Frau Weber, wie ist die Idee mit den zehn VIP-Paketen, den Visionen-Paketen, entstanden?
Wir, also der reformierte Kirchkreis Riethüsli-Hofstetten und die Pfarrei Heiliggeist, möchten unseren Beitrag für mehr Lebendigkeit im Quartier leisten. Bei uns im Riethüsli geht bald die Post zu, es gibt seit kurzem nur noch eine Bäckerei. Der Laden wurde geschlossen und kein Restaurant hat abends geöffnet. Wir haben deshalb begonnen, uns noch stärker für die Bedürfnisse der Bevölkerung im Quartier zu interessieren. Wir haben gemerkt, dass die Leute offen sind, uns Auskunft darüber zu geben. Jetzt arbeiten wir daran, für unser Quartier ein ökumenisches Leitbild zu entwickeln: Das soll aber nicht im inneren Kirchenkreis geschehen, sondern wir wünschen uns, dass sich möglichst viele Quartierbewohnerinnen und -bewohner daran beteiligen.
Sie haben deshalb die Pakete mit den Fragen in die Bevölkerung getragen?
Die Idee, die Leute vom Quartier einzubeziehen mit einer Aktion, die Selbstläufercharakter hat, hat natürlich eine Vorgeschichte. Als wir die Bedürfnisse der Quartierbewohner klärten, haben wir 14 Moderatoren mit je zwei Flaschen Wein und Knabberzeug ins Quartier geschickt. Die Moderatoren haben sich spontan mit der Bevölkerung unterhalten, was sie am Quartier schätzen und worin die Aufgabe der Quartierbevölkerung liegen könnte. Das hat den Leuten offenbar Spass gemacht. Manchmal sind die bis in alle Nacht hinein zusammengesessen. 130 Personen konnten so nach ihren Bedürfnissen befragt werden.
Und wie lauten die Resultate?
Die Leute im Quartier waren zunächst überrascht und erfreut, dass wir ihre Meinung abgeholt haben. Sie wünschen sich noch mehr Begegnungskultur, ein Forum. Und sie mögen das partizipative Element, zu dem wir sie eingeladen haben. Eine Moderatorin hatte dann die Idee, den Partizipationsgedanken für die Entwicklung des ökumenischen Leitbildes fortzusetzen: Mit Fragen in Paketen, die als Selbstläufer durchs Quartier wandern.
Was für Fragen sollen beantwortet werden?
Es werden in jedem Paket sieben Fragen zum Inhalt und zur Qualität der kirchlichen Quartierarbeit gestellt. Zudem beinhaltet jedes Paket zur Inspiration und Motivation auch Schoggitaler. Wenn man einen gegessen und die Fragen beantwortet hat, gibt man das Paket an eine Person der eigenen Wahl weiter. Am Schluss sollten alle zehn Pakete zu uns zurückkehren.
Warum braucht es überhaupt ein ökumenisches Leitbild?
Weil wir herausfinden möchten, welche Aufgaben die Quartierkirchen in Zukunft wahrnehmen sollen. Uns interessiert auch, wie wir unseren Auftrag in Zukunft wahrnehmen wollen. Und mich interessiert besonders, was uns die Leute zum Thema «Qualität» zu sagen haben.
Das Projekt klingt experimentell.
Das ist extrem experimentell. Wie haben keine Sicherheit. Wir wissen nicht, wies herauskommt und ob alle Pakete den Weg bis zum 14. Dezember zurückfinden. Dann werden wir die Beiträge auswerten. Im Sommer 2015 möchten wir das Leitbild präsentieren.
Was machen Sie, wenn nicht alle Pakete zurückkommen?
Das haben wir uns nicht überlegt. Die kommen sicher zurück. Wir sind guten Mutes.
Elisabeth Weber ist Pfarrerin im Kirchkreis Riethüsli-Hofstetten der Kirchgemeinde St. Gallen Centrum und teilt sich mit ihrem katholischen Kollegen Hanspeter Wagner die Projektleitung für das ökumenische Leitbild.