In ihrer Auslegung zu Johannes 3,1-15 (Jesus und Nikodemus) fragte sie nach dem Umgang der Kirche mit Menschen, die sich, wie Nikodemus, Interesse an religiösen Fragen haben, ohne sich gleich bekehren zu wollen. Ferner sprach sie das Tauf- und Geistverständnis an, das einige aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen bis heute spaltet. Die Reformatoren hätten oft «Angst vor zu viel Geist» gehabt sagte sie, notwendig sei aber eine «Unterscheidung der Geister».
Es folgte ein Vortrag des Wiener Systematikers Ulrich Körtner über «Exklusiven Glauben», das hiesst die vier Soli des reformatorischen Bekenntnisses: Sola gratia, sola fide, sola scriptura, solus Christus, die nach Körtner nicht isoliert betrachtet werden dürfen, sondern einander bedingen. Körtner warnte die Kirchen dabei vor einer «Selbstsäkularisierung» aus Angst, heute sperrig gewordenen Begriffe wie «Gnade» oder «Rechtfertigung» zu gebrauchen.
Olaf Fykse Tveit, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, wies auf die Errungenschaften hin, die die ökumenische Bewegung der Reformation verdanke, vor allem die Stellung der Bibel, die alle Christen verbindet.
Eine Podiumsdiskussion war der Frage gewidmet, was die theologischen Erkenntnisse der Reformatoren für die Kirchen von heute bedeuten. Genannt wurden das «Umsonst» der Gnade als wichtiges Korrektiv zu einer auf immer mehr Effizienz bedachten Gesellschaft. Aber es wurde auch angemahnt, zuerst auf die Bedürfnisse der Menschen zu hören, wie Luther «dem Volk aufs Maul zu schauen», um nicht «Fragen zu beantworten, die niemand gestellt» hat.
Am Nachmittag wurde in Workshops über zur Umsetzung nötige Schritte debattiert. Was bedeutet zum Beispiel «sola scriptura» in einer von Pluralismus und religiösem Analphabetismus geprägten Gesellschaft?
20 Tischbomben
Der Künstler Hans Thomann sorgte anschliessend im Plenum für Abwechslung mit rund 20 Tischbomben, die Papierzettel mit dem Bibelvers Joh 1,14 in den rund zwanzig Sprachen der anwesenden Gäste enthielten. Eine weitere Performance des Künstlers war ein Rad, das aus Bibeln konstruiert war, die die Gäste mitgebracht hatten: In ihm weist alles auf die Mitte hin, diese selbst aber ist unsichtbar.
Vertreter des Lutherischen Weltbunds, der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa und mehrerer Kirchen aus verschiedenen Ländern stellten Projekte für die Feier des Reformationsjubiläums vor. Dabei wurde auch die in Wittenberg geplante Weltausstellung vorgestellt: 95 Tage lang sollen in 95 Pavillons Kirchen aus aller Welt «ihre» Reformation zeigen, das Ganze wird von zahlreichen religiösen und kulturellen Anlässen begleitet, ausserdem wird in Wittenberg ein einwöchiges internationales Jugendcamp stattfinden.
Die Werbung des EKD-Zuständigen Thies Gundlach wurde verstärkt durch die des ebenfalls anwesenden Oberbürgermeisters von Wittenberg, Eckhard Naumann, der die Teilnehmenden wie Gundlach «verführen» wollte, sich zu diesem Anlass nach Wittenberg zu begeben.