Kirchentag endet mit politischen Appellen

Mit dem Aufruf zu mehr Zivilcourage ist der 37. Deutsche Evangelische Kirchentag in Dortmund zu Ende gegangen. In den vergangenen fünf Tagen hatten sich über 120'000 Menschen versammelt, um gemeinsam zu beten, zu singen und zu debattieren.

An der Abschlusszeremonie des Kirchentages im Stadion von Borussia Dortmund halten Besucherinnen Schals mit dem Motto «Was für ein Vertrauen» in die Höhe. (Bild: Keystone/Roland Weihrauch)

Mit Gottesdiensten im Fussballstadion von Borussia Dortmund und im Westfalenpark haben Tausende Menschen am 23. Juni den Abschluss des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages gefeiert. Kirchentagspräsident Hans Leyendecker rief in Deutschlands grösstem Fussballstadion vor rund 32’000 Besuchern zum Einsatz für Menschenrechte auf. «Wir müssen handeln! Haltung zeigen!» Pontius Pilatus habe sich vor der Kreuzigung Jesu die Hände in Unschuld gewaschen, sagte der Journalist. «Europäische Politikerinnen und Politiker waschen sie in dem Wasser, in dem Flüchtlinge ertrinken.» Leyendecker forderte, sich «den Spaltern und Hetzern in unserer Gesellschaft entgegenzustellen». Man dürfe den öffentlichen Raum nicht Leuten überlassen, die das Gemeinwesen zerstören wollten.

Die Teilnehmerzahlen der beiden Gottesdienste blieben mit insgesamt rund 37’000 Besuchern deutlich hinter den Erwartungen der Veranstalter zurück, die mit bis zu 100’000 Menschen gerechnet hatten. Man sei dennoch nicht enttäuscht, sagte Kirchentagssprecherin Sirkka Jendis. Sie verwies auf gute Besucherzahlen der vergangenen Tage und die zu erwartende Hitze am Sonntag, die möglicherweise einige Menschen abgehalten habe. «Aber wir müssen vielleicht sehen, ob es eine Tendenz gibt, schon am Samstag abzureisen», sagte Jendis.

Kirche als «rollende Frittenbude»

Erstmals seit 18 Jahren wurde ein Kirchentagsabschluss wieder in einem Stadion gefeiert. In ihrer Predigt in der Mitte des Fussballfeldes warb die Pastorin Sandra Bils von der ökumenischen Bewegung Kirchehoch2 aus Hannover für Mut zu neuen Wegen. «Vielleicht zeigt sich das in neuen Formen von Kirche: Kirche als rollende Frittenbude – Glaube, Liebe, Currywurst.»

Auch Bils appellierte an Christinnen und Christen, sich für Flüchtlinge einzusetzen. «Für uns ist Lebensretten kein Verbrechen, sondern Christenpflicht. Man lässt keine Menschen ertrinken!» Die Kollekten der Abschlussgottesdienste gingen an das Aufklärungsflugzeug «Moonbird» der Seenotrettungs-Organisation «Sea-Watch» und ein Projekt des evangelischen Hilfswerks «Brot für die Welt» für südsudanesische Flüchtlinge in Äthiopien.

Biervorrat aufgekauft

Vor der Seebühne im Westfalenpark feierten zeitgleich rund 5’000 Menschen einen Familiengottesdienst. Pastorin Kristin Jahn rief angesichts der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke dazu auf, sich Rechtsextremismus entgegenzustellen. «Wenn ihr einen von uns erschiesst, steht unsere Hoffnung tausendfach auf, lasst uns das diesen Nazis und Verbrechern entgegenrufen», sagte die Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises Altenburg in Thüringen. Sie lobte die Bürger im sächsischen Ostritz, die als Reaktion auf ein grosses Treffen von Rechtsextremisten am 22. Juni den gesamten Biervorrat eines Supermarktes aufgekauft hätten: Widerstand könne manchmal auch heissen, «Geld in die Hand zu nehmen, um das Bier wegzukaufen».

Nächster Kirchentag in zwei Jahren

Seit dem 19. Juni hatten beim Kirchentag in Dortmund insgesamt rund 121’000 Teilnehmer gebetet, gesungen und über aktuelle politische Themen debattiert. Das Christentreffen ist alle zwei Jahre in einer anderen Stadt zu Gast. Für 2021 ist zum dritten Mal ein Ökumenischer Kirchentag geplant. Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung, und der katholische Limburger Bischof Georg Bätzing luden bereits im Dortmunder Abschlussgottesdienst für den 12. bis 16. Mai 2021 nach Frankfurt am Main ein. (epd)