Reformierte kämpfen mit der Versuchung im Unservater

Im französischen Unservater heisst es seit Neuestem nicht mehr «führe uns nicht in Versuchung», sondern «lass uns nicht in Versuchung geraten». Die Initiative für die Änderung ging von der katholischen Kirche aus. Zähneknirschend haben nun auch die Westschweizer Reformierten zugestimmt.

Mann hält Buch und Notizen in den Händen.
Der griechische Urtext ist zwar eindeutig, aber Jesus habe nicht Griechisch gesprochen, argumentieren die französischen Katholiken. (Bild: Keystone)

«Führe uns nicht in Versuchung», heisst es in der sechsten Bitte des Unservaters. Aber «führt» denn Gott überhaupt in Versuchung? Ist Gott ein Sadist, der dem Menschen absichtlich Steine in den Weg legt? Viel wurde schon geschrieben, um diese Idee zu widerlegen. Sie widerspreche dem Gottesbild des liebenden Vaters, betonte auch kürzlich Papst Franziskus im italienischen Fernsehen.

Ähnliche Assoziationen weckt das im Französischen bisher verwendete «ne nous soumets pas à la tentation». Deshalb haben sich die französischsprachigen Katholiken nach jahrelanger Arbeit für eine Neuformulierung entschieden. Nun heisst es in dieser Bitte: «Ne nous laisse pas entrer en tentation» – «lass uns nicht in Versuchung geraten».

Eine freie Übersetzung

Wenn man vom griechischen Urtext ausgeht, ist das eine ziemlich freie Übersetzung: Das an dieser Stelle verwendete Verb «eispherein» bedeutet eindeutig «bringen» oder «führen». Aber Jesus, so die katholische Argumentation, habe nicht Griechisch gesprochen. Und das vermutlich zugrundeliegende aramäische oder hebräische Verb könne auch eine weniger aktive Bedeutung haben.

Schaut man vom Griechischen ins Französische, spricht wenig gegen die neue Formel. Denn hier gibt es nicht die eine, richtige Übersetzung des griechischen Verbs. «Induire», «conduire», «soumettre», «faire entrer» – alles sei möglich, bemerkt die Vereinigte Protestantische Kirche Frankreichs (EPUdF) in einem Bericht. Sogar das jetzt wieder aktuelle «ne nous laisse pas enter» gab es schon einmal.

Reformiertes Unbehagen

Trotzdem sind vor allem Westschweizer reformierte Theologen nicht glücklich mit der neuen Übersetzung. Die Spekulation über einen aramäischen Urtext sei an den Haaren herbeigezogen, hier werde ein unbequemer Text weichgespült. Und sowieso schaffe ein leicht verändertes Unservater die Frage nach dem Bösen nicht aus der Welt, heisst es in verschiedenen Publikationen.

Nicht nur in theologischer Hinsicht gibt es ein Unbehagen seitens der Reformierten. Auch die Art, wie die Änderung zustande kam, wird bemängelt. Vom katholischen Alleingang ist die Rede, die Reformierten seien nicht einbezogen worden. Anders als bei der bisher gültigen Übersetzung, die 1966 von allen christlichen Konfessionen gemeinsam entwickelt wurde.

Auf undurchsichtigem Amtsweg

Tatsächlich ging diesmal die Initiative von den Katholiken aus. 2009 erwog die französische Bischofskonferenz die Neuerung und fragte bei den Protestanten an, ob sie einverstanden seien. Das Schreiben ging auf einem undurchsichtigen Amtsweg verloren, eine Antwort blieb aus.

2011 kam dann die Anfrage der Schweizer Bischofskonferenz an die Schweizer Reformierten, ob sie etwas gegen die neue Version hätten. Die Antwort des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK) klang wenig begeistert. Weil das nicht wie 1966 eine gemeinsame Unternehmung gewesen sei und weil die Gemeinden an das «ne nous soumets pas» im Gottesdienst gewohnt seien. Die Freiburger Reformierten widersprachen dieser Einschätzung und waren bereit für eine Änderung, ansonsten gab es kaum Diskussionen.

Ein böses Erwachen

Das Desinteresse der Schweizer Reformierten hat auch mit einer folgenschweren Fehleinschätzung der Tragweite der katholischen Übersetzung zu tun. Bis vor ein paar Monaten seien sie davon ausgegangen, dass die Änderung nur die liturgische Bibelübersetzung betreffe, die für Lesungen verwendet wird. Dass das im Gottesdienst gemeinsam gesprochene Gebet betroffen sei, habe man nicht erwartet, sagte der Waadtländer Synodalrat John Christin laut der Agentur protestinfo.

Das böse Erwachen kam, als die Katholiken ankündigten, die neue Übersetzung am ersten Advent 2017 im Gottesdienst einzuführen. Auf Bitte des SEK gewährte die Schweizerische Bischofskonferenz noch einen Aufschub bis Ostern 2018, damit die Westschweizer Reformierten die Änderung in ihren Synoden beraten und darüber beschliessen könnten. Die französischen Reformierten hatten schon im Sommer 2016 zugestimmt, nicht ohne ein «mea culpa» wegen der verpassten Diskussion von 2009.

Inzwischen hat die Mehrzahl der Westschweizer Synoden auf ihren Herbstsitzungen eine nach der anderen der Änderung zugestimmt. Teils ohne grössere Diskussionen, teils mit Zähneknirschen, wie im Waadtland, wo der Entscheid knapp ausfiel. Überall wurde betont, am wichtigsten sei es, weiterhin in der Ökumene den gleichen Wortlaut verwenden zu können. An Ostern 2018 werden jetzt alle französischsprachigen Katholiken und Protestanten sagen: «Ne nous laisse pas enter en tentation.»