Krieg in der Ukraine

«Auch die Seelsorgenden sind psychisch stark belastet»

Im Ukrainekrieg sind auch hunderte Seelsorgende an der Front im Einsatz. Osteuropa-Kennerin Regina Elsner erklärt, wie sie mit dem Leid umgehen, was die ukrainische Militärseelsorge von der russischen unterscheidet – und weshalb ein Frieden in weiter Ferne liegt.
Ein orthodoxer Geistlicher segnet einen ukrainischen Soldaten. (Bild: Sergey Kozlov / Keystone)

Frau Elsner, der Krieg in der Ukraine ist für die Soldaten äusserst zermürbend. Mit welchen Fragen und Sorgen kommen sie zu den Seelsorgenden?
In erster Linie geht es um die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod. Die Soldaten erleben, wie Kameraden verwundet oder getötet werden und sehen sich selbst mit dieser existenziellen Bedrohung konfrontiert. Dabei stellen sich religiöse Fragen, die von den Seelsorgenden gut aufgefangen werden können. Das ist umso wichtiger, als eine professionelle psychologische Unterstützung an der Front oft fehlt. Ein zweites Thema ist die Distanz zur Familie: Einschneidende Ereignisse wie die Geburt eines Kindes oder den Tod von Angehörigen erleben sie nur aus der Ferne.

Auch für die Seelsorgenden selbst ist der Dienst an der Front eine Extremsituation. Wie gehen sie damit um?
Die Kirchen sind sich bewusst, dass auch die Seelsorgenden psychisch stark belastet sind. Auch sie erleben das Leid und sind von der Familie getrennt. Daher werden sie speziell für den Dienst an der Front ausgebildet. Zudem gibt es regelmässige Treffen und Begleitung, damit sie das Erlebte verarbeiten können. Es gibt auch eine regelmässige Rotation, keiner bleibt monatelang an der Front.

Trotz der guten Ausbildung mangelt es in der Ukraine an Militärseelsorgenden. Warum?
Noch bis vor Kurzem war die Militärseelsorge ein Ehrenamt. Erst seit 2022 gibt es ein Gesetz, das diesen Dienst staatlich regelt und innerhalb der Armee feste Stellen vorsieht. Die Ausbildung läuft aber dem Bedarf hinterher – das ist natürlich auch der Kriegssituation geschuldet. Ausserdem spielt der Konflikt zwischen den beiden orthodoxen Kirchen in der Ukraine eine Rolle. Momentan ist die ukrainisch-orthodoxe Kirche, die bis vor wenigen Jahren dem Moskauer Patriarchat unterstand, nicht mehr zur Militärseelsorge zugelassen. Dadurch können viele Stellen nicht besetzt werden.

« In der russischen Militärseelsorge steht die patriotisch-moralische Erziehung der Soldaten im Fokus. »
Regina Elsner

In der ukrainischen Armee kämpfen auch Angehörige anderer Religionsgemeinschaften. Haben Juden oder Muslime ihre eigenen Seelsorgenden?
Andere Religionsgemeinschaften oder Konfessionen haben meist auch eigene Militärseelsorgende – speziell die griechisch-katholische Kirche ist da sehr aktiv. In der Praxis ist der Anteil von Juden oder Muslimen in einer militärischen Einheit aber oft zu klein, um eigens einen Geistlichen abzubestellen. In diesem Fall sorgt man dafür, dass sie ihren Glauben dennoch ausüben können – indem man zum Beispiel die Gebetsräume religiös neutral gestaltet oder Muslime einen Gebetsteppich erhalten. Es ist eines der Hauptziele des Gesetzes, dass die Religionsfreiheit für alle garantiert ist.

Zur Person

Regina Elsner ist katholische Theologin und Professorin für Ostkirchenkunde und Ökumenik an der Universität Münster. Ihr Forschungsschwerpunkt ist das Verhältnis von Orthodoxie, Gesellschaft und Politik in Osteuropa, besonders Russland, Ukraine und Belarus, sowie Fragen der ökumenischen Friedensethik.

Auch auf russischer Seite sind Militärseelsorger aktiv. Wie lautet deren Auftrag?
In Russland ist die Seelsorge seit vielen Jahrzehnten fest im Militär verankert – allerdings hat sie einen fundamental anderen Auftrag als in der Ukraine. Im Fokus steht die patriotisch-moralische Erziehung der Soldaten. Das ist in den Vereinbarungen mit dem Staat ausdrücklich so festgehalten. Viele russische Militärseelsorger treten in den sozialen Medien als Ideologen auf und rechtfertigen den Krieg als göttlichen Auftrag. Und obwohl es vom Kirchenrecht untersagt ist, tragen manche Waffen und kämpfen an der Front mit. Später kehren sie in ihre Gemeinden zurück und setzen ihre pastorale Arbeit nahtlos fort.

Wie gross ist auf ukrainischer Seite die Gefahr, dass die Militärseelsorge für Kriegsziele instrumentalisiert wird?
Natürlich will auch die Militärseelsorge in der Ukraine dazu beitragen, die Kämpfenden psychologisch zu stabilisieren. In der Ausbildung gibt es aber eine hohe Sensibilität für möglichen Missbrauch. Es wird darauf geachtet, dass Geistliche nicht zum Kampf aufhetzen, sondern ihr primäres Anliegen darin besteht, dass die Soldaten seelisch gesund bleiben. Das wird auch durch die enge Zusammenarbeit der ukrainischen Militärseelsorge mit Armeen im Ausland gewährleistet.

« Ein pauschales Verbot wäre eine Form von Kollektivschuld und würde die ukrainische Gesellschaft spalten. »
Regina Elsner

Sie haben den Konflikt zwischen den beiden orthodoxen Kirchen in der Ukraine erwähnt. Wie ist der aktuelle Stand?
Das Verhältnis der beiden Kirchen ist nach wie vor äusserst angespannt. Ein Rechtsgutachten hat bestätigt, dass weiterhin Verbindungen der ukrainisch-orthodoxen Kirche (UOK) zum Moskauer Patriarchat bestehen, weshalb der Staat das Recht habe, diese Religionsgemeinschaft aufzulösen. Gleichzeitig wächst der gesellschaftliche Druck auf die Kirche. Immer mehr Menschen fordern, dass sich die Kirchenleitung deutlicher unabhängig von Moskau verhält. Auch innerhalb der UOK selbst wächst die Kritik.

Wäre ein Verbot eine gute Lösung?
Ich halte ein Verbot für hochproblematisch. Der ukrainische Staat hat legitime Gründe, den russischen Einfluss einzudämmen. Aber ein pauschales Verbot wäre eine Form von Kollektivschuld und würde die ukrainische Gesellschaft eher spalten als stärken. Gegen einzelne Kollaborateure kann man juristisch vorgehen – dafür braucht es kein Verbot einer ganzen Religionsgemeinschaft.

Ein Blick in die Zukunft: Nach dem Waffenstillstand im Nahen Osten will Donald Trump nun auch den Krieg in der Ukraine beenden. Wie realistisch ist das?
Ich bin eher pessimistisch. Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass Russland keinerlei Interesse an einer Beendigung des Krieges hat. Putin bleibt bei seinen Maximalforderungen, setzt weiter auf Terror gegen die Zivilbevölkerung und verletzt systematisch die Menschenrechte. Das alles gibt wenig Anlass zu Hoffnung.  

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