Versöhnungsforschung
«Warum sollte eine Mutter dem Mörder ihrer Kinder verzeihen?»
Frau Schliesser, Sie sind Versöhnungsforscherin. Angesichts der aktuellen globalen Lage: Wie schwer fällt es Ihnen, die Hoffnung nicht zu verlieren?
Wir müssen zwischen fundierter Hoffnung und naivem Optimismus unterscheiden. Als Versöhnungsforscherin stütze ich mich auf eine christlich geprägte Friedens- und Versöhnungsethik, deren Kern die Osterbotschaft der Auferstehung und damit die Hoffnung auf eine andere und bessere Wirklichkeit ist. Diese Wirklichkeit kann auch bereits im Hier und Jetzt aufleuchten. Ohne diese Perspektive müsste ich mich tatsächlich nach einer anderen Arbeit umschauen.
Was genau bedeutet Versöhnung für Sie?
Versöhnung ist in erster Linie ein Beziehungsgeschehen – es geht darum, zerbrochene Beziehungen zu heilen. Ein ruandischer Freund hat das einmal anschaulich demonstriert, indem er ein Blatt Papier entzweigerissen hat. Versöhnung heisst, die beiden Hälften wieder zusammenzufügen. Das ist oft ein schwieriger und langwieriger Prozess, in dem verschiedene Aspekte zum Tragen kommen.
Welche zum Beispiel?
Zur Versöhnung gehört Wahrheit. Es muss offengelegt werden, was geschehen ist. Dann braucht es die Reue des Täters sowie eine aufrichtige Bitte um Vergebung. Wo möglich, ist schliesslich auch eine materielle Wiedergutmachung sinnvoll. Sie zeigt, dass es dem Täter mit seiner Bitte ernst ist und das Geschehene nicht noch einmal passiert. Starke symbolische Gesten wie der Kniefall von Willy Brandt vor dem Ehrenmal für die Helden des Warschauer Ghettos können ebenfalls zur Versöhnung beitragen.
Sie haben unter anderem zum Völkermord in Ruanda geforscht, bei dem innerhalb weniger Monate etwa 800'000 Menschen ums Leben kamen. Wie ist Versöhnung angesichts solcher Verbrechen möglich?
Nach dem Völkermord von 1994 setzte Präsident Paul Kagame eine umfassende nationale Versöhnungspolitik in Gang. Das war ein wichtiger Schritt. Eine Versöhnungskommission wurde ins Leben gerufen, die zahlreiche Projekte im Land anstiess. Doch brauchen diese Top-down-Projekte, die «von oben» angeordnet werden, auch Bottom-up-Initiativen, die sie ergänzen. Hier gibt es besonders auch viele christliche Akteurinnen und Akteure, die das Versöhnungsthema aufnehmen. Ein Beispiel dafür ist das Projekt «Cows for Peace» («Kühe für den Frieden»).
Christine Schliesser ist Titularprofessorin für Systematische Theologie an der Universität Zürich und Research Fellow in «Studies in Historical Trauma and Transformation» an der Universität Stellenbosch, Südafrika.
Seit Anfang Jahr verantwortet sie zudem die theologische Grundlagenarbeit bei den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso). (no)
Worum geht es dabei?
Bei dem Projekt bekommen ein Täter und ein Opfer gemeinsam eine Kuh geschenkt. Das Tier wird zunächst beim Opfer untergebracht und der Täter kommt regelmässig, um bei der Pflege zu helfen. So weit ist das ein klassisches Entwicklungsprojekt, bei dem die Kuh zum Lebensunterhalt der Familien beiträgt. Es passiert aber noch mehr. Die regelmässigen Besuche verändern die Beziehung zwischen Täter und Opfer, sodass allmählich ein Heilungsprozess in Gang kommen kann.
Nun könnte man einwenden, dass Täter und Opfer in diesem Projekt die Bereitschaft haben, aufeinander zuzugehen. Was passiert, wenn die Fronten völlig verhärtet sind?
Es ist nicht selten, dass Opfer am Anfang nichts mit den Tätern zu tun haben wollen. Ich habe in Südafrika eine junge Frau getroffen, deren Vater vom Apartheid-Regime zu Tode gefoltert wurde. Lange war Versöhnung für sie unvorstellbar. Irgendwann merkte sie, dass der Hass auf die Täter ihr eigenes Leben zerstörte. Sie sagte, dieser Hass war wie ein Gift, das sie für jemand anderen braute, aber selbst trank. Versöhnung bedeutete für sie schliesslich auch, sich von den Tätern zu befreien.
Hat es für das Opfer immer negative Folgen, wenn es nicht vergeben will?
Vergebung ist auch emotional komplex. Es hat nicht nur mit «wollen» zu tun, aber eben auch. Viele Opfer berichten, dass sie Vergebung als Befreiung erleben und als Selbstwirksamkeit. Sie erleben sich als nicht länger auf die Opferrolle reduziert.
Was sind die langfristigen Folgen, wenn Versöhnung ausbleibt?
Im Jugoslawienkrieg zum Beispiel haben wir gesehen, wie Vorurteile und Zuschreibungen, die aus dem 16. Jahrhundert stammten, plötzlich wieder zum Vorschein kamen und politisch instrumentalisiert werden konnten. Daher ist es wichtig, gemeinsame Räume zu schaffen und Stereotypen zu überdenken.
Welche Beispiele für gelungene Versöhnung gibt es?
Für mich ist die Europäische Union ein solches Beispiel, auch wenn wir gerade einen Krieg vor der Haustür haben. Dennoch hat Europa nach dem Zweiten Weltkrieg eine bemerkenswerte lange Friedensperiode erlebt. Gezielte Versöhnungsarbeit hat dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet.
Woran denken Sie konkret?
Ich denke insbesondere an den Jugendaustausch zwischen Deutschland und Frankreich seit den 1950er-Jahren. Im Rahmen dieser Programme verbrachten zahllose Jugendliche ein paar Wochen in einer Gastfamilie im jeweils anderen Land. So konnten sie erfahren, dass die Menschen dort mehr waren als Feinde – nämlich Menschen wie sie selbst. Feindbilder und Stereotypen wurden auf diese Weise in Frage gestellt und durch neue Deutungen ersetzt.
Sie sind Theologin. Was können Religionen zur Versöhnung beitragen?
Wir sehen oft vor allem die zerstörerischen Potenziale von Religion. In der Geschichte gibt es zahllose Beispiele dafür – von den Kreuzzügen bis in die Gegenwart. Jede Religion hat aber auch starke Ressourcen für Frieden und Versöhnung. Der Glaube ist eine Kraftquelle. Er kann die Menschen dazu motivieren, Versöhnung zu suchen. Das hängt damit zusammen, dass Religionen auch die emotionalen und spirituellen Dimensionen des Menschen in den Blick rücken. Reine Vernunftgründe reichen oft nicht aus, um zu vergeben. Warum sollte die Mutter dem Mörder ihrer Kinder verzeihen?
Gibt es Verbrechen, die so ungeheuerlich sind, dass sie Versöhnung unmöglich machen?
Solche Verbrechen sind in Ruanda passiert und passieren auch heute jeden Tag auf dieser Welt. Aus menschlicher Sicht scheint Versöhnung in solchen Situationen vollkommen unmöglich. Und doch sehen wir, dass sie stattfindet und real ist, eben ein Aufleuchten der Gotteswirklichkeit. Versöhnung ist aber immer harte Arbeit. Sie braucht Zeit und Raum. Auf sie trifft zu, was die Philosophin Hannah Arendt über die Vergebung gesagt hat: Sie ist letztlich ein Wunder.