Was haben Fotos von einer Dinosaurierausstellung im Jahresbericht einer Landeskirche zu suchen (sogar auf dem Titelblatt)? Die Kirche ist sicher kein Dinosaurier, und das ist hier auch nicht so gemeint. Im Jahresbericht 2015 der reformierten Kirche Baselland steht der Dinosaurier für die zahlreichen Herausforderungen, denen auch diese Kirche sich in den nächsten Jahren stellen muss.
Die Finanzen sind nur eine davon. Dass die Baselbieter Kirche wegen einer Gesetzesänderung bis 2024 mit 1,5 Millionen Franken pro Jahr für die Ausfinanzierung der Pensionskasse geradestehen muss, war bekannt und budgetiert. Aber die Jahresrechnung bot auch einiges an Unvorhergesehenem. Die angenehme Überraschung: Weil der Kanton im letzten Jahr Steuerrückstände aus vergangenen Jahren eingetrieben hat, gab es auch für die Kirche mehr Steuern als geplant. Dies dürfte sich allerdings in den nächsten Jahren nicht wiederholen. Auch Minderausgaben an verschiedenen Stellen verkleinerten das Defizit.
Teure Leuenbergunterstützung
Teuer war dagegen der Synodebeschluss vom vergangenen Frühjahr, dem Leuenberg-Verein einen Zuschuss von 1,5 Millionen Franken für Bauvorhaben und Pensionskassenausfinanzierung zu gewähren, damit das ehemalige Tagungszentrum neu starten kann. Damit wächst das Defizit von den budgetierten 250‘000 Franken auf rund 1,6 Millionen an (bei Ausgaben von rund 16 Millionen), die den Reserven entnommen werden.
Eigentlich sei es «ganz gut gelaufen», sagte dazu der verantwortliche Kirchenrat Christoph Erhardt. Aber auch wenn die Bilanz «etwas weniger schlecht als vorgesehen» ausgefallen sei, müssten weitere Anstrengungen unternommen werden, damit die Landeskirche auch in Zukunft den notwendigen Handlungsspielraum habe.
«Ehrgeizig, aber nicht zu ehrgeizig»
Vielleicht die grösste Herausforderung ist die Umsetzung der Handlungsempfehlungen, die die Visitationskommission nach der Visitation der 35 Kirchgemeinden 2015 erstellt hatte. Der Kirchenrat legte der Synode hierzu das Konzept «Im Vertrauen auf Gott – gemeinsam Zukunft gestalten» vor. Laut diesem gibt es vier Handlungsfelder für die Projektarbeit. Eines betrifft die Strukturen: So soll künftig freie Gemeindewahl möglich sein und Gemeindefusionen erleichtert werden. Ein zweites Teilprojekt dient dem Support der Kirchgemeinden als Player im Reformprozess. Inhaltlich soll der «Ausdruck evangelisch-reformierten Glaubens» durch Bildungsangebote für alle Altersstufen gefördert werden. Schliesslich müssen mit den Reformen auch die Kirchenverfassung und die Kirchenordnung revidiert werden.
Die Umsetzung soll von einer vom Kirchenrat eingesetzten Projektorganisation durchgeführt und bis zum Ende der Legislatur 2020 abgeschlossen sein. Dieser Zeitplan sei «ehrgeizig, aber nicht zu ehrgeizig», sagte Kirchenratspräsident Martin Stingelin. Die Ausführung innerhalb einer Legislatur habe den Vorteil, dass keine Zeit durch die Einführung neu gewählter Synodaler und Kirchenpflegen verloren gehe. Denn: «In ein paar Jahren werden wir vor noch grösseren finanziellen Herausforderungen stehen.»
Heftige Angriffe
Das vom Kirchenrat vorgelegte Konzept wurde vor allem vom Synodalen Hanspeter Mohler aus Liestal angegriffen, der es gar als «verfassungswidrig» bezeichnete, weil es das «Verschwinden geistliches helvetisch-reformierten PR-Profils» bedeute. Es gebe keinen Unterschied mehr zwischen Kirche und säkularem Freizeit- und Karitativangebot.
Stingelin wies diesen Vorwurf entschieden zurück. Es gehe bei diesen Vorschlägen zwar tatsächlich nicht primär um Glaubensinhalte. Auch über diese, «das, was bleibt», müsse man reden. Aber dieses Konzept für eine Kirche der Zukunft zielte nun einmal nicht auf das, was bleibt, sondern auf das, was sich ändern muss, damit die Kirche weiter «in der Gesellschaft wirken und die frohe Botschaft möglichst gut und effizient weitergeben» könne. Die Synodalen teilten fast alle die Ansicht des Kirchenrats, Mohlers Antrag auf Rückweisung des Konzepts wurde nur noch von einer weiteren Person unterstützt.
Umstrittene These
Zu reden gab auch der Punkt «Unsere Thesen für das Evangelium – Antworten aus dem Baselland». Bei diesem vom Kirchenbund (SEK) initiierten Projekt zum Reformationsjubiläum sollen, analog zu Luthers Thesenanschlag von 1517, in den Mitgliedkirchen Thesen für die heutige Zeit formuliert werden. Die Thesen werden an den SEK geschickt, der eine Überarbeitung und Zusammenfassung vornimmt.
Achtzehn Thesen wurden aus den Baselbieter Kirchgemeinden und dem Konvent gesammelt, davon war besonders ein Kommentar zur letzten These umstritten, nämlich jener zum Thema «Du sollst keine anderen Götter haben neben mir». Aus dem Kommentar konnte man herauslesen, dass, neben Dingen wie Handy, Geld, Schönheit oder Fitness, auch Christus und die Bibel möglicherweise zu solchen «anderen Göttern» werden könnten.
Selber denken!
Einige Synodale fanden, dass «so ein Kommentar nicht an den SEK weitergeleitet» werden solle. Dagegen stand die Meinung, dass es nicht Sache der Synode sei, «zu sagen, was rechtgläubig ist». Immer heisse es, dass Reformierte selber denken sollen. «Jetzt machen sie es einmal, und gleich heisst es: ‹So geht das aber nicht›», sagte ein Synodaler.
Stingelin gab zu, dass der Kommentar vielleicht «komisch geschrieben» sei. Der Vorteil sei, dass er zum Nachdenken zwinge. Es sei nie Absicht gewesen, bei den eingegangenen Thesen inhaltlich Einfluss zu nehmen. Die Verantwortung nach aussen trage der Kirchenbund, der werde die notwendigen redaktionellen Arbeiten vornehmen. Er sehe sich nicht als «Inquisitionschef». Der Antrag, die These 18 zu streichen, wurde schliesslich mit 35 Nein- zu 16 Ja-Stimmen bei 12 Enthaltungen abgelehnt.
Weitere Traktanden betrafen Erwachsenenbildung, die Kommunikation, ein Postulat zum Gottesdienst und eine Motion zur Förderung der Kirche. Insgesamt hatte man den Eindruck: Die Dinosaurier sind zwar da. Aber von ihnen überrennen lässt sich die Baselbieter Kirche zurzeit noch nicht.