Küng-Nachfolgerin wirft Protestanten Profilneurose vor

Die katholische Theologieprofessorin Johanna Rahner von der Universität Tübingen diagnostiziert bei den deutschen Protestanten eine «konfessionelle Profilneurose». Es ist nicht ihr einziger Vorwurf an die Adresse der Protestanten in der Wochenzeitung «Die Zeit».

Professorin Rahner empfahl in der Wochenzeitung «Die Zeit», das Erbe der Reformation als ein gemeinsames Erbe des Christentums wahrzunehmen. Bild: Screenshot Referat Evangelischer Kirchenkreis Trier/Youtube

Rahners Kritik an der evangelischen Kirche fällt im Interview mit der Wochenzeitung «Die Zeit» scharf aus: «Die deutschen Protestanten machen zur Zeit nicht den besten Eindruck: Man scheint immer noch nicht sagen zu können, was protestantisch heute heisst, ohne sich am Katholizismus abzuarbeiten», ergänzte die Theologin, die im Sommersemester den Tübinger Lehrstuhl für Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie des katholischen Kirchenkritikers Hans Küng übernommen hat.

Luther zum «Erfinder der Demokratie, Freiheit und Toleranz» stilisiert

Weiter sprach Rahner mit Blick auf den 500. Jahrestag der Reformation von «Profilierungsnot» und «konfessioneller Profilneurose». Letztere gehe so weit, dass Martin Luther zum «Erfinder der Demokratie, der Freiheit und der Toleranz» stilisiert werde. Sie forderte eine aktive Annäherung der Kirchen: «Das Erbe der Reformation ist ein gemeinsames Erbe. (…) Wir sollten das Gemeinsame betonen.»

Schwache Argumente gegen Frauenordination

Die Professorin forderte die katholische Kirche auf, bei der Emanzipation eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Denn schon die Bibel sehe Mann und Frau als gleichberechtigt. Zum Frauenpriestertum sagte sie: «Die Apostel mögen ja männlich gewesen sein.» Fraglich sei jedoch der Zusammenhang zwischen den Aposteln und der Ämterstruktur der Kirche: «Weder ist historisch betrachtet Petrus der Papst, noch sind die Bischöfe einfach die Nachfolger der Apostel. Männliche Apostel sind also ein schwaches Argument gegen Frauenordination.»

Prinzipien gut, aber menschenwürdig

Rahner befürwortete zudem einen kirchlichen Segen für homosexuelle Paare, wie dies in einigen evangelischen Landeskirchen Praxis ist. «Die Bitte um den Beistand Gottes kann auch hier theologisch legitim sein.» Einen besseren Umgang empfahl sie der katholischen Kirche auch mit den wiederverheiratet Geschiedenen. Prinzipien zu haben sei gut, allerdings müsse man diese auch menschenwürdig anwenden. «Wenn das Schuldigwerden am Scheitern der ersten Ehe anerkannt wird, ist eine Zweitheirat möglich», fügte sie hinzu. Rahner lehrte zuletzt in Kassel am Institut für Katholische Theologie Systematische Theologie.

 

Lehrstuhl für Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie an der Universität Tübingen, Prof. Dr. Johanna Rahner