Ohne Heimat, ohne Halt

Die Jesiden wurden in der Vergangenheit immer wieder verfolgt. Das Wissen um das Leid der Vorfahren kann den heutigen Terroropfern helfen, glaubt der Traumapsychologe Jan Kizilhan. Er hat selbst jesidische Wurzeln.

Tausende Jesidinnen wurden vom «Islamischen Staat» verschleppt. Die Zurückgekehrten sind bis heute traumatisiert. (Bild: Keystone/Khalid Mohammed)

Die junge Frau war erst seit kurzer Zeit in Sicherheit. Kämpfer der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) hatten die Jesidin verschleppt, vergewaltigt und als Sexsklavin gehalten. Irgendwann konnte sie fliehen und kam in ein Flüchtlingslager im Nordirak. Doch nach zwei Wochen erlitt sie einen Flashback, wähnte sich wieder in den Händen ihrer Peiniger. Unerträglich für die 16-Jährige: Sie übergoss sich mit Öl und zündete sich an.

Jan Kizilhan kennt viele solcher Geschichten. Seit 20 Jahren behandelt der Psychologe aus dem Südschwarzwald Menschen, die Krieg und Gewalt zwar überlebt, aber längst nicht verarbeitet haben. Sie kommen aus Ruanda, vom Balkan, aus Pakistan und Tschetschenien. Transkulturelle Traumaforschung ist das Fachgebiet des 50-Jährigen, das lange nur wenig Beachtung fand.

Eine schwierige Anfrage

Doch vor drei Jahren änderte sich das schlagartig. Im Herbst 2014 bekam der Professor für Soziale Arbeit an der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen einen Anruf aus Stuttgart: Ob er im Auftrag der Landesregierung die Aufnahme von tausend traumatisierten Frauen aus dem Nordirak leiten wolle? Kizilhan hatte über Minderheiten im Nahen Osten geforscht und entstammt selbst einer jesidischen Familie aus dem kurdischen Teil der Türkei. Trotzdem zögerte er: sich mit den eigenen Wurzeln beschäftigen?

Seine Familie gab schliesslich den Ausschlag: «Sie haben gesagt: Du hast gar keine andere Wahl», sagt Kizilhan. Also flog er in den Nordirak und traf auf depressive und ängstliche Menschen. Wenige Wochen zuvor waren Milizen des IS in das Sindschar-Gebirge eingefallen, die Heimat der Jesiden. Sie töteten Männer und Kinder, verschleppten Frauen und Mädchen, misshandelten und folterten sie. Heute werden noch rund 3000 Frauen und Mädchen in der Gewalt des IS vermutet.

«Die Leute leiden ausser unter ihrem individuellen und kollektiven auch unter einem transgenerationellen Trauma.»

Zuflucht fanden die meisten Jesiden in Dohuk, einer Stadt, in der eine halbe Million Einwohner und genauso so viele Flüchtlinge leben. «Es gab in der ganzen Stadt gerade mal fünf Psychologen», sagt Kizilhan. Das sei ein Grund gewesen, Frauen nach Deutschland zu holen. Aber auch, dass die Menschen ihre Heimat «und damit jeden Halt» verloren hatten. Zudem seien die vergewaltigten Frauen anfangs von ihrer Gemeinschaft verstossen worden. Erst nachdem der religiöse Führer der Jesiden, auch auf Drängen Kizilhans, eine neue Fatwa zur Wiederaufnahme der Frauen erliess, habe sich das gebessert.

Kizilhan musste entscheiden, wer ins sichere Baden-Württemberg fliegen durfte: «Unser Ziel war, die Frauen rauszuholen, die am stärksten Schutz benötigen.» Die junge Frau, die sich verbrennen wollte und schwer verletzt überlebte, gehörte dazu.

Eine lange Geschichte der Verfolgung

Kizilhan spricht die Sprache der Jesiden, Kurmandschi. Oft hörte er das Wort «sernan». Es bedeutet Holocaust oder Völkermord. Denn die Jesiden waren in ihrer Geschichte immer wieder bedroht. Zu Zeiten des Osmanischen Reichs seien über 1,8 Millionen Menschen zwangskonvertiert und 1,2 Millionen ermordet worden, sagt Kizilhan. «Die Leute leiden ausser unter ihrem individuellen und kollektiven auch unter einem transgenerationellen Trauma.»

Dass die Jesiden schon als Kinder Geschichten, Gebete und Lieder über ihre Verfolgung hören, kann ihnen jetzt helfen, glaubt Kizilhan. Er fragt seine Patientinnen nach ihren Vorfahren. Und lässt sie ihre Erfahrungen in Form von Geschichten erzählen, um sich vorsichtig den traumatischen Erlebnissen zu nähern.

Viele Frauen lehnten eine Therapie ab

Die Frauen klagten zunächst nicht über gedrückte Stimmung oder Depressionen, sondern über Kopf-, Rücken- oder Bauchschmerzen. Sie trennten nicht zwischen seelischem und körperlichem Leid, erklärt Kizilhan. Eine Psychotherapie erschien vielen abwegig: «Sie wollten nicht reden, sondern einfach Medikamente einnehmen.» Auch Drogen seien deshalb ein grosses Problem.

«Ich bin trotz allem ein Optimist.»

Nun hat sich die Haltung gewandelt: «Psychische Leiden sind heute weniger stigmatisiert, die Leute kommen von selbst zu uns. Aber es gibt kaum Therapeuten.» Um das zu ändern, gründete Kizilhan mit Unterstützung des Landes Baden-Württemberg an der Universität Dohuk ein Institut für Psychotherapie, wo Therapeuten ausgebildet werden.

Kizilhan pendelt zwischen dem Südschwarzwald und dem Nordirak hin und her. Seine Erfahrung helfe ihm, eine gewisse Distanz zu wahren, erklärt er: «Ich bin trotz allem ein Optimist.» Aber wenn eine Achtjährige vor ihm sitze und von ihrer Vergewaltigung berichte, sei das sehr schwer. Als Wissenschaftler finde er zwar Antworten auf die Grausamkeit, als Mensch und zweifacher Familienvater aber nicht. (epd/Sebastian Drescher)