Leicht ist ein Glaubenswechsel für Flüchtlinge nicht

Flüchtlinge konvertieren in Deutschland zum Christentum. Ist es nur eine Absicherung gegen die Abschiebung oder eine Herzensangelegenheit? Eine Spurensuche in Berlin.

Hier lassen sich Flüchtlinge taufen: Eingang der Friedenskirche in Berlin-Charlottenburg.
Hier lassen sich Flüchtlinge taufen: Eingang der Friedenskirche in Berlin-Charlottenburg. (Bild: Wikipedia/Kalima)

Zahra öffnet die Bibel und blättert vor bis zum Markus-Evangelium. In der freievangelischen Friedenskirche in Berlin-Charlottenburg trifft sie sich wie jede Woche zum Bibelkreis. Vor drei Jahren ist die 22-Jährige aus Schiras in Iran nach Berlin gekommen, vor eineinhalb Jahren wurde sie getauft. «Mein Herz ist jetzt ruhig», sagt sie.

Im Bibelkreis lassen die Flüchtlinge die Sorgen über ihre laufenden Asylverfahren hinter sich, sagt Pastor Hendrik Kissel. 14 Emigranten, alle Iraner, hat er in der Gemeinde bereits getauft.

«Wenn ein konvertierter Christ in sein Heimatland abgeschoben wird, bekommt er hundertprozentig Probleme», fasst Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats ehemaliger Muslime, das Risiko des Religionswechsels zusammen, der den Konvertiten sogar das Leben kosten könne. Die freie Glaubensausübung ist etwa in der Islamischen Republik Iran nicht möglich.

Regierung alarmiert

In der Regierung in Berlin wird allerdings mit Skepsis gesehen, dass einige Flüchtlinge sich durch den Übertritt rückversichern wollten. «Ein Teil der Antragsteller versucht, über einen Religionswechsel einen Schutzstatus zu erzwingen, der ein Aufenthaltsrecht sichert», kritisiert auch Matthias Henning vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Das Übertrittsphänomen sei besonders bei Iranern zu beobachten. Dabei sei der Aspekt, durch die Konvertiten neue Mitglieder zu gewinnen, bei den Volkskirchen weniger von Bedeutung als bei den Freikirchen. Zahlen zu Flüchtlingskonversionen liegen im Innenministerium nicht vor.

In vielen Gemeinden der etablierten Kirchen gibt es für einen Religionswechsel Hürden wie eine mehrmonatige Taufvorbereitung. Hört man von Schwimmbad-Massentaufen, entsteht jedoch der Eindruck, Freikirchen könnten hier in eine Lücke stossen. «Taufe ist ein Sakrament, das zu keinem noch so gut gemeinten Anliegen verzweckt werden darf», mahnt Hans Ulrich Anke von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

«Miteinander kann man nicht vorspielen»

Pastor Kissel wehrt sich gegen den Vorwurf, die Taufanwärter kämen zur Blitztaufe in die Freikirchen. Es gebe zwar Gemeinden, in denen Flüchtlinge ungewöhnlich schnell und häufig konvertieren könnten.

Die Bedeutung der Taufe sei aber insgesamt nicht entwertet. Die Taufvorbereitung durch den religiösen Austausch und intensive Gespräche sei individuell und zeitaufwendig. «Da hilft uns kein Taufkurs. Wir müssen beurteilen, wer von Herzen glaubt. Leicht ist das nicht. Aber ein Miteinander kann man nicht vorspielen.»

Die Erfahrung zeige, dass die Konvertiten der Gemeinde nach der Taufe treu blieben. Einen finanziellen Beitrag müssten sie als Gemeindemitglieder nicht leisten, sagt Kissel. «Wir bekommen von diesen Menschen keinen Cent, aber da fragen wir auch nicht nach. Das wäre absolut unfair.»

Auch Pfarrer Jens Jacobi aus der Melanchthongemeinde im Berliner Stadtteil Spandau sagt: «Dass jemand kommt und sagt, lasst mich schnell getauft werden, das funktioniert nicht.»

In der benachbarten Josua-Gemeinde sitzen regelmässig arabische Übersetzer im Gottesdienst. «Es geht darum, Menschen eine Chance zu geben, den christlichen Glauben kennenzulernen», sagt Pastor Jörg Gerasch. Weder reine Wissensvermittlung noch der Gedanke an das Asylverfahren dürften die kirchliche Arbeit mit Konvertiten prägen.

Überzeugung statt Taktik

Schliesslich führt eine Konversion nicht zwingend zum Schutzstatus. «Allein die Existenz der Taufbescheinigung reicht nicht», betont Henning vom Bundesamt für Migration.

Um die Statusregelung zu klären, müsse glaubhaft sein, dass der Betreffende aus innerer Überzeugung und nicht aus taktischen Gründen konvertiere. «Das fragen wir nicht im Sinne eines Faktenchecks ab. Für uns ist die Frage, ist das alles stimmig.» In jedem Fall sei eine sorgfältige und umfassende Prüfung des Einzelfalls geboten, ergänzt ein Sprecher des Innenministeriums.

«Wie ein Ehering»

In der Friedenskirche wartet Hamid aus Teheran auf seine Taufe. Seit fünf Monaten ist er in Deutschland, von seiner Unterkunft in Beelitz braucht er mit Bus und Bahn fast zwei Stunden bis in die brandenburgische Gemeinde.

«Die Taufe ist ein Zeichen der Verbindung zu Gott, wie ein Ehering», sagt er. Wann es für ihn so weit ist, weiss er nicht. In Deutschland könne er seinen christlichen Glauben endlich leben.

In der Unterkunft geht er mit seiner Religion zurückhaltend um. Argwohn und sozialen Druck erfahre er zwar, Übergriffe auf Christen habe er jedoch nicht erlebt, erzählt der 49-Jährige.

Vaterunser auf Farsi

Die Situation der religiösen Minderheiten sei von der Organisation der Unterkünfte abhängig, sagt Pastor Kissel. «Es gibt Übergriffe, natürlich ist das Problem da. Aber von einer weitreichenden Christenverfolgung in Deutschland können wir nicht sprechen», kommentiert er die Debatte über die Situation in Flüchtlingsheimen.

Im Bibelkreis wird das Vaterunser auf Farsi gesprochen. Zahra sind die Tränen in die Augen gestiegen. Leicht habe sie es mit ihrem Glaubenswechsel nie gehabt, sagt sie. Viele ihrer Freunde aus dem Iran hätten sich von ihr abgewendet.

Hamid klappt seine Bibel zu. Hat er Angst vor einer Abschiebung als getaufter Christ? «Natürlich. Aber Gott passt auf mich auf. Mir ist es nicht wichtig, wo ich bin. Christ bin ich überall.» (Reuters/sda)