Die Kirche begrüsse zwar die menschlichen und moralischen Werte der Demokratie, sei jedoch selbst nicht wie eine solche strukturiert, heisst es in einem neuen Dokument einer Theologenkommission, das in diesen Tagen auf der Internetseite des Gremiums veröffentlicht wurde.
Die vatikanische Umfrage über Familie, Ehe und Sexualität hatte im deutschsprachigen Raum eine grosse Kluft zwischen Glaubenspraxis und kirchlicher Lehre offenbart. Seither wird die Frage debattiert, welche Auswirkungen dieser Befund für die Familiensynode hat, die im Herbst im Vatikan tagt.
Kluft kann Indiz sein
Die «einfachen Gläubigen» müssten zwar umfassend in die Entscheidungsfindung des kirchlichen Lehramtes eingebunden werden, schreiben die Theologen. Die Entscheidung selbst müsse jedoch dem kirchlichen Lehramt vorbehalten bleiben. Allerdings spricht das Dokument auch davon, dass eine Kluft zwischen Glaubenspraxis und kirchlicher Lehre in bestimmten Fällen ein Indiz dafür sein könne, dass eine Entscheidung des kirchlichen Lehramtes ohne ausreichende Berücksichtigung des Glaubenssinnes einfacher Katholiken gefällt worden sei. Mögliche Konsequenzen aus einem solchen Befund werden nicht genannt.
Im Mittelpunkt des Schreibens mit dem Titel «Sensus Fidei im Leben der Kirche» steht die Lehre vom sogenannten Glaubenssinn (Sensus Fidei). Dieser wird als eine «Art geistlicher Instinkt» definiert, der die Gläubigen befähige spontan zu erkennen, «ob eine bestimmte Lehre oder Praxis in Einklang mit dem Evangelium und dem apostolischen Glauben steht». Er dürfe jedoch nicht mit der Mehrheitsmeinung gleichgesetzt werden.
Der Begriff «Glaubenssinn» (Sensus Fidei) wird erstmals vom Zweiten Vatikanischen Konzil gebraucht und definiert, hat der Sache nach aber eine längere theologische Tradition. Papst Franziskus hat mehrfach hervorgehoben, dass das kirchliche Lehramt den Glaubenssinn der «einfachen Katholiken» beachten müsse. Dieser ermögliche ein «Fühlen mit der Kirche» und mache die Gläubigen in ihrer Gesamtheit zu einem «Volk von Propheten». Der Sinn der Gläubigen dürfe allerdings nicht soziologisch im Sinne einer Mehrheitsmeinung missverstanden werden, so Franziskus.
Die internationale Theologenkommission berät die vatikanische Glaubenskongregation. Ihr gehören rund 30 renommierte Theologen aus aller Welt an.