Kosten mit einem Leben als Erwachsene einhergehen.  

Es kann einem ein gutes Gefühl geben, etwas Neues zu kaufen. Welche Rolle spielt das bei der Verschuldung?
Jeder Einkauf kann positive Gefühle auslösen. Einige Leute leisten sich deswegen Sachen, die sie gar nicht brauchen. Bevor man etwas Teures kauft, empfehle ich, drei Nächte darüber zu schlafen und sich dann zu fragen, ob man es wirklich noch will. In manchen Fällen rate ich den Menschen zu einer Psychotherapie, um ihre Kaufentscheidungen in den Griff zu bekommen.

Sozialarbeit der Streetchurch

Die Streetchurch in Zürich hat sich zum Ziel gesetzt, Leute in schwierigen Lebenssituationen zu unterstützen. Seit 20 Jahren beraten Sozialarbeitende unter anderem Menschen mit Schulden. Bis 2020 wurden nur Personen bis 30 Jahre in der Beratung aufgenommen. Vor drei Jahren wurde die Kirchliche Sozialberatung der Stadt Zürich in die Streetchurch integriert. Seither besteht ein Beratungsauftrag für Personen bis 65 Jahre. Damit will man auch Pfarrpersonen und Sozialdiakone aus der Kirchgemeinde entlasten. Pro Jahr nutzen rund 250 Leute das Beratungsangebot der Streetchurch.

Wer kommt denn überhaupt zu Ihnen in die Schuldenberatung?
Es sind Leute mit einem sehr kleinen Einkommen. Gewisse arbeiten im Stundenlohn, ihnen kann je nach Saison die Arbeit fehlen. Ein Schicksalsschlag wie eine Kündigung oder eine psychische Krise genügt, und das Geld reicht nicht mehr aus. Auch Alleinerziehende oder Migrantinnen haben es oft schwer. Letztere haben zum Teil Mühe, das Schweizer System zu verstehen. Wir betreuen aber Menschen jeden Alters und jeder Herkunft. 

Mit welchen praktischen Massnahmen lässt sich das Schuldenproblem lösen?
Wenn die Leute zu uns in die Schuldenberatung kommen, erfassen wir zuerst die Situation. Wir schaffen einen Überblick über offene Rechnungen, Mahnungen oder Betreibungen und entscheiden, welche die wichtigsten sind. So müssen zum Beispiel Miete, Strom, Krankenkasse und Steuern bezahlt werden. Gerade die letzten beide Punkte werden oft vernachlässigt. In einem nächsten Schritt kann ein detailliertes Budget helfen herauszufinden, welche Kosten man reduzieren kann. So sollte man als Erstes Abos künden, die man nicht wirklich braucht.

« Einige Betroffene haben negative Erfahrungen mit den Behörden gemacht. Sie trauen sich nicht, mit diesen in Kontakt zu treten. »
Andrea Steiger, Sozialarbeiterin Streetchurch

Wieso braucht es dazu externe Hilfe?
Einige Betroffene haben negative Erfahrungen mit den Behörden gemacht. Sie trauen sich nicht, mit diesen in Kontakt zu treten. Andere verstehen wegen ihrer Sprache oder ihrer Bildung die Briefe des Betreibungsamts nicht. Oft fühlen sich verschuldete Menschen ohnmächtig, sie sind wie gelähmt. Eine Beratung hilft, diese Ängste zu überwinden und die Sache anzugehen.

Viele, die Schulden haben, schämen sich. Wie schaffen Sie Vertrauen in der Begegnung?
Den meisten ist ihre Lage sehr unangenehm. Ich versuche, nicht moralisch zu sein, sondern sachlich zu bleiben. Bei der Beratung zeige ich, dass ich verstehe, wie schwierig die Situation ist, und gebe den Leuten Werkzeuge, um die Probleme zu lösen. Nach einigen Terminen entsteht eine Beziehung. Die Leute schätzen, dass man ihnen zuhört.

Reichen die skizzierten Massnahmen, um der Schuldenfalle zu entkommen?
Wenn das Einkommen über dem Existenzminimum liegt, ist es möglich, die Schulden abzuzahlen. Der Prozess kann frustrierend sein und Jahre dauern. Bei Menschen, die unter dem Existenzminimum leben und Schulden haben, ist das Ziel, keine neuen Schulden anzuhäufen.

*Andrea Steiger ist Sozialarbeiterin für die StreetChurch in Zürich.