Mit der katholischen Kirche auf der Couch

Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz legte die katholische Kirche in der Sendung «Perspektiven» auf Radio SRF 2 Kultur auf die Couch. Er unterzog sie einer Psychoanalyse, blieb dabei aber ein guter Katholik. Eine Medienkritik.

Eine Couch in einem Warenhaus.
(Bild: Wikimedia/RanjithSiji

Manfred Lütz legt die katholische Kirche auf die Couch. Er unterzieht sie einer Psychoanalyse. Das machte er schon vor 15 Jahren, als sein Buch «Der blockierte Riese» erschien. Doch die Idee ist immer noch witzig, und der Patient hat sich inzwischen auch ein bisschen geändert. Darum wurde das Buch mit einem «Papst-Franziskus-Update» neu aufgelegt.

Der gläubige Christ Lütz vergleicht seine Kirche mit einer Alkoholikerfamilie, in der sich alle um das Opfer (die Kirche) kümmern: Die einen wollen es retten, indem sie es vor seiner Krankheit schützen und die Fassade aufrechterhalten (die Konservativen), die anderen, indem sie es ständig verfolgen und kontrollieren (die Progressiven). Das klingt unterhaltsam und ist es auch, wenn es so wortgewaltig vorgetragen wird wie vom Autor selbst in der Radiosendung «Perspektiven».

Wer nun jedoch meint, in Manfred Lütz einen scharfen Kritiker des Katholizismus zu erkennen, täuscht sich. Lütz schafft den Spagat, der nur guten Katholiken so elegant gelingt: Er ist zugleich Kritiker und Apologet, dafür und dagegen, draussen und drin. Kein Wort zu Streitthemen wie dem Zölibat, das nicht mit der Lehrmeinung der römischen Kurie in Einklang zu bringen wäre, stattdessen originelle Vorschläge zur Besserstellung der Frauen in der Kirchenhierarchie.

Moderatorin Antonia Moser hakt zwar mehrfach nach, kann den Medienprofi Lütz aber nicht zu verfänglichen Aussagen verlocken. Unwidersprochen darf er dafür behaupten, die katholische Kirche sei die «einzige Institution in Mitteleuropa, die noch ein Sinnangebot macht». Die Reformation oder der Protestantismus werden in der halben Stunde kaum erwähnt.

Umso mehr fragt man sich als reformierter Zuhörer zunehmend, wie wohl die psychoanalytische Diagnose unserer Kirchen lauten würde: spirituelle Mager- statt Trunksucht, theologischer Putzfimmel, Ablösungszwang? Das Gedankenspiel erweist sich als verlockend und lässt sich beliebig auf andere Religionen anwenden. Mögliche Diagnosen: Aggressionsstörung (Islam), posttraumatische Symptome (Judentum), Autismus (Buddhismus), Helfersyndrom (Freikirchen).

In einem Punkt freilich mag man Lütz recht geben, wenn es um den Weg der Heilung geht. Er zitiert Mutter Teresa, die einst von einem Journalisten gefragt wurde: «Was muss sich in der Kirche ändern?» Ihre Antwort: «Sie und ich.»

 

Hier können Sie die «Perspektiven» vom 24. August nachhören:

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