Lesestoff
Fünf Bücher, die den Sommer bereichern
«Vergiss dich nicht» von Lika Nüssli

Demenz ist vermutlich kein Thema, das man sich freiwillig als Sommerlektüre auswählt. Es sei denn, sie liest sich so leicht wie «Vergiss dich nicht» von Lika Nüssli.
In ihrem Comic erzählt und illustriert die Künstlerin, wie sie die Demenzerkrankung ihrer Mutter erlebt und verarbeitet. Sie besucht sie im Pflegeheim und hält es anfangs kaum aus in diesem abgeschlossenen Kosmos, in dem Bewohner mit Essen und Gebiss spielen, über Ausländer schimpfen und sich von Topfpflanzen belästigt fühlen.
Doch dann beginnt sie, sich auf den Ort einzulassen. Sie beobachtet, hört zu – und als die Gespräche mit ihrer Mutter immer schweigsamer werden, greift sie zum Stift und zeichnet: den Alltag im Heim; die liebevolle Betreuung der Pflegerinnen, Erinnerungsfetzen aus ihrer Kindheit und Gefühle, denen sie mit dicken Pinselstrichen freien Lauf lässt.
In «Vergiss dich nicht» zeigt Lika Nüssli auf behutsame, humorvolle und berührende Weise, wie sich eine Demenzerkrankung auf Betroffene und Angehörige auswirkt. Letzteren macht sie Mut, sich nicht abzuwenden, wenn ihre Liebsten das Reich des Vergessens betreten. Im Interview mit «bref» sagt Lika Nüssli: «Nach ihrer Erkrankung war ich offen, die Beziehung zu meiner Mutter zu etwas anderem werden zu lassen. Ich habe nicht versucht, an dem festzuhalten, was war.»
Insofern ist ihr Buch nicht nur eine Liebeserklärung an ihre Mutter, sondern auch eine Inspiration für den Umgang mit Demenz – und dazu eine unterhaltsame Lektüre mit starken Bildern, in denen man sich selbst ein wenig verlieren kann. (hz)
Lika Nüssli: «Vergiss dich nicht». Edition Moderne, 2026; 168 Seiten; 33.90 Franken
Ein zauberhaftes Duo, dem nicht alles gelingt

Cosmo kommt just dann zur Welt, als ein Blitz in eine Fichte einschlägt. Das Kätzchen wird in einer Hutfabrik geboren und schon bald zeigt sich, dass es kein gewöhnliches Tier ist. Und Aywa, Tochter einer bekannten Magierin, kann jede Hilfe gebrauchen. Sie hat zwar die magischen Kräfte ihrer Mutter geerbt, flucht aber häufig, weil bei ihren Zaubereien die Dinge oft schiefgehen.
Gemeinsam werden Aywa und Cosmo in die Zauberschule von Wickfield aufgenommen und lernen dort nicht nur neue Freunde kennen, sondern erleben einige Abenteuer.
Die Triologie eignet sich für Kinder im Alter zwischen 8 und 12 Jahren (auch zum Vorlesen). Sie kombiniert Spannung mit Unterhaltung und zeigt darüber hinaus, was Menschen (und Tiere) erreichen können, wenn sie zusammenhalten. (jow)
Barbara Rosslow: « Cosmo Zauberkater». Coppenrath, 2023; 240 Seiten, 19.90 Franken.
Islamistischer Terror – und trotzdem lustig

Wie kann man von der Situation der sogenannten IS-Bräute in Camps in Syrien und dem Irak schreiben, ohne in einen tragischen Ernst abzudriften? Indem man es tut wie Nussaibah Younis.
Die britische Autorin schafft es, die Ausweglosigkeit junger Frauen zu schildern, die aus ihren europäischen Heimatstaaten in das ehemalige «Kalifat» der Terrororganisation «Islamischer Staat» gereist sind. Dort wurden sie, meist im Teenageralter, mit IS-Mitgliedern verheiratet und brachten häufig Kinder zur Welt. Nach dem Scheitern des «Kalifats» wurden sie in Lagern interniert und hofften auf eine Rückkehr nach Hause. Doch europäische Regierungen hatten grosse Vorbehalte, weil die Frauen als radikalisiert gelten.
Younis hat Internationale Beziehungen studiert und arbeitet bei der UNO. Sie kennt aus erster Hand, wovon sie erzählt. Um den schweren Stoff leicht verdaubar zu machen, verpackt sie ihn in eine Satire über das Gerangel von Hilfswerken in Krisensituationen. Ihre Protagonistin ist eine überforderte Idealistin, die von Liebeskummer gebeutelt im Irak neue Flirts hat. In einer Buchkritik wurde der Plot als «Bridget Jones trifft IS-Bräute» zusammengefasst.
Nussaibah Younis schafft es, leichtfüssig und unterhaltsam eine Geschichte zu erzählen, ohne dabei den ernsten Hintergrund ins Lächerliche zu ziehen. Die Dialoge sitzen, die Situationskomik zündet und die Kritik an der Politik bringt einen zum Nachdenken, lange nachdem die Buchdeckel geschlossen sind. (dst)
Nussaibah Younis: «Fundamentalös». Unionsverlag, 2026; 384 Seiten, 35.90 Franken.
Klima-Ausreden entlarvt

Die Philosophinnen Barbara Bleisch, Kirsten Meyer, Stefan Riedener, Dominic Roser und Christian Seidel wollen die Klimadebatte verbessern. In «Besser um die Zukunft streiten» wägen sie zwanzig oft gehörte Thesen zu Klimaerwärmung und -schutz ab. Von «Die Katastrophe lässt sich nicht mehr aufhalten» bis «Im Alleingang kann ich ohnehin nichts bewirken».
Erhellend ist das dort, wo sie in ihrem Kerngebiet unterwegs sind; wenn es um Begriffe wie Moral, Gerechtigkeit oder Freiheit geht.
So müsse, wenn von Freiheit die Rede ist, immer die Frage gestellt werden, «welche Freiheiten genau gemeint sind». «Jene der Touristen, die gerne mehrmals im Jahr Ferien machen möchten? Oder jene der Einwohner von Inselstaaten, die wegen der Erderwärmung fürchten müssen, ihre von Überflutung bedrohte Insel zu verlieren?» Wer auf Freiheit setze, müsse die Freiheit aller meinen, bilanzieren sie.
Bei Menschen und Organisationen, die den Klimaschutz torpedieren, weil sie rücksichtslos ihre eigenen Interessen verfolgen, kommen auch die besten Argumente nicht an. Für alle anderen sind die Kurztexte wegen ihrer Klarheit und Verständlichkeit lesenswert. Sie entlarven die Thesen gekonnt als das, was sie letztlich sind: Ausreden. (eba)
Barbara Bleisch, Kirsten Meyer, Stefan Riedener, Dominic Roser, Christian Seidel: «Besser um die Zukunft streiten». Hanser, 136 Seiten; 25.90 Franken.
Faszinierender Sonderling

Auf Fotografien inszenierte er sich ganz in der Nachfolge Jesu: mit wallendem Haar, nacktem Oberkörper und kurzem Lendenschurz, umgeben von religiösen Symbolen. Der Wanderprediger und «Kohlrabi-Apostel» Gustav Nagel (1874-1952) gehörte zu den Anhängern der Lebensreformbewegung, die um 1900 in Europa alternative Lebensformen wie Vegetarismus, Freikörperkultur und neue Formen des Zusammenlebens propagierten.
Als Gastwirtsohn wäre Nagel eigentlich zum Geschäftsmann berufen gewesen, erfahren wir aus der kenntnisreichen Biografie der Ethnologin Heike Behrend. Aufgrund seiner Kränklichkeit musste er seine Lehre jedoch abbrechen und suchte sein Heil in der Naturheilkunde. Bald schon sehen wir ihn in einer selbst gebauten Erdhöhle, wo er als Naturmensch lebt und sich von Rohkost ernährt. Später zieht es ihn auf Wanderschaft quer durch Deutschland und bis ins Heilige Land.
Heike Behrend zeichnet das Bild eines Sonderlings, der die Menschen gleichermassen fasziniert und befremdet und immer wieder in Konflikt mit den Autoritäten kommt. Zeitweise entmündigt und vom Vater enterbt, gelingt es Nagel doch, sich durch den Verkauf von Postkarten, auf denen er sich als Heiliger inszeniert, eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Am Arendsee im Bundesland Sachsen-Anhalt erbaut er sich mit diesen Einkünften auf einem Stück Land einen Paradiesgarten mit eigenem Tempel.
Trotz seiner nationalkonservativen Gesinnung geriet Nagel später in Konflikt mit den Nazis und landete als «Schutzhäftling» im Konzentrationslager Dachau. Und auch die DDR-Behörden begegnete ihm misstrauisch und steckten ihn in eine Nervenheilanstalt, wo er 1952 starb.
Trotz der fragwürdigen Seiten von Nagels Leben und Denken versteht man die Sympathie der Autorin für diese Figur gut: Es ist eindrücklich, wie hier einer gegen alle Widerstände seinen Weg gegangen ist. (no)
Heike Behrend: «Gespräche mit einem Toten. Gustaf Nagel, Prophet vom Arendsee». Matthes & Seitz, Berlin 2025, 312 Seiten; 41.90 Franken.