Mona Vetsch über das Leben und das Sterben

Der eben erschienene Sammelband «Deadline» sammelt Texte von Prominenten zum Thema Sterben und Tod. Zusammen mit der Reformierten Presse publiziert ref.ch einen exklusiven Vorabdruck aus dem Buch: Radio- und Fernsehfrau Mona Vetsch erinnert sich an ihre Berührungen mit dem Thema Sterben und Tod.

(Bild: zVg)

«Können Sie sich erinnern, wann und wo Sie den Tod kennen gelernt haben? Bei mir ist es die Grossmutter gewesen, die mich mit ihm bekannt machte. Ich muss damals vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Wenn ich bei ihr übernachtete, schüttelte ich dem Tod jeden Abend die Hand, und an jedem nächsten Morgen liess er mich wieder ziehen.
Damit wir uns richtig verstehen: Meine Grossmutter war in meinen Kindertagen so lebendig wie man nur sein konnte. Sie kochte Gerstensuppe und machte die besten gebrannten Mandeln der Welt, sie wischte den Hofplatz, kroch auf den Knien unter den Apfelbäumen umher und steckte uns abends energisch in die Badewanne. Sauberkeit war meiner Grossmutter wichtig. Sparen war ihr auch wichtig, deshalb liess sie immer nur wenige Zentimeter Wasser ein. Wir froren und jammerten, aber sie war nicht zu beeindrucken; vor uns hatte sie schon vier andere kleine Wichte gross gezogen, da bekommt man ein Gespür für Inszenierungen.

 

Der Tod wohnte bei der Grossmutter im oberen Stock, in den ungeheizten Zimmern mit den schweren dunklen Holzbalken. Meine Grossmutter ahnte davon nichts. Sie war gütig und liebevoll und wollte immer das Beste für uns. Dennoch war sie es, die Nöte in meinen Kinderkopf pflanzte. Der Tod steckte in dem Schlaflied, das sie immer für uns sang: «Guten Abend, gut’ Nacht. Mit Rosen bedacht, mit Näg’lein besteckt Schlupf unter die Deck’. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.»
Meine Grossmutter sang, küsste uns und schloss hinter sich die Tür. Und ich? Lag da und dachte: «Wenn …» Ich konnte den Tod förmlich spüren, wie er bereit war, mich mit seinen Knochenfingern zu packen, falls Gott am frühen Morgen gerade keine Lust haben sollte, mich zu wecken. Denn was sonst sollte uns dieses eingeschobene «wenn Gott will» denn sagen?!

Ich rechnete nicht einmal mit einem böswilligen Akt, aber wenn der liebe Gott nur halb so launisch war wie ich und nur ein Viertel so unordentlich, dann schätzte ich meine Chancen als durchaus intakt ein, infolge eines göttlichen Versehens bald genau so starr dazuliegen wie die Laken, unter die mich die Grossmutter packte.

Das Leben kann schnell vorbei sein, das lernte ich durch Grossmutters Schlaflied. Sei achtsam. Vielleicht ist es Charaktersache, dass mich an der Textzeile «wenn Gott will, wirst du wieder geweckt» der schlechtere Ausgang immer mehr beschäftigte. Das Kind, das ich war, war berückt vom Tod. Der Teenager, der ich war, hat sich intensiv mit ihm beschäftigt. Statt Popstars hingen bei mir mittelalterliche Totentänze an der Wand. Meine Lieblingsbücher, meine Lieblingsmusik: alles düster. Sogar meine Maturaarbeit in Kunst habe ich über Grabdenkmäler geschrieben. Makaber, meinen Sie? Meine Eltern fanden es auch bedenklich, und sie waren nicht die Einzigen.

Im Nachhinein kann ich ihre Sorge besser nachvollziehen – ein junger Mensch, der sich mit offener Faszination dem Tod und seinen Kulten zuwendet, erscheint in unserer Zeit doch einigermassen seltsam.

Aber warum eigentlich? In Schulaufsätzen etwa mussten wir uns Gedanken machen über den ersten Schultag oder unsere Ferienerlebnisse, sogar mein Leben in zehn Jahren durfte ich mir als Fünfzehnjährige ausmalen (Modedesignerin mit einem Hausmann zuhause … Richtig lag ich nur bei der Automarke). Als ich mich in einem freien Aufsatz dann aber getraute, auf das Sterben und den Tod zu sprechen zu kommen, handelte ich mir ein Gespräch mit dem besorgten Deutschlehrer ein. Nichts gegen ihn – wir unterhielten uns angeregt, und sein aufrichtiges Interesse wusste ich zu schätzen – aber trotzdem: Allein das Nachdenken über den Tod gleichzusetzen mit einer Todessehnsucht, das scheint mir eine groteske Verkürzung.

Ich habe mich während meiner Schulzeit mit so vielen Dingen beschäftigen müssen, die in meinem Leben keinen Funken Bedeutung erlangt haben. Verglichen damit ist die Beschäftigung mit dem Tod und wie wir ihm begegnen eine überaus sinnvolle Investition in die Zukunft – der Return on Investment liegt bei jedem von uns bei garantierten 100 Prozent.

Dennoch: Wer sich offen mit dem Tod beschäftigt, der tut gut daran, berufliche Gründe vorgeben zu können. Ärzte, Pflegende, Pfarrer, Leichenbestatter sind fein raus. Aber wir anderen machen uns verdächtig. Angeschlagen? Krank? Lebensmüde? Wir gehen dem Tod aus dem Weg, als wäre er ansteckend.

Als Kind wollen uns die Grossen schützen vor dem, was so schwer zu begreifen und noch schwerer zu ertragen ist. Und später, als Erwachsene, schauen wir gerne selbst weg. Oder wir schauen einfach nicht zu genau hin. Bis das Sterben uns dann einholt und wir in einem hell gestrichenen Zimmer sitzen und nach Worten suchen. Genau so ist es nämlich gekommen. Auch bei mir. Und was, glauben Sie, hat mir meine «verdächtige» Beschäftigung mit dem Tod in diesem Moment gebracht? Ich sage es Ihnen gerne: gar nichts.

Das Kissen war hellgelb und die Grossmutter blass. Wir schauten den Spatzen zu, die in den Storen nisteten. Das Sims des Fensters war weiss gesprenkelt von ihrem Kot. Wenn sich ein Vogel flatternd dem Nest näherte, rissen die Jungen ihre Schnäbel auf und zeterten. Ich war froh, dass es sie gab. Spatzen sind etwas Normales. Sonst war in diesem Zimmer nichts, wie wir es kannten. Wir unterhielten uns also über die Vögel. Wir haben beide nicht gewusst, dass es das letzte Mal sein würde, dass wir miteinander sprechen konnten. Ein feiger Satz, ich merke es beim Schreiben. Richtiger wäre: Wir ahnten es wohl. Ich wollte einfach lieber nicht zu genau hinsehen.

Aber selbst wenn wir es gewusst hätten: Was hätte ich ihr denn sagen können? Dass sie keine Angst haben soll? Dass es weitergeht? Dass ich zwar auch nicht wisse, wie, aber dass es schon gut komme, irgendwie? Ich war elend hilflos, und dennoch hätte ich diese Sätze wohl alle gesagt, wenn, ja wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass sie darüber sprechen wollte. Aber Grossmutter lag nur da, sah zu den Vögeln hinaus und lächelte.

Und ich? Ich war einfach da. Auch wenn ich stundenlang geredet hätte, es wäre doch das Einzige gewesen, was ich ihr wirklich zu geben hatte in den letzten Tagen: Ich war da.

Jeder Blick in ihre Augen machte meine abstrakten Gedanken über «den Tod» lächerlich. Weil es den Tod eben nicht gibt, genauso wenig wie es die Liebe gibt. Der Tod, die Liebe, das Leben: Sie sind so einzigartig wie wir, die wir sie gestalten, erleben, erleiden. Durchschnittswerte helfen nichts und auch keine allgemeinen Theorien. In diesem Spitalzimmer gab es für mich keine Distanz. Hier ging es um meine Grossmutter, es war nicht ein Tod, es war ihr Sterben.

Ich rieb ihre Hände. Sie waren jetzt gepolstert, die blauen Adern verschwunden. Kinderhände hast Du jetzt, sagte ich zu ihr, Hände wie unser Kleinster. Vielleicht hätte sie gelächelt. Der Schlauch in ihrem Mund hat sie nicht gelassen.

Einige Tage später ging es ihr besser. Sie war wach, sie reagierte auf uns. Der junge Arzt aber hatte Erfahrung. Er schlug ihre Decke zurück. Blaue Füsse. Der Tod kommt auf blauen Füssen. Wir massierten das Leben zurück bis in die äussersten Enden ihres Körpers. Das Sterben sass in ihrer Brust. Der Tod aber stieg von den Zehen auf. Er roch nach Lavendelöl.

Meine Grosseltern waren beide weit über achtzig. Und doch wirkte Grossvater erstaunt, als er plötzlich alleine auf dem Sofa sass.

«Habt ihr denn nie darüber geredet?» fragte ich ihn ungläubig. Er schüttelt den Kopf. «Warum auch? Es ging uns doch immer gut.» Für einen kurzen Moment lächelte der Grossvater, keck wie ein Lausbub.

Haben sie das Sterben einfach verdrängt? Für einen Moment glaubte ich das. Aus der Distanz aber sehe ich es anders. Meine Grosseltern brauchten den Tod nicht zu verhandeln, weil sie schon umgesetzt hatten, was das Bewusstsein unserer Endlichkeit im besten Fall auslösen kann. Sie lebten ihr Leben im Wissen, dass alles ein Geschenk ist. Sie waren dankbar für ihre gemeinsamen Tage, dankbar für die Gesundheit und die Entscheidungsfreiheit, die ihnen fast bis zuletzt geblieben ist. Und beide haben sich nicht gefürchtet.

«… denn es war gut», dieser schöne Halbsatz aus dem Anfang des Alten Testaments fällt mir ein, wenn ich an die beiden denke, wie sie gemeinsam spazierten, wie sie ihre Urenkelkinder anschauten, wie sie Kaffee tranken, wie sie dem Tod entgegengegangen sind. Der vollständige Satz findet sich im ersten Buch Mose: «Gott sah es und freute sich, denn es war gut.»

Meine Grosseltern haben Ja sagen können. Zu ihrem Leben und auch zu seiner Endlichkeit. Ohne Worte haben sie es getan, ihr Einverständnis war stillschweigend. Sie haben auf das Leben geachtet, statt den Tod zu fixieren.

Vielleicht sind es Alter und Erfahrung, die uns die Ängste nehmen und mehr Gelassenheit schenken können. Vielleicht ist es die Demut vor dem Unausweichlichen. Oder das Vertrauen in den Gedanken, dass der Tod nicht das Ende ist. Mein Verstand jedoch prallt ab am Tod, genau wie mein Blick. Ich sehe nur sein Äusseres. Sein wahres Wesen vermag ich nicht zu fassen.

Ich denke zurück an die Grossmutter an meiner Bettkante und an ihr Schlaflied. Im Spital haben wir es für sie gesungen. Es hat mir keine Angst mehr gemacht. Wer im Leben geborgen ist, wird es auch im Sterben sein. Und darüber hinaus. Daran kann ich glauben.»

 

 


Nachgefragt

«Der Tod in der näheren Verwandtschaft ist nach wie vor ein Tabuthema»

Im Buch «Deadline. Prominente über Leben und Sterben» kommen ausser Mona Vetsch beispielsweise auch Thierry Carrel, Rifa’at Lenzin oder Linard Bardill zu Wort. Raphael Kummer hat mit dem Herausgeber, Achim Kuhn, gesprochen.

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Herr Kuhn, Sie bescheren uns ein weiteres Buch zum Thema Sterben. Brauchen wir das?
Unbedingt. 30 Autorinnen und Autoren stellen mit ihren Texten 30 Modelle und Vorbilder zum Thema zur Verfügung. Alle Texte sind hoffnungsvoll, erfahrungsbezogen und reflektiert. Das regt zum Nachdenken und zum Austausch an, und das brauchen wir: Dass die Leserinnen und Leser durch die Texte ermutigt werden, zu diesem Thema ins Gespräch zu kommen.


Warum müssen es Prominente sein, die sich dazu äussern?
Es sind nicht nur prominente Leute. Vor allem fragte ich Leute an, von denen ich meine, dass sie etwas dazu zu sagen haben. Und tatsächlich: Mit hoher Glaubwürdigkeit schildern sie ihre biographischen Anknüpfungspunkte zum Thema Leben-Sterben-Tod und zum Danach. Sie tun dies sehr persönlich, aber nicht voyeuristisch. Sie bringen ehrlich geschilderte Todeserlebnisse mit einem selbstgewählten Text in einen reflektierenden Dialog. So machen sie deutlich, was sie im positiven Sinne für ihr eigenes Leben daraus gewonnen haben. Ganz im Sinne des Wortes «Das Goldene findet man im Dunkeln». Das ist hilfreich für andere Menschen.


Inwiefern?
Es erstaunt mich immer wieder, wie einerseits das «anonyme Interesse» am Thema zwar wächst: Die Medienbeachtung ist gestiegen, und Veranstaltungen in Kirchgemeinden zum Thema Tod sind normalerweise sehr gut besucht. Andererseits sind in der näheren Verwandtschaft Sterben und Tod oft nach wie vor Tabuthemen. Das Lesen und Diskutieren des Buches bietet die Chance, diese Inhalte von einer anonymen Ebene auf eine persönliche zu holen. Was könnte uns in einer alternden Gesellschaft, in der diese immer drängender werden, Besseres passieren?

 

Achim Kuhn ist seit 2014 evangelisch-reformierter Pfarrer in Männedorf, zuvor war er Dekan der Zürcher Landeskirche im Bezirk Horgen und Pfarrer in Adliswil und Zizers. Kuhn ist Autor und Herausgeber diverser Bücher. In diesen thematisiert er Fragen der Gegenwart im Kontext mit Glauben und Theologie.