«Kirchenmusik kann uns eine Ahnung vom Absoluten geben»

Am Kirchenmusikkongress in Bern trat einer der bekanntesten Schriftsteller der Schweiz auf. Thomas Hürlimann über Musik, die Ahnung vom Absoluten und Gottesdienste auf Kita-Niveau.

Thomas Hürlimann: «Jedenfalls habe ich es noch nie erlebt, dass ich so rasch die Identität gewechselt habe, wie an dem Tag, da ich vom Gesunden zum Kranken geworden bin. »
Thomas Hürlimann: «Jedenfalls habe ich es noch nie erlebt, dass ich so rasch die Identität gewechselt habe, wie an dem Tag, da ich vom Gesunden zum Kranken geworden bin. » (Bild: Isolde Ohlbaum/laif)

Herr Hürlimann, Sie haben am Kongress zu Kirchenmusik und Liturgik in Bern den Eröffnungsvortrag gehalten. Was sagt ein Mann des Wortes über Kirchenmusik?

Dass sie uns eine Ahnung vom Absoluten geben kann.

 

Was kann die Musik, was die Sprache nicht kann?

Das ist eine schwierige Frage. Musik spricht, und eine literarische Sprache sollte musikalisch sein. Sie sind also miteinander verwandt, und oft gehen sie ja eine wundervolle Verbindung ein, im Lied oder in der Oper.

 

Was verbindet Sie mit der Kirchenmusik? Gibt es ein Werk, das Sie besonders berührt?

Mich berühren am meisten die gregorianischen Choräle, die ich als Sängerknabe im Chor der Stiftsschule Einsiedeln gesungen habe. Diese fast monoton verlaufenden Melodien sind für mich Linien, die ins Transzendente führen.

 

Der grösste Kirchenmusiker ist Johann Sebastian Bach. Viele erleben in seiner Musik ein Stück Transzendenz. In einem Interview mit der NZZ haben Sie dafür das Wort «Hinüberlehnen» gebraucht. «Wenn man hinüberlehnen kann, dann gibt es die andere Seite.» Erleben Sie dies auch bei Bachs Musik?

Nicht unbedingt bei Bach. Er ist mir zu streng, manchmal zu maschinenartig. Eher, wie gesagt, bei den Chorälen. Aber vielleicht ist auch mein letztes Bach-Erlebnis an dieser Einschätzung schuld. Vor Beginn gab es eine halbstündige Einleitung über den gefährlichen Antisemitismus, der in diesem Werk stecken soll. Das «Barabbam» haben sie dann geblubbert wie ein Chor von Fröschen, denen man die Stimmbänder durchgeschnitten hatte. Die Kirchenmusik kann mit ihren Schätzen nicht mehr umgehen – und wenn sie nur noch museal daherkommt, also im Konzertsaal, hat sie einen Teil ihrer Wirkung eingebüsst.

 

Sie leben wieder in der Schweiz. Hier wurden Sie nach schwerer Krankheit operiert und beschrieben in einem Artikel, wie Sie dem Tod nochmals entkommen sind. Prägt Sie diese Lazarus-Erfahrung immer noch?

Ja, ich glaube, nach so einer Erfahrung ist man ein anderer Mensch. Jedenfalls habe ich es noch nie erlebt, dass ich so rasch die Identität gewechselt habe, wie an dem Tag, da ich vom Gesunden zum Kranken geworden bin. Im Militär zum Beispiel blieb ich immer Zivilist. Und als ich heiratete, dauerte es lang, bis ich mich nicht mehr als Junggeselle empfunden habe. Bei einer OP geschieht die Verwandlung über Nacht. Sie schlafen ein, und wenn Sie wieder erwachen, sind Sie aus allen Gewohnheiten herauskatapultiert. Als würden Sie sich auf einmal irgendwo draussen im All befinden.

 

Leben Sie jetzt anders? Schreiben Sie anders? Gibt es jetzt andere Themen, die Sie aufgreifen und beschäftigen?

Ich habe mit einem Roman, der praktisch fertig war, noch einmal von vorn begonnen. Äusserlich beginnt sich das Leben dem früheren wieder anzugleichen.

 

In einem Beitrag beschreiben Sie, wie Lazarus, den Jesus nach vier Tagen aus dem Grab gerufen hatte, ein Heiliger ohne Eigenschaften und ohne Verdienst ist. Zu seiner Auferstehung hat er nichts beigetragen. Ich möchte Ihren Gedanken weiterspinnen. Ist nicht jeder Ruf ins Leben und jede Auferstehung Gnade und Geschenk?

Da haben Sie absolut recht. Ich habe nur darauf hingewiesen, dass Lazarus selber nichts tun musste, um zur Ehre der Altäre erhoben zu werden. Andere Heilige mussten dafür durch Martyrien gehen.

 

Ist dies das Geheimnis des Lebens?

Sie meinen, dass da eine Hand ist, die uns hält? Das kann sein. Aber eben, es ist Geheimnis.

 

Sie stammen aus einem traditionellen katholischen Umfeld, das Sie geprägt hat. Wie erleben Sie die Kirchen in der Schweiz nach Ihrer Rückkehr aus Deutschland? Sowohl die katholische wie die reformierte.

In Berlin, wo ich mich auskenne, haben sich die christlichen Kirchen vom Mysterium losgesagt. Bei den Gottesdiensten wird man von grassierendem Gutmenschentum geradezu unflätig belästigt. Die deutschen Kirchen sind praktisch zu Vorgruppen der linksgrünen Parteien geworden – es geht um Afghanistan, um die Flüchtlinge, um alles Mögliche, nur nicht um Religion. Ich fürchte, auch in der Schweiz sind wir bald so weit. Vor zwei Wochen nahm ich an einem katholischen Beerdigungsgottesdienst teil, der auf unterstem Kita-Niveau ablief. Er verletzte nicht nur das ästhetische, sondern auch das religiöse Empfinden.

 

Welches Anliegen haben Sie an die Kirchen?

Dass sie sich darauf besinnen, wohin ihre Türme zeigen – nicht in die Welt hinaus, sondern zum Himmel. Aber ich fürchte, dazu ist es bereits zu spät. Pfarrer und Pastoren verstehen sich mehr und mehr als Politologen und Sozialhelfer. Das Konzilsdekret, das die tridentinische Messe abschaffte, ist das katholische Palmyra, das heisst, das war die mutwillige Vernichtung eines grandiosen sakralen Kunstwerks. So hat es die katholische Kirche fertiggebracht, ihre vollen Kathedralen, Dome, Kirchen restlos leer zu fegen Als rot-grüne Partei hat auch die reformierte Kirche keine Überlebenschance, und das ist gut so. Vielleicht wird aus stillen Klausen die Religion neu entstehen. Sofern das Christentum in Europa überhaupt am Leben bleibt. Die brechend vollen Moscheen, wo glühend gläubig zum Krieg gegen uns Ungläubige aufgerufen wird, lassen mich Schlimmes befürchten.

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Tilman Zuber/Kirchenbote